Immer tiefer steigen wir, vorbei an den kühlen, imposanten Gewölben, die viele Tausende von feurigen Flaschen und alte, ehrwürdige, bestaubte Fässer vor Frevlerhänden beschützen. Und hinab führt unser Weg in die Herzkammern des Riesenkörpers, in die Maschinenräume. Tobte in der Küche ein höllischer Lärm, hier herrscht der Friede einer Kathedrale. Lautlos drehen sich die großen Schwungräder und Riemscheiben um ihre Achsen, angenehme Luft fächelnd. Unheimliche Riesenbäuche liegen dort, die Öffnungen fest verschlossen, nur ein unterdrücktes Zischen, ein dumpfes Zittern tief unten verrät die gewaltige Glut, die ihr Inneres birgt. Schneckenhäuser von gewaltigem Umfang stehen dort, wovon armdicke Kabel ausgehen und sich als die Nerven des Riesenkörpers bis in die kleinste Spitze des Hauses verzweigen. Gleichmäßig, stumm arbeiten die Ungeheuer, den Befehlen der Menschen gehorchend. Ab und zu sprüht ein bleichbläulicher Funke knisternd aus dem Innern hervor. Er will sich vom Zwange der Menschen befreien und Zeugnis geben von der rätselhaften Macht, aus welcher er stammt. Gedämpftes Keuchen und tiefes, unterirdisches Stampfen wie schweres Atmen einer Riesenbrust verrät den Unwillen der gefesselten Mächte, die der Mensch sich hier dienstbar macht. Hie und da seufzt wohl eine große Maschine auf, wenn ihre Bürde zu schwer wird, aber dann geht ein kleiner, magerer Mann im blauen Kittel mit eingefallenen Wangen und rußigem Gesicht hinzu, lauscht aufmerksam, dreht an einem kleinen Rädchen, und alles ist wieder in Ruhe und Ordnung wie zuvor. Wir vernehmen gutmütiges Brummen der Riesenventilatoren, der Lungen des Hauses, die von der Höhe des Daches frische Luft einsaugen und sie gereinigt in allen Räumen verteilen. – Mit einiger Angst blicken wir von ferne in die weiße Glut des großen Krematoriums, das allen Unrat und Abfall des Hauses aufnimmt und bald zu dürrer Asche verwandelt. Hie und da begegnen wir einem ruhigen, schmächtigen Maschinisten, der seine Ungetüme bewacht wie ein Kinderfräulein seine Pflegebefohlenen. Ingenieure und Elektriker machen sich an großen, marmornen Schaltbrettern zu schaffen, wo tausend kleine und große Hebel in kupfernen Klammern stecken. Hin und wieder ertönt ein leises Glockenzeichen, ein rotes oder grünes Signallicht erscheint wie eine gespensterhafte Warnung oder Botschaft. Der kleine Mann wird aufmerksam, er berührt seinen Hebel, ein bleicher Blitz zischt auf, und die Ruhe ist wieder hergestellt. Wir hören das schwere Keuchen der Pumpen, die ganze Reihen hydraulischer Fahrstühle durch die hohen Schäfte bis in die obersten Stockwerke drücken müssen. Einzelne Wassertropfen fallen von den langen Kolben wie Schweißtropfen an den Armen eines Riesen herab. Wir sehen die großen Eismaschinen und Kühlanlagen, riesige Behälter, von denen gewaltige Rohre ausgehen, sich durch den Boden und die Wände bohren und sich wie Adern durch das ganze Haus verteilen. Tausend andere kleine Motoren und Maschinen arbeiten rastlos Tag und Nacht, sich automatisch ernährend, sich automatisch regulierend. Jede dient einem besonderen Zwecke, und alle haben nur einen Zweck: des Dienstes der Menschheit. Ein Blick auf einen Zeiger des Manometers, auf ein Schaltbrett, auf eine Uhr genügt dem erfinderischen Menschen, sich von der Kraft und dem Willen seiner stählernen Sklaven zu vergewissern.
