So können wir alles haben – gegen einen Preis. Alles. Selbst eine Imitation der dionysischen Freude. Mit einigem guten Willen kann der Fremde in Berlin schon für zweihundert Mark, in Paris für fünfhundert Franken, in London für zehn Pfund Sterling und in New York für fünfzig Dollars und aufwärts schon ganz leidlich »dionysieren« – vorausgesetzt, er hat die Mittel. This is the Empire of Business. – Ja, die Zeiten sind anders geworden. Wir beklagen sie nicht. Viele Menschen haben es vor uns getan. Mit Unrecht. Doch ich frage mich ganz leise, ob an dem grauenvollen Tage, der über die lebensfrohe Stadt hereinbrach, die schöne, reiche Mutter den Untergang der antiken Freude ahnte, da sie plötzlich mit Staunen und Schrecken die graue, blitzende Wolke über dem Haupte des Vesuvs schweben sah und ängstlich dem Sohne zuflüsterte:
»Weh, Plinius, mein Sohn, sieh! Die Sonne verfinstert sich!«
Doch nun steht vor unseren Blicken das große, moderne Riesenhotel, – eine kleine konzentrierte Stadt, – ein herrliches Dokument unserer Zeit, wie es Pompeji das der antiken ist. Entstanden aus dem geräuschvollen Chaos der Zeiten, gewachsen und fortgeschritten mit den menschlichen Erfindungen, ist es uns modernen Menschen eine Selbstverständlichkeit geworden, so daß wir, wie wir bereits sahen, ihm bisher wenig oder gar keine eingehende Beachtung geschenkt haben. Allen, die damit in Berührung kommen, teilt sich dieselbe Farbe modernen Menschentums mit, welche allen anderen Geschäften und menschlichen Tätigkeiten mehr oder weniger fehlt, ja oft direkt versagt wird.
In diesem menschlichen Gehalt, Herr Doktor, in diesem Reichtum von menschlichen Interessen, den die Industrie des Wirtes birgt, schlummert tief auf dem Grunde ein Geheimnis, das uns den Schlüssel vorenthält zum Rätsel unserer Sphinx, zu den Pforten jener Märchenreiche, wo statt unserer heutigen sozialen Mißwirtschaften und Elend eitel Glück und Sonnenschein walten soll, wo ein junges, frohes Volk, unbekümmert um die Sorgen des Alltags, frei von der gemeinsten aller Qualen, die sich die modernen Menschen noch immer auferlegen, der starken, frohen Arbeit seines Tages nachgeht. Wo ist das Märchenland? wo die Millionen von intelligenten Termiten, die eifrig in den riesigen Bauten umherwimmeln, frei, ohne Despotismus, jedes Geschöpf sich seiner Mission bewußt, für sich selber verantwortlich, an sich arbeitend, um so für das Gemeinwohl zu wirken? Sollte der Bau menschlicher Ameisen, genannt »Hotel«, dessen Entwicklung wir nun gesehen haben, vielleicht der Vorläufer zu neuen sozialen Grundlagen und Ordnungen sein, die eben erst in der Knospe »Hotel« das Licht der Welt erblickt haben? – Jahrtausende mögen darüber vergehen, wie Jahrtausende verflossen, wo der Wanderer an fremder Türe Einlaß und Schutz begehrte, bis zur Zeit, wo er dem schnaufenden Auto entsteigt und über Marmorstufen in das Riesenhotel eintritt, wo er Herr ist, wo er gebietet – für einen Preis.
