Eine wahrhaft verzweiflungsvolle Lage, verzweiflungsvoll für alle Beteiligten. Die Bulgaren klagen, daß nicht genug deutsche Truppen zur Stelle sind, daß man die früher vorhandenen zum Teil entfernt hätte. Was aber hätten ein paar deutsche Bataillone mehr in diesem allgemeinen Zusammenbruch genutzt? Wie viele deutsche Divisionen hätte man schicken müssen, um die mazedonische Front zu verteidigen? Deutschland kann nicht im Westen die Entscheidung suchen und seine Divisionen nach Bulgarien schicken wollen. Der Bulgare will nicht einsehen, daß die deutsche Kraft auch zu erschöpfen ist. Die bulgarische ist an sich noch lange nicht erschöpft, erschöpft ist nur der bulgarische Kriegswille.

Auch wir im Großen Hauptquartier stehen vor verhängnisvollen Fragen. Wir müssen wenigstens versuchen, in Bulgarien zu retten, was zu retten ist. Wir müssen also doch Unterstützungen schicken und zwar sofort, so schwer uns das werden mag. Es ist der 18. September, als sich diese Notwendigkeit in vollem Umfange ausprägt. Man denke daran, wie schwer der Kampf zu dieser Zeit an unserer Westfront tobt. Wenige Tage vorher hatten die Amerikaner ihren großen Erfolg zwischen Maas und Mosel errungen, und eine weitere Ausdehnung der Angriffe steht dort noch bevor.

Die erste Unterstützung, die wir freimachen können, sind Truppen, eine gemischte Brigade, die für Transkaukasien bestimmt waren und eben über das Schwarze Meer befördert werden. Sie werden durch Funkspruch abgedreht und sollen über Varna-Sofia herankommen. Diese Kräfte genügen jedoch nicht. An unserer Ostfront können wohl noch einige Divisionen entbehrlich gemacht werden. Wir wollten sie an eine ruhige Front des Westens bringen. Doch was sind das für Truppen? Kein Mann unter 35 Jahren, und alle Vollkräftigen schon nach dem Westen geholt! Kann von ihnen noch eine besondere Leistung erwartet werden? Sie mögen den besten Willen mitbringen, aber in diesem Klima und ohne Ausrüstung für den Krieg in einem gebirgigen Lande sind sie an der mazedonischen Front nur bedingt brauchbar. Doch es muß sein, denn nicht nur die bulgarische Armee, auch die bulgarische Regierung und der Zar müssen in dieser schwersten Gefahr deutsche Hilfe erhalten.

Auch vom Westen her schicken wir Unterstützung. Unser Alpenkorps, eben erst aus schwerstem Kampfe gezogen, wird zur Fahrt nach Nisch auf die Bahn gesetzt. Ebenso beteiligt sich Österreich-Ungarn an dem Versuch, Bulgarien zu helfen, und stellt mehrere Divisionen hierfür zur Verfügung. Wir verzichten daher auf weitere österreichisch-ungarische Unterstützung an unserer Westfront.

Bis diese deutsche und österreichische Hilfe eintreffen kann, muß versucht werden, wenigstens die Masse des bulgarischen Heeres zu retten. Trotz aller bulgarischen Bedenken wird deshalb von dem deutschen Heeresgruppenkommando der Befehl zum Rückzug an die rechte und mittlere bulgarische Armee gegeben. Die Stellungen auf der Belasiza, nördlich des Doiransees, sollen den Drehpunkt der ganzen Bewegung bilden.

Die linke bulgarische Armee wird während dieser ganzen Zeit nicht angegriffen. Ihre Stellungen auf der Belasiza und hinter der Struma sind von größter Stärke. Wenige Maschinengewehre und Batterien genügen für ihre Verteidigung. Trotzdem verbreitet [pg 374]sich auch in dieser Armee Verwirrung; Mut und ruhige Überlegung schwinden. Der Führer hält seine Lage für unhaltbar und beschwört den Zaren, sofort Waffenstillstand zu schließen. Der Zar antwortet: „Gehen Sie in den Stellungen, die Sie innehaben, zu Grunde.“ Das Wort beweist, daß der Zar Herr der Lage ist, und daß ich mich nicht in ihm täuschte.

