»Der Haß!« entgegnete er.
Sie sann ein wenig. »Aber warum haßt man? Es muß etwas sein, weswegen man haßt.«
»Vielleicht, ja! Doch warum fragen Sie danach? Es ist die Welt frostig geworden, weil die Liebe fehlt. Wir müssen sie suchen.«
Es war ein wunderbarer Klang in seiner Stimme. Hob er das alte Buch? Sein Blick umfing warm ihre Gestalt. Güldenfey wandte das Gesicht zur Seite und begann, ihm von Marfa zu sprechen.
Marfa verließ das Haus selten. Sie hütete ihre Mutterhoffnung, doch Güldenfey wußte, das war es nicht allein, was sie in der Verborgenheit festhielt: sie sehnte sich nach Harro, sie litt, weil er fern war. Ihre jäh erweckte Liebe, die stürmisch nach ihm drängte, wußte in ihm ihren einzigen Halt. Sie hatte alles verloren, nun klammerte sie sich mit verzweiflungähnlicher Sorge an den Trost, den ihr das Leben als Ersatz gegeben. Kam er, so lebte sie auf; ging er, so krankte sie.
»Hier versteht mich keines, nur du, Güldenfey«, sagte sie. »Es fehlt allen hierzulande der sechste Sinn, der ahnt und erfühlt. Auch Harro fehlt er, sonst ließe er mich nicht so oft allein.«
»Wie sollte ich ihn denn besitzen!« zweifelte Güldenfey.
»Deine Seele ist wie das Geheimnis des Kristalls«, antwortete Marfa.
»Ich bleibe bei dir«, tröstete Güldenfey. Und sie begann zu erzählen, daß sie beide im Sommer auf Heilisoe wohnen und unter Sonnenschein und Seewind froh werden wollten.
»Wir liegen am narbigen Rand der Dünen, wo die blauen Glockenblumen wachsen, denn an den Strand darfst du nicht so oft hinabsteigen. Wir bleiben dort, bis der Abend alles Grün der Königsgräber in Grau verwandelt.«