Eingeengt von den Stübchen unserer kleinen Vaterhäuser, belastet von den niedrigen Dächern, verwöhnt und verhätschelt von der liebenden Sorgfalt der keuchenden Mutter, die wir uns nur zwischen fettigen Geschirren und schwarzen Pfannen am glühenden Herde als unsere Mutter denken können, schrecken wir Menschen des Fortschritts vor dem Gedanken noch entsetzt zurück, in den riesigen Häusern der Zukunft geboren zu werden, dort leben und sterben zu müssen. Fremd und neu ist uns noch das Surren der Maschinen, halb zögernd, halb mißtrauisch und verwundert betrachten wir noch das elektrisch gebratene Beefsteak, mit halbverschlossenen, vorsichtigen Nasen beschnüffeln wir noch die Konserven, von deren Ursprung wir nichts wissen. Wir glauben noch nicht an die Wirkung des Diners in der Nußschale, an die Ration im Fingerhut. Aber unsere Tage schreiten schon schneller. Darum haben sie auch doppelten Wert. Wir können es uns nicht erlauben, sie durch Engherzigkeit zu vergeuden. Wir bedürfen der Konzentration, der Extrakte, der Essenzen in Zeit, Wohnung, Lebensweise, in geistiger und körperlicher Nahrung. Man ist schon auf dem Wege. – –
Unter uns, Herr Professor, Sie als Soziologe werden mich verstehen. Daß aber um Gottes willen Ihre Frau Gemahlin nichts davon erfährt: Apropos der Tatsache, daß die Frauen so entsetzlich hilflos und deplaziert in der Küche sind, möchte ich vorschlagen, daß man dem weiblichen Geschlecht den ungeliebten und unverstandenen Beruf der Köchin und Haushälterin so bald wie möglich abnehmen sollte. Wie meinen Sie? – Ha, ha, ganz richtig! – Die Frauen sollten dann zum Zeitvertreib die Regierungsgeschäfte besorgen. Derartige Kleinigkeiten sagen dem weiblichen Gemüte viel besser zu. Und auf die Diplomatie verstehen sich die Weiber ohnehin bedeutend besser als wir ehrlichen, maskulinischen Naturen. Herrschsucht und Firlefanz ist ihr Element. Warum haben denn die Bienen und Ameisen »Königinnen«? – Aber rationelle, wissenschaftliche Ernährung des Körpers, Kochen und Kindererziehung sind wichtige menschliche Funktionen, die den Händen von vernünftig denkenden, künstlerisch fühlenden Männern anvertraut sein müssen, von Männern, die sich nicht als gubernatoriale Possenreißer und Hanswurste produzieren sollten. Dann würde vieles anders werden in der Welt. – Wie? – Ja, leider, leider! Ich weiß es wohl. Es wird noch lange dauern. Wir erleben den Tag nicht mehr. Und – um uns nicht lächerlich zu machen! – es bleibt einstweilen noch unser strengstes Geheimnis!
III.
Es mag kommen, was will, Herr Professor! Die größten Ereignisse, die ungeahntesten Erfindungen, die wichtigsten Entdeckungen, sie führen uns nicht weiter. – Die edelste Beschäftigung des Menschen ist der Mensch. Das hat Lessing behauptet. Und dies große Wort sollte im täglichen Leben eines jeden Menschen Anwendung finden. Dann würden all die lächerlichen »Fragen« und »Probleme«, mit denen wir uns heutzutage abschinden, in nichts zerfallen. Und wir brauchen gar nicht weit zu greifen, um Bestätigung dafür zu finden. Überall, in jeder kleinen Handlung zwischen Menschen, in jedem Verkehr, jedem Worte, jedem Blick harrt das ganze Geheimnis mit all seiner bittern Süßigkeit und wartet auf den Mann, der es sucht und erkennt.