Auch Kronprinz Boris befindet sich auf der Höhe seiner Aufgabe. Er eilt an die Front, um dort zu retten, was zu retten ist. Was vermag jedoch ein einzelner, auch wenn er von der Liebe vieler, und von der Achtung aller getragen wird, in solcher allgemeinen Kopflosigkeit und in solchem Schwinden des Willens?

Die mittlere Armee beginnt am 20. September befehlsgemäß den Rückzug. Dieser wird zur Auflösung; ungeschickte Anordnungen vervollständigen die Verwirrung. Die Stäbe versagen, am gründlichsten der Armeestab. Hier ist nur ein ganzer Mann vorhanden, klar blickend und von bestem Wollen beseelt, nämlich der Führer.

Die rechte Armee hat eine schwierige Aufgabe. Ihre Hauptrückzugsstraße führt über Prilep auf Veles. Da der Gegner schon vor Gradsko steht, ist diese Straße äußerst bedroht. Ein anderer Weg führt aus dem Seengebiete und dem Gebiete von Monastir weiter im Westen mitten durch das wilde Albaner-Gebirge auf Kalkandelen. Er vereinigt sich mit demjenigen über Veles bei Üsküb. Dieser Weg durch das Albaner-Gebirge ist gesichert, aber sehr schwierig, und es ist zweifelhaft, ob größere Truppenmassen in diesen Gebieten die nötige Verpflegung finden. Trotz dieser Bedenken müssen starke Teile auf ihn verwiesen werden. Noch stärkere werden dorthin gedrängt, als der Feind Gradsko nimmt und nunmehr gegen das Straßenstück Prilep-Veles von Südosten her vorrückt. Gradsko fällt schon am 21. September. Aus einem elenden Ort war es im Laufe des Krieges zu einer förmlichen Lagerstatt geworden, die in ihrer Anlage und Größe an eine amerikanische Neugründung er[pg 375]innert. Ungeheuere Vorräte sind hier aufgespeichert, ausreichend für einen ganzen Feldzug. In den dortigen Depots merkt man nichts davon, daß die bulgarischen Armeen an der Front irgend etwas entbehren mußten. Jetzt fällt alles der bulgarischen Vernichtung anheim oder wird Beute des Feindes. Nicht nur in Gradsko sondern auch anderwärts verfügt Bulgarien noch über reiche Bestände. Sie ruhten bisher im Verborgenen, behütet von der einseitigen Sorge bureaukratischer Wirtschaft, die auch in Bulgarien wie eine Kruste das Volksleben überzieht, trotz liberalster Gesetze und freiheitlichem Parlament.

Bulgarien kann also den Krieg noch weiter führen, wenn es ihn nur nicht selbst für verloren hält oder halten will. Unser Plan, der auch die Zustimmung der bulgarischen Obersten Heeresleitung findet, ist folgender: Die mittlere Armee soll an die altbulgarische Grenze zurückschwenken. Die rechte Armee soll sich bei Üsküb oder weiter nördlich versammeln; sie wird verstärkt durch die anrollenden deutschen und österreichischen Divisionen. Diese Kräfte bei Üsküb werden reichlichst genügen, um die Lage zu halten; ja es ist bei einiger Brauchbarkeit der bulgarischen Verbände damit zu rechnen, daß wir von Üsküb aus bald wieder zu einem Angriff in südlicher Richtung vorgehen können. Es scheint ausgeschlossen, daß der Gegner ohne Rast mit starken Massen bis Üsküb und bis an die altbulgarische Grenze nachdrängt. Wie sollte er seinen Nachschub regeln, da wir die Bahnen und Straßen gründlich zerstört haben? Wir hoffen auch, daß in den bulgarischen Truppen bei Berührung mit dem heimatlichen Boden sich wieder Kraft und Verantwortungsgefühl zusammenfinden.