Die vorgeschlagene Operation ist nur möglich, wenn Üsküb so lange gehalten wird, bis die bulgarischen Truppen über Kalkandelen herankommen. Diese Aufgabe erscheint leicht, denn der Gegner folgt in der Tat über Gradsko hinaus mit nur verhältnismäßig schwachen Kräften.
Während dieser Vorgänge bleibt Sofia auffallend ruhig. Unsere dort eintreffenden Bataillone, die der Bevölkerung zur Beruhigung, der Regierung zum Schutz und zur Stütze dienen sollen, finden nichts von der gefürchteten Aufregung. Das Leben macht freilich einen eigenartigen Eindruck, hervorgerufen durch die Scharen von Soldaten, die außerhalb ihrer Verbände durch die Stadt der Heimat zuziehen. Die Mannschaften liefern ihre Gewehre in die Waffendepots ab, verabschieden sich von Kameraden und Vorgesetzten, versichern sogar teilweise, daß sie wiederkommen würden, wenn sie nur erst einmal ihre Felder bestellt hätten. Ein eigenartiges Bild, ein merkwürdiger Seelenzustand. Oder ein abgekartetes Spiel? Wir haben aber keinen Grund, ein solches bei den Soldaten vorauszusetzen. Daß es in dieser Auflösung nicht überall friedlich zugeht, ist klar. Die Gerüchte von schweren Ausschreitungen erweisen sich aber meist als übertrieben.
An der Front ändert sich die Lage nicht. Der Rückzug der bulgarischen Massen dauert ununterbrochen an. Er ist auch gegen die schwachen Kräfte des verfolgenden Feindes nicht dauernd zum Halten zu bringen. Vergeblich versucht man einzelne Haufen, von geschlossenen Truppen kann man kaum noch sprechen, dazu zu bringen, die Front wieder gegen den Feind zu nehmen und wenigstens stellenweise einen geregelten Widerstand zu ordnen. Kommt der Gegner heran, so verlassen die Bulgaren schon nach wenigen Schüssen ihre Stellungen. Deutsche Truppen sind nicht mehr imstande, dem bulgarischen Widerstand einen Halt zu geben. Ebenso vergeblich ist das Bemühen deutscher und bulgarischer Offiziere, mit dem Gewehre in der Hand durch ihr Beispiel auf die haltlose gleichgültige Masse zu wirken.
So nähert sich der Gegner Üsküb, bevor neue deutsche und österreichisch-ungarische Truppen dort eintreffen können. Am 29. September treten aber starke Teile der rechten bulgarischen Armee bei Kalkandelen aus dem Gebirge. Sie brauchen von da nur noch auf [pg 377]guter Straße nach Üsküb zu rücken. Die Truppen sind, wie uns gemeldet wird, durchaus kampffähig. Die schwerste Krisis scheint demnach überwunden zu sein. Militärisch mochte das der Fall sein, aber moralisch ist die Sache endgültig verloren. Daran war bald nicht mehr zu zweifeln. Schwache serbische Kräfte haben Üsküb besetzt. Die Truppen bei Kalkandelen versagen: sie kapitulieren. Am 29. September abends schließt Bulgarien Waffenstillstand.
Der Sturz der türkischen Macht in Asien
Der Anfang des Jahres 1918 brachte einen kühnen Aufschwung des osmanischen Kriegswillens. Die Türkei schritt, ehe noch der Winter im armenischen Hochlande zu Ende ging, zum Angriff gegen die dortigen russischen Armeen. Die russische Macht erwies sich in diesen Gebieten nur noch als Phantom. Die Masse der Truppen hatte sich bereits völlig aufgelöst. Der Vormarsch der Türken fand daher nur noch Widerstand bei armenischen Banden. Schwieriger als dessen Beseitigung war die Überwindung der Hindernisse, die in dieser Jahreszeit die Hochlandnatur den Türken in den Weg legte. Daß der Vormarsch trotzdem gelang, war eine jener merkwürdigen Erscheinungen aufwallender Lebenskraft des osmanischen Staatswesens. Die Türkei warf sich über die Grenzen des osmanischen Armeniens hinaus auf die Gebiete Transkaukasiens, angetrieben durch verschiedene Beweggründe: Panislamitische Träumereien, Rachegedanken, Hoffnung auf Entschädigungen für bis jetzt verlorene Landesteile und Erwartung von Beute. Dazu kam noch ein weiteres, nämlich die Suche nach Menschenkräften. Das Land, in erster Linie die Siedlungsgebiete der prächtigen Anatolier, ist in bezug auf Menschenkräfte völlig erschöpft. Im transkaukasischen Aserbeidschan und unter den kaukasischen Mohammedanern scheinen sich neue große Quellen zu eröffnen. Rußland hat diese Mohammedaner zu [pg 378]dem regelmäßigen Militärdienst nicht herangezogen, nun sollen sie unter dem Halbmond fechten. Die Zahlen der voraussichtlichen Freiwilligen, die uns mitgeteilt werden, zeigen die Üppigkeit der orientalischen Phantasie. Auch müßte man, wenn man den osmanischen Mitteilungen glauben sollte, annehmen, daß die mohammedanischen Völker Rußlands seit langem keine höhere Sehnsucht gekannt hätten, als mit dem türkischen Reiche zusammen ein einiges großes geschlossenes Glaubensland zu bilden. Immerhin ist der Gedanke nicht von der Hand zu weisen, daß die Türkei sich in diesen Gebieten neue Kräfte erschließt, und daß England sich gezwungen sehen wird, der Entwicklung dieser Vorgänge sein besonderes Augenmerk zuzuwenden. Einstweilen ist es aber gut, mit nüchterner Wirklichkeit zu rechnen. Wir versuchen daher, auf die hochgehenden Wogen osmanischer Hoffnungen beruhigend einzuwirken, freilich nicht mit dem wünschenswerten Erfolg. Man stimmt uns bei, daß die Hauptaufgabe der Türkei im Rahmen des Gesamtkrieges weit mehr in der Richtung auf Syrien und Mesopotamien zu suchen ist, als in derjenigen auf den Kaukasus und das Kaspische Meer. Was helfen aber Versprechungen und guter Wille in Konstantinopel, wenn die Führer auf den entlegenen Kriegsschauplätzen ihre eigenen Wege gehen!
Um wenigstens einen Anteil an den reichen Vorräten von Kriegsrohstoffen in Transkaukasien für die allgemeine Kriegführung zu retten, senden wir Truppen nach Georgien. Wir hoffen, der dortigen Regierung den Aufbau eines geordneten Wirtschaftslebens zu ermöglichen.
Aber der Panislamismus und der Kriegswucher in Konstantinopel ruhen nicht eher, als bis Baku auch in die Hand der Türken fällt, und zwar zu einer Zeit, in der sich der Zusammenbruch der alten asiatischen Herrschaft der Türkei vollzieht.
Auch die Absicht, über Transkaukasien in Persien entscheidenden Einfluß zu gewinnen, führte die Türkei so weit in östlicher Richtung [pg 379]vor. Man will durch Persien hindurch den englischen Operationen in Mesopotamien in die Flanke fallen, ein Plan, der an sich gut ist, dessen Durchführung aber Zeit braucht. Es ist freilich zweifelhaft, ob wir diese Zeit finden werden. Vielleicht aber binden schon die ersten türkischen Bewegungen im nördlichen Persien englische Kräfte und retten dadurch Mesopotamien für die Türkei.