Weiter gehen wir und treten in die Wäschereien. Da zischt es, dampft es und kocht es in den Zylindern. Von gewaltigen Armen wird das weiße, feine Linnen erfaßt und durch den kochenden Seifenschaum gezogen. Große, heiße Walzen drehen sich unaufhörlich, trocknen und glätten die nasse, faltige Wäsche. Hunderte von weißen, mageren, eingeschrumpften Mädchenhänden schichten die gereinigten Linnen zu hohen, warmen Bergen auf, die erst vor einer Stunde noch zerknüllt, schmutzig, fettig und befleckt in die Wäsche kamen.
Ihr Boudoir, gnädige Frau, liegt fern von dem Lärm, dem Gewühl, dem Schweiß und dem üblen Geruche der Arbeit. Die Luft, die ihr Appartement füllt, wird in großen, hohen Kammern filtriert und nach Gesundheitsvorschriften sorgfältig temperiert, bevor es ihr gestattet ist, von den Lungen der Gäste eingeatmet zu werden. Das Wasser, welches Sie zum Trunk an die Lippen führen, gnädiges Fräulein, wird destilliert und ist reiner und gesunder als das in den silbernen Gebirgsbächen. Die Geschirre, von denen wir essen, alle Provisionen, die für unseren Genuß bestimmt sind, werden in staubsicheren Arbeitsräumen aufbewahrt. Das kühle, feine Linnen der Betten, die Tücher, deren Sie zur Toilette und an der Tafel bedürfen, die Decken, auf denen Sie ruhen, alle werden vor dem Gebrauche chemisch sterilisiert. Jedes Staubatom wird täglich aus dem seidenen Teppich gesogen, den Ihr Fuß betritt. Die komprimierte Luft holt jedes Körnchen Schmutz aus dem Plüsch des Diwans, der Ihren Körper tragen darf. Es ist bis ins Kleinste hinein für Ihre kostbare Gesundheit gesorgt: alles, was sie gefährdet, wird verfolgt und vernichtet. Ihr Zimmer ist stets behaglich. Sie heizen kein Feuer, dennoch ist der Raum beständig gleichmäßig temperiert. Es geschieht automatisch. Sie sind geschützt vor tückischer Feuersgefahr. Wenn Sie sich zur Ruhe begeben haben und es entsteht auf irgendeine Weise Feuer in Ihrem Zimmer, so wird die Feuerwehr schon an Ihre Türe klopfen, bevor Sie vielleicht aufwachen und die Gefahr sehen. Denn wenn die Temperatur in Ihrem Zimmer eine unnatürliche, unregelmäßige, verdächtige Höhe erreicht, so warnt der wachsame automatische Feuermelder den Wächter auf Ihrer Etage und die Feuerwehr im Maschinenraum, und die wohltrainierten Leute stürzen zu Ihrer Hilfe herbei.
