Die Zustände innerhalb des Heeres schienen sich jedoch im Verlauf des Sommers wieder zu bessern. Wir halfen aus, wo wir konnten, gaben von unseren Lebensmittelvorräten und schickten Bekleidungsstücke. Auch lösten unsere damaligen Erfolge an der Westfront in der bulgarischen Armee große Begeisterung aus. Es war aber klar, daß diese gehobene Stimmung rasch wieder in sich zusammenbrechen würde, wenn auf unserer Seite Rückschläge erfolgten. Darüber konnten uns auch bessere Stimmungsberichte Ende Juli nicht im Zweifel lassen.
Die gegenseitigen Stärkeverhältnisse an der mazedonischen Front schienen sich im Laufe des Jahres 1918 nicht wesentlich verschoben zu haben. Nach dem schließlichen Ausgleich mit Rumänien war Bulgarien imstande, alle seine Kräfte auf einer Front zu [pg 369]versammeln. Dieser Verstärkung gegenüber kam das Wegziehen einiger deutscher Bataillone aus Mazedonien zahlenmäßig gar nicht in Betracht. Eine englische Division war nach Syrien abbefördert worden; die französischen Truppen hatten ihre jüngsten Jahrgänge nach der Heimat abgegeben; die neu mobilisierten sogenannten königlich griechischen Divisionen zeigten sich wenig kampflustig. Anscheinend aus diesem Grunde wurde letzteren die Verteidigung des Struma-Abschnittes übertragen. Nach Mitteilungen von Überläufern war der größte Teil dieser Truppen bereit, sich uns anzuschließen, wenn deutsche Truppen vor der Struma-Front eingesetzt würden. Wir schickten daher etliche Bataillone, die in den Hauptkampffronten des Westens nicht verwendbar waren, nach Mazedonien. Sie trafen an ihrem Bestimmungsort in dem Augenblick ein, als die Entscheidung des Krieges für Bulgarien fiel.
Am 15. September abends erhielten wir die erste Nachricht vom Beginn des Angriffes der Ententearmeen in Mazedonien. Dieses Datum war auffallend. Hatten doch bulgarische Soldaten schon im Frühjahr erklärt, daß sie an diesem Tage die Stellungen verlassen würden, sofern der Krieg bis dahin nicht beendet wäre.
Nicht weniger auffallend war es andererseits, daß sich der Gegner zu einem Angriff eine Stelle mitten im wildesten Berglande wählte, an der bei einigem Widerstandswillen der bulgarischen Truppe und ihrer niederen Führung das Durchdringen die allergrößten Schwierigkeiten bieten mußte. Wir glaubten daher dem Ausgang dieses Kampfes mit Vertrauen entgegensehen zu können, und erwarteten den schwereren und entscheidenden Angriff des Gegners im Wardartal. Dort und in der Gegend des Doiransees waren seit längerer Zeit schon Angriffsvorbereitungen der Engländer erkannt worden. Auch hier bestand angesichts der ganz außerordentlichen Stärke der Verteidigungsstellungen unseres Erachtens keine Gefahr, sofern man einer solchen von bulgarischer Seite entsprechend [pg 370]entgegentreten wollte. Über die zahlenmäßigen Kräfte verfügte die bulgarische Oberste Heeresleitung ganz gewiß.
Die zuerst eintreffenden Meldungen über den Verlauf der Kämpfe am 15. September gaben zu Besorgnissen keinen Anlaß. Die vordersten Stellungen waren freilich verloren gegangen. Ein solcher Verlauf hatte nichts ungewöhnliches an sich. Die Hauptsache war, daß dem Gegner der glatte Durchbruch am ersten Tage nicht gelungen war. Spätere Nachrichten lauteten bedenklicher. Die Bulgaren waren weiter nach Norden gedrängt, als man zuerst annehmen konnte. Die zunächst am Kampfe beteiligten Truppen hatten anscheinend wenig Kampfkraft, noch weniger Kampfwillen gezeigt. Die Reserven, die herankamen oder herankommen sollten, zeigten keine Neigung, sich dem feindlichen Feuer auszusetzen. Sie zogen es anscheinend vor, dem Gegner das Kampffeld zu überlassen, und das an einer Stelle, die dem wichtigsten Knotenpunkt aller Verbindungen des mazedonischen Kriegsschauplatzes, nämlich Gradsko, bedenklich nahe lag.
