In Neudeck lebten zu meiner Kinderzeit meine Großeltern. Jetzt ruhen sie, wie auch meine Eltern und viele Andere meines Namens, auf dem dortigen Friedhof. Fast alljährlich kehrten wir bei den Großeltern, anfänglich noch unter beschwerlichen Postreisen, als Sommerbesuch ein. Tiefen Eindruck machte es mir dann, wenn mein Großvater, der bis 1801 im Regiment „von Langenn“ gedient hatte, davon erzählte, wie er im Winter 1806/7 bei Napoleon I. im nahen Schloß Finckenstein als Landschaftsrat um Erlaß von Kontributionen bitten [pg 5]mußte, dabei aber kalt abgewiesen wurde. Auch von Durchmärschen und Einquartierung der Franzosen in Neudeck hörte ich. Und mein Onkel von der Groeben, der an der Passarge ansässig war, wußte von den Kämpfen an diesem Abschnitt im Jahre 1807 zu berichten. Die Russen drangen damals über die Brücke, wurden aber wieder zurückgeworfen. Ein französischer Offizier, der mit seinen Mannschaften das Gutshaus verteidigte, wurde in einem Giebelzimmer durch das Fenster erschossen. Es fehlte nicht viel, dann hätten die Russen 1914 wieder diese Brücke betreten.

Nach dem Tode meiner Großeltern zogen meine Eltern 1863 nach Neudeck. Wir fanden also von da ab dort, in den uns so vertrauten Räumen, das Elternhaus. Wo ich einst in jungen Jahren so gern geweilt hatte, da habe ich mich später oft mit Frau und Kindern von des Lebens Arbeit ausgeruht.

So ist denn Neudeck für mich die Heimat, der feste Mittelpunkt auch meiner engeren Familie geworden, dem unser ganzes Herz gehört. Wohin mich auch innerhalb des deutschen Vaterlandes mein Beruf führte, ich fühlte mich stets als Altpreuße.

Als Soldatenkind wurde ich 1847 in Posen geboren. Mein Vater war zu der Zeit Leutnant im 18. Infanterie-Regiment. Meine Mutter war die Tochter des damals auch in Posen lebenden Generalarztes Schwickart.

Das einfache, um nicht zu sagen harte Leben eines preußischen Landedelmannes oder Offiziers in bescheidenen Verhältnissen, das in der Arbeit und Pflichterfüllung seinen wesentlichsten Inhalt fand, gab naturgemäß unserm ganzen Geschlecht sein Gepräge. Auch mein Vater ging daher völlig in seinem Berufe auf. Aber er fand hierbei immer noch Zeit, sich Hand in Hand mit meiner Mutter der Erziehung seiner Kinder – ich hatte noch zwei jüngere Brüder und eine Schwester – zu widmen. Das sittlich tief angelegte, aber auch auf das praktische Leben gerichtete Wesen meiner teuren Eltern zeigte auch nach außen hin eine vollendete Harmonie. In gegenseitiger [pg 6]Ergänzung der Charaktere stand neben der ernsten, vielfach zu Sorgen geneigten Lebensauffassung meiner Mutter die ruhigere Anschauungsart meines Vaters. Beide vereinten sich in warmer Liebe zu uns, und so wirkten sie denn auf diese Weise in voller Übereinstimmung auf die geistige und sittliche Heranbildung ihrer Kinder ein. Es ist daher schwer zu sagen, wem ich dabei mehr zu danken habe, welche Richtung mehr vom Vater und welche mehr von der Mutter gefördert wurde. Beide Eltern bestrebten sich, uns einen gesunden Körper und einen kräftigen Willen zur Tat für die Erfüllung der Pflichten auf den Lebensweg mitzugeben. Sie bemühten sich aber auch, uns durch Anregung und Entwickelung der zarteren Seiten des menschlichen Empfindens das Beste zu bieten, was Eltern geben können: den vertrauensvollen Glauben an Gott den Herrn und eine grenzenlose Liebe zum Vaterlande und zu