Sie denken daher nicht an das Heer der hastenden, brüllenden Köche, nicht an die flinken, geduldigen Kellner, nicht an die mageren, rußigen Heizer und Maschinisten, nicht an die kleinen, bleichen, schweißtriefenden Wäscherinnen mit den geröteten Augen. Sie sitzen in Ihren gesunden, sicheren, luxuriösen Gemächern und genießen die schöne Aussicht. Ein Druck auf den Knopf genügt, um Ihnen alles herbeizuschaffen, was Menschen produzieren können, was Geld kaufen kann. Sie heben am Schreibtisch oder im Bette den Hörer an Ihr Ohr und sprechen mit Ihren Freunden, die tausend Meilen von Ihnen entfernt sind. Ein Wink dem Diener, und das warme Wasser im marmornen Bade nebenan duftet Ihnen entgegen. Ein gewandter, angenehmer junger Mann, der in allen Zungen redet, steht jeden Augenblick bereit, sich nach allen Ihren Wünschen zu erkundigen. Sorgfältig schreibt er sie auf, steckt den Befehl in eine Kapsel und sendet ihn durch die pneumatische Rohrpost blitzschnell in den betreffenden Teil des Hauses, wo Ihr Befehl ausgeführt werden soll. Ein elektrischer Zeitstempel, der unerbittlich die fliehende Zeit registriert, zeigt genau den Augenblick an, wann der Befehl gegeben und ausgeführt wurde. Und das Gewünschte wird mit elektrischen Aufzügen in kürzester Zeit an den Bestimmungsort befördert. Seine Briefe kann der Gast vom obersten Stockwerke aus bequem und rasch hinunter in den Postkasten gleiten lassen. Er braucht sich nicht persönlich hinunter zu bemühen oder die Dienste eines anderen in Anspruch zu nehmen. Mühsame Treppen braucht der Gast nicht zu steigen. Glänzende Fahrstühle an allen Enden des Hauses gleiten lautlos hinauf und hinab. Hoch oben über dem Dache des großen Hauses zittern schwere Drähte im Winde, die unsichtbare, magische Funken auffangen, von denen die Luft schwirrt. Und vom Telegraphenbureau im Hotel aus erfährt der König, der Diplomat, der Industriefürst, der Geschäftsmann, der Privatmann, die Dame im Boudoir wichtige Nachrichten, frohe oder traurige Botschaften, welche ihnen Menschen, die weit entfernt sind, mitzuteilen haben. Im Souterrain des großen Hotels ist der Bahnhof der Untergrundbahn, und auf dem höchsten Giebel ist die Luftschiffstation.
Wirklich, die Zeiten haben sich verändert! Sie sind anders geworden, seit der einsame Wanderer an die fremde Türe pochte, als er sah, daß das Gestirn des Tags sich neigte und die Nacht anbrach. Die Tage sind nicht mehr, wo der behäbige, lächelnde Albinus stolz an die Wand seines Häuschens schrieb: »Hospitium hic locatur ...«, wo er am herkulaner Tor mit einem »Salve amice!« das bestaubte Pferd des Fremdlings anhielt, dem Sklaven die Zügel zuwerfend. Die Zeiten sind nicht mehr, wo die weisen Männer mit Lorbeerkränzen in den grauen Locken ihre frohen Mähler gaben und mit den Mänaden und den bekränzten Knaben um das träumerische Marmorbild des Dionysos wirbelten.
This is the empire of business. Wir haben keinen Dionysos mehr. Er ist kalt gestellt im Museum. Wir haben keine Flötenspieler mehr. Wir haben Debussys und Sträuße. Wir haben keine hochgeschürzten, lachenden Knaben mehr, die uns den Wein reichen. Unser Ganymed, der Kellner, ist gewöhnlich keine bestrickende, inspirierende Erscheinung. Die Hotelbesitzer sind nicht mehr die runden, schmunzelnden Leutchen von ehedem. Es sind große Herren, diese Herren Aktionäre. Sie gehören zu den ersten Familien des Landes. Man sieht sie fast gar nicht. Und dann höchstens im Gehrock und weißer Weste. Wir haben keine Mänaden mehr. Wir haben Varietégrößen. Wir haben keine Sängerinnen mehr; wir haben Chansonetten.
Aber wir wollen den Wandel der Zeiten nicht beklagen. Unsere Zeit hat auch ihre Rechte und auch ihre Verdienste. Das moderne Gasthaus bietet seinem Gaste mehr als das von gestern. Sicherheit, Reinlichkeit, Hygiene, alle Bequemlichkeiten, Auskünfte jeder Art, gutes Essen und unter Umständen sogar weitgehenden Kredit. Schwere Stahlkammern nehmen den Schmuck und die Wertsachen des Gastes auf; er braucht nichts zu fürchten. Eine Schar Barbiere erwartet höflich den struppigen Fremdling, die liebliche Manikuristin pflegt seine vernachlässigten Hände, ein Spezialist im Stiefelputzen poliert die Stiefeletten ohne Zeitverlust.