Fällt Gradsko, oder kann es der Gegner mit seinen Geschützen erreichen, so ist die rechte bulgarische Armee in der Gegend von Monastir der wichtigsten Verbindung beraubt, ihre Versorgung in der jetzigen Stellung für die Dauer unmöglich. Aber auch die mittlere bulgarische Armee beiderseits des Wardartales ist dann von jeder Bahnverbindung mit der Heimat abgeschnitten. Es erscheint unbegreiflich, daß die bulgarischen Führer diese drohende Gefahr nicht erkennen sollten, daß sie nicht alles daran setzen würden, ein namenloses Unheil für die Masse des Heeres abzuwenden.
Im Gegensatz zu den bulgarischen Armeen südlich von Gradsko kämpfen die bulgarischen Truppen zwischen dem Wardar und dem Doiransee seit dem 18. September mit größter Erbitterung. Vergeblich versuchen die Engländer, sich hier Bahn zu brechen. Nochmals zeigt sich bulgarischer Mut und zäher Wille in glänzendem Licht. Aber was nützt der Heldenmut am Doiransee, wenn in der Richtung auf [pg 371]Gradsko Mutlosigkeit herrscht, ja vielleicht noch Schlimmeres als Mutlosigkeit.
Vergeblich versucht die deutsche Führung mit deutschen Truppen die Lage in der Mitte des bulgarischen Heeres zu retten. Was helfen die schwachen kleinen deutschen Gruppen, wenn rechts und links der Bulgare das Feld räumt? Den gegen den Feind marschierenden deutschen Bataillonen strömen ganze bulgarische Regimenter entgegen, die den Kampf offen verweigern. Ein eigenartiges Bild. Und noch eigenartiger die Erklärung der bulgarischen Mannschaften: Sie ziehen in die Heimat zu Weib und Kind, wollen wieder einmal Haus und Hof sehen und ihre Felder bestellen. Sie lassen vielfach ihre Offiziere unbelästigt. Gehen diese mit ihnen nach Hause, so sind sie willkommen, wollen sie zurückbleiben auf dem Felde der Ehre, so sollen sie das allein tun. Der Bulgare springt bereitwillig zu, wenn im Gedränge ein Deutscher, der gegen den Feind marschiert, in Bedrängnis kommt, er hilft den deutschen Geschützen beim Marsch auf das Gefechtsfeld über schlechte Wegestrecken fort. Den Kampf indessen überläßt er den Deutschen. Mazedonien wird auf diese Weise freilich für Bulgarien verloren gehen. Aber der bulgarische Bauer sagt sich, daß er in der Heimat Land genug habe; also zieht er in die Heimat und überläßt die Sorge und den Kampf um Mazedonien und die bisherigen Großmachtspläne anderen Menschen.
Die deutsche Führung, die vom Ochridasee bis zum Doiransee das verantwortliche Kommando hat, sieht sich angesichts dieser Verhältnisse vor einer unendlich schwierigen Lage. Was an deutschen Truppen, an Etappenmannschaften, Landsturm und Rekruten vorhanden ist, wird zusammengerafft, um die bulgarische Mitte zu stützen und Gradsko zu retten. Die Aussichten, daß dieses gelingt, werden immer geringer. Bei der Haltlosigkeit der bulgarischen Mitte bleibt sonach als einzigste Rettung, die Flügel des Heeres zurückzunehmen. Eine solche Bewegung würde an sich nur geringe taktische Nachteile verursachen, denn in Mazedonien liegt eine gewaltige [pg 372]Verteidigungsstellung hinter der anderen und je weiter der Gegner nach Norden kommt, um so schwieriger werden seine rückwärtigen Verbindungen. Freilich mit der Preisgabe des Wardartales verschlechtern sich auch die rückwärtigen Verbindungen der Bulgaren. Aber es scheint wenigstens möglich, durch diese Maßnahme die Masse des Heeres zu retten.
Dem Entschluß des deutschen Heeresgruppenkommandos stellen die bulgarischen Führer die ernstesten Bedenken entgegen. Sie glauben, daß ihre Truppen in den jetzigen Stellungen noch zusammenhalten, ja sogar kämpfen würden. Dagegen sind sie der Anschauung, daß die Armeen sich völlig auflösen würden, wenn man ihnen den Rückzugsbefehl gäbe.