Und da waren ja auch Bekannte. Unter den schlichten Leuten saß schlicht und unscheinbar Oberst Helf, der Kriegsverstümmelte, und etwas schamhaft im Winkel Frau von Ebel, die ihre drei Söhne verloren hatte und deren Augenlicht durch Tränenströme fast erloschen war.

Güldenfey sah sich freier um. Sie wurde sogar gegrüßt und dankte mit einem gewissen Stolz. Kannte dieser junge Beamte von einem der zahllosen neuen Ämter sie wirklich wieder? Sie hatte seine freundliche Art einmal in der Amtsstube laut gerühmt, um die aufgeblasenen Unehrerbietigen zu strafen, die grob mit den verängsteten Rat- und Hilflosen verfuhren.

Die Tür war wieder geöffnet und ein Mann eingetreten, der sich durch nichts auszeichnete. Er trat hinter das Pult auf eine Erhöhung, legte ein Buch auf den Pultdeckel und neigte für kurze Zeit den Kopf.

»Das ist er!« flüsterte Engelke.

Also das war er! Vielleicht ein einstiger Beamter, vielleicht auch ein Geistlicher, den es im Schatten der Kirche nicht gelitten hatte.

Er hob das Gesicht, seine Blicke wanderten über die Harrenden dahin. Jeden schien er zu prüfen; jeden schien er zu fragen: Was gebe ich dir? Was verlangst du von mir? Dieser Mann bot den Eindruck unbegrenzter Freiheit, die sich durch nichts, was Menschen schreckt, beirren läßt.

Er nannte ein Lied, das gesungen werden sollte. Eine junge Lehrerin saß am Harmonium. Eine Weise, feierlich-getragen und doch seltsam rhythmisch bewegt, ward angestimmt. Alle sangen mit. Dem Oberst reichte eine Hand das geöffnete Buch. Güldenfey lauschte. Sangen so nicht die verfolgten Gläubigen auf den russischen Strömen, wenn sie am Abend auf verankerten Flößen saßen?

Das Lied war verklungen.

»Was jeder dem Vater an Not der Sorge oder der Schuld zu sagen hat, das tue er jetzt und entlaste sein Herz.«

Stirnen senkten sich, Hände suchten sich; zuweilen klang eines halb erstickten Seufzers Laut durch den Raum.