»O, ich bin so furchtsam!« sagte sie zum drittenmal in das Gespräch hinein und sah besorgt auf das leere Bauer, in dem der letzte Kanarienvogel während des dritten Kriegssommers trotz ihrer Fürsorge verendet war.

Güldenfey trat an das Fenster und sah hinab; die breite Straße war völlig menschenleer, nur aus der Ferne drang das Geräusch tobender Kinder. »Du kannst beruhigt sein, Tantchen«, sagte sie. »Die Gefahr ist vorbei. Oder soll ich dich zu uns mitnehmen?«

Frauke und Güldenfey gingen. Die Straße war freilich ruhiger denn je, doch nach wenigen Schritten erkannten sie die Ursache dieser Stille: an beiden Enden war die Straße durch Postenketten abgesperrt. In ihrer Mitte standen auf dem Damm Maschinengewehre, die nach links und rechts drohten.

Ein Hauptmann im Stahlhelm trat auf sie zu: Ob die Damen nicht lieber in das Haus zurückkehren wollten; die Straße mußte gesperrt werden, hinter den Posten staue sich die Menge.

»Aber wir müssen nach Hause«, sagte Güldenfey.

»Wir gehen!« fügte Frauke schroff hinzu.

Der Hauptmann zuckte die Schultern. Diese wohlgekleideten Damen sollten ungefährdet durch die tobenden Menschen kommen? dachte er. Sein Befehl schrieb ihm nichts vor. Sie würden schon umkehren!

Je näher sie der Sperrkette kamen, um so mehr vernahmen sie den wüsten Lärm. Das also waren die tobenden Kinder! Die Soldaten standen unbeweglich, die Waffe mit aufgepflanztem Bajonett im Arm. Die auf sie niederströmenden Beschimpfungen, denen sie wehrlos ausgesetzt waren, trieben ihnen das Blut ins Gesicht. Besser war feindliches Trommelfeuer als diese Schmähung der Volksgenossen.

»Henkersknechte seid ihr. Schießt doch, ihr feigen Hunde!«

Das waren die Plünderer, die so schalten.