Endlich hatte sie den Heiligen Geist erreicht. Engelke stand schon bereit.
»Mein altes Herz hat in Angst um dich geschlagen. Dieses Wetter! Ich hätte dir den Gang doch nicht vorschlagen sollen.«
Güldenfey beruhigte sie, und sie gingen, gingen durch Winkel und Gäßchen, von deren Vorhandensein Güldenfey nichts wußte.
»Wo sind wir eigentlich, Engelke?«
Die Alte murmelte etwas, was Güldenfey nicht verstand. Es gab hier Mörderstraße und Diebsteig; warum das Kind erschrecken!
Endlich standen sie vor einem schmalen Vorstadthäuschen, aus dessen Pforte ein Mann trat. Engelke begrüßte ihn, und er geleitete sie die Stiege empor auf einen Flur, wo er ihnen beflissen eine Tür öffnete.
»Es wird gleich beginnen«, sagte er leise. »Hier rechter Hand ist noch Platz.«
Sie betraten einen länglichen, mäßig großen Raum, der schwach beleuchtet war. An der einen Schmalseite standen ein Rednerpult und ein Harmonium; die hell getünchten Wände waren kahl. Auf hölzernen Bänken und Stühlen saßen die Angehörigen dieser Gemeinschaft, Männer mit harten Arbeiterhänden, Frauen mit welken Gesichtern, Mädchen, die mit der Nadel oder im Hausdienst erwarben, ein paar Burschen; aber alle waren mit sauberer Schlichtheit gekleidet, ernst und gesammelt.
Es kamen noch einige. Die Art, wie sie die schon Anwesenden begrüßten, hatte etwas Eigenes. Es lag im Blick, den sie tauschten, im Neigen des Kopfes nichts Steifes, Hergebrachtes, sondern der Ausdruck gegenseitigen Verstehens und Gelobens. Diese Menschen, die aus ihrer Tagesnot hier Entlastung suchten, erschienen Güldenfey wie die Glieder der ersten römischen Gemeinden in den Katakomben, wie die Gottsucher, die vor dem Zorn der Kirche flüchten mußten.
Seltsam! Keiner musterte sie mißtrauisch oder neugierig. Jeder schien ohne weiteres ihre Zugehörigkeit anzuerkennen.