Wenn Sie ins Theater gehen wollen, gnädiges Fräulein, wartet Ihnen der freundliche Haarkünstler auf. Der sinnige Blumenhändler bringt Ihnen seine schönste Spende – für einen Preis. Der Postbeamte befördert schnell und sicher Ihre wertvollsten und wichtigsten Briefe; der Telegraphenbeamte wartet, das schnelle Wort bis in die fernsten Winkel der Erde zu jagen. Der Makler, der Bankier und Geldwechsler hat seinen Stand aufgeschlagen und harrt der Befehle des Geldfürsten. Gegen einen Preis natürlich. Der Doktor, der Pharmaceut im Hotel hat seine Rezepte und Mittel gegen Nervosität, Migräne und Indigestion zur Hand – ebenfalls gegen einen Preis. Man macht großartige Geschäfte. Der Zahnarzt repariert die verdorbenen Zähne – gleichfalls nicht allein aus Mitleid mit den schönen Patientinnen. Die Miete ist hoch. Der Buchhändler hält die schönsten Romane und die neuesten Zeitungen feil, der Zigarrenhändler die besten, frischesten Havannas. Der Stenograph und Maschinenschreiber, der Dolmetsch und Fremdenführer – alle harren sie unter einem einzigen Dache auf den einen Mann, der aus der Fremde kommt. Alles steht dem müden Wanderer zur Verfügung, wenn er dieser Leute und Dinge bedarf. Er braucht sich nicht zu bemühen, nichts zu besorgen, keinen Schritt zu tun.
In den glänzenden Fest- und Konzertsälen des großen Hotels können wir den erlesensten Konzerten, den intimsten Theatervorstellungen, den gelehrtesten wissenschaftlichen Vorträgen beiwohnen, reiche Kunstausstellungen bewundern. Bälle, Empfänge, Festessen werden dort veranstaltet, die an Glanz mit denen des königlichen Hofes wetteifern. Orchideen und Rosen verbreiten ihre Düfte, Palmen und andere exotische Gewächse, tausend zarte Lichter verwandeln die Säle dann in ein Märchenland. – In warmen, sternenklaren Sommernächten ertönt liebliche Musik auf dem Dache des Riesenhauses. Was mögen die hängenden Gärten der alten bösen Zauberin im Morgenlande gegen einen solchen Dachgarten gewesen sein! Bunte Lampions schimmern zu Tausenden, blühende Bäume und Büsche flüstern, Gläser klingen, glückliche Menschen lachen. Rings umher aus der Ferne schauen Millionen Lichter der Großstadt wie flimmernde Augen eines dunklen Ungeheuers auf die Pracht, und von tief unten herauf schlägt das geschwächte Brausen des Straßenlärmes an die Zinnen des Riesengebäudes wie ein ohnmächtiges Zürnen gegen uns, die wir ihn fliehen und alles genießen, was Menschen bereiten können.
Das alles bietet uns das große Hotel. Und noch mehr. Es zeigt uns auch jene, gesunden Menschen so heilsamen, amüsanten Fälle von modernen Delirien, die einer unersättlichen Sucht nach sensationellen Neuheiten und nach gesellschaftlichem Despotismus entsprungen, nur noch durch die extremsten Mittel gekitzelt und aufgestachelt sein wollen und so Mißgeburten der menschlichen Phantasie erzeugen. Exzentrische Damen, die sehr viel Geld und sehr wenig Geschmack besitzen, Leute, die nicht wissen, was sie mit ihren Geldmitteln anfangen sollen, überbieten sich einander in stupidester Protzenhaftigkeit und Geschmacklosigkeiten.