»Jetzt geh' ich, Ose, und du leistest also Frau Doktor Gesellschaft. Aber, bitte, erzähle ihr keine gruseligen Geschichten.«

Ose stand schon bereit. »Frau Doktor will immer solche Geschichten hören«, sagte sie.

»Aber nicht wieder von Mariakron, wo sie im Klostergrund die Kinderskelette fanden«, bat Güldenfey.

»Gut, gut!« sagte Ose. »Du gehst also wirklich?«

»Natürlich, Ose.«

Die Alte schüttelte den Kopf. »Diese Winkelfrommen! Nimm doch einen Schleier, daß dich nicht jeder erkennt.«

Aber Güldenfey winkte ihr nur zu, öffnete eine Tür, um Marfa noch einen Gruß zuzurufen, und ging.

Das Pflaster der Straßen war feucht und von einer dünnen Schicht klebrigen Schmutzes bedeckt. Einzelne Menschen liefen hastig durch das Dunkel der kaum erhellten Häuserzeilen, als strebten sie, so bald als möglich unter Dach zu kommen. Der Nebel dämpfte jeden Laut. Die Sirene, die im Hafen zuweilen aufschrie wie ein hungerndes Wüstentier, schien ihren Ruf aus entlegenen Weiten zu senden. Die Glockenschläge der Kirchen klangen gedämpft.

Zuweilen wurde die Tür eines Hauses geöffnet, die Steinstufen herab huschte eine Gestalt, die über die Straße lief, um jenseits im Schatten einer Beiwacht, eines Hauswinkels wieder zu verschwinden. Es lag etwas Gespenstisches in diesem lautlosen Eilen schweigsamer Menschen, deren Geschlecht, Alter und Art unkenntlich war, und Güldenfey mußte an Oses Erzählung von den Schatten vergangener Geschlechter denken, die durch die lichtlosen Straßen der Stadt irren, weil sie die Tür von St. Niklas zur Mitternachtmesse nicht geöffnet finden.

Vom Binnenhafen drang der Geruch im Wasser faulenden Unrats. Die Fenster der Schenken, hinter denen das Lärmen der Zecher und die Klänge einer Harmonika durcheinanderbrausten, waren vom Niederschlag menschlicher Dünste getrübt. Eine heisere Stimme rief hinter Güldenfey drein.