Drum wollen wir die erste beste Gelegenheit beim Schopfe fassen und die Probe ziehen. Ich habe Ihnen ganz überflüssigerweise gesagt – denn Sie wissen es so gut wie ich –, daß unser gutes Essen oft durch schlechte Bedienung verdorben wird. Aber warum? – Natürlich geben wir dem Kellner schuld. Aber in vielen, ja in den meisten Fällen ist es unsere eigene Schuld, wenn wir schlecht bedient werden, wenn unser Appetit verdorben wird, wenn unser Diner einen jammervollen, bedauerlichen Ausgang nimmt. – Wieso? – Ich finde Ihre Frage verständlich, doch muß ich sie mit einer Gegenfrage beantworten. Können Sie mir genau definieren, was der junge Mann ist, der uns bedient? – Ich meine, welche Stellung er uns gegenüber einnimmt? – Selbstverständlich, er bedient uns. Aber das ist nicht alles. Ja, ja, sehen Sie, welche vage Ideen wir von dem haben, was wir von anderen verlangen können und wozu wir berechtigt sind! Und wie weit denkt das liebe Publikum erst! Natürlich weiß oft auch der Kellner seine Pflicht nicht. In beiden Fällen ist das Resultat ein ganz schreckliches. Es ist unglaublich, wie empfindsam, wie ungeduldig wir an der Tafel sind. Und erst wie gespannt und gereizt die Nerven der Leute sind, die uns bedienen! Die geringste Kleinigkeit kann die so vorbereiteten Gemüter in einen Sturm von Aufregung versetzen. Nach einem solchen Renkontre ist's mit unserm Appetit selbstverständlich aus. Desgleichen mit dem guten Willen dessen, der mit uns zu tun hat. Wenn wir gut und ungestört essen wollen, ist es daher für uns absolut notwendig, zu wissen, was ein Kellner ist. Da wir nun einmal auf die Bedienung angewiesen sind, wollen wir nun doch nicht unser gutes Geld an schlechten Diners verschwenden. – Ich sehe, Sie lachen wieder! – Wie, ich nehme die Sache zu gründlich, zu ernst? – O nein, ich bin ein großer Egoist. Ich vermeide nur jede Gelegenheit zum Ärger: ich versuche nur jeder Dummheit, also jeder Ungerechtigkeit und Unhöflichkeit aus dem Wege zu gehen. – Außerdem sollte unser Schamgefühl es nicht zulassen, daß wir einen Menschen, der mit uns in so nahe Berührung tritt, ganz außer acht lassen, ihn wirklich ganz und gar ignorieren. Es ist weder ratsam noch weise. Für eine derartige Unterlassungssünde müssen wir oft schwer büßen. Daher habe ich den Oberkellner gebeten, mir während meines Aufenthaltes in diesem Hotel immer den gleichen Kellner zu überlassen, da ich an ihn gewöhnt bin und ihn ziemlich gut kennen gelernt habe.
Goethe sagte einmal: »In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister.« – Bei meinem Kellner ist dies sehr zutreffend. Ich halte unsern jungen Mann zum Beispiel für ein eigenartiges Talent. Die Art und Weise, wie er uns behandelt, ist bewundernswert. – Das ist sein Geschäft? – Natürlich! Aber Sie haben jedenfalls noch nicht die Schwierigkeiten betrachtet, mit denen er zu kämpfen hat. Wenn Sie sein eigenartiges Geschick, welches uns so vorteilhaft zustatten kommt, ein »Geschäft« nennen, so verstehen eigentlich wirklich herzlich wenig Kellner ihr »Geschäft«. Und wir werden sehen, woran dies liegt. Jede unserer modernen Industrien hat nämlich ihre Sklaven, ihre Opfer und ihre Unterdrückten. Mit einer gerechten, wilden Wut wehrt sich die Arbeiterschaft dagegen, tut sich zusammen, agitiert und streikt. Denn das menschliche Gefühl sträubt sich gegen Sklaverei, Opfer und Unterdrückung. So war es zu allen Zeiten. Jedes Tier wehrt sich dagegen. Aber die Arbeiter finden es schwer, gegen die Hochburgen der Finanz anzukommen. Es erfordert Zeit, Schulung, Taktik, Organisation, Geldmittel und Ausdauer, sie zu nehmen. Dies alles fehlt. Das haben die Plebejer im alten Rom blutig erfahren müssen. An diesen Widerständen rannten sich die Leibeigenen und Bauern des Mittelalters die ehrlichen, dummen, von Blut, Freiheitswahn und Plünderlust berauschten Schädel ein. Aber es fielen dennoch die Festen der römischen Patrizier, und die Trümmer der mittelalterlichen Raubritterburgen reden heute stumm, aber deutlich. So werden auch die Kämpfe des modernen Arbeiters nicht fruchtlos sein. Doch je weiser, taktischer, ruhiger er sie führt, um so besser ist es für ihn selber. Die festen Mauern der Finanz werden am sichersten durch die Insassen selber zerstört. Die gerechte Zeit duldet keine Festungen. Sie rüttelt und schüttelt, korrumpiert und untergräbt sie. Das lehrt die Geschichte aller Zeiten. Die Belagerer sollten nicht blindlings ihre Kräfte an Steinen verschwenden, die noch nicht morsch genug sind, zu fallen. Sie sollten nur wachsam sein und beobachten, die schwächsten Seiten der Feinde angreifen, vor allem aber das eigne Lager frisch und stark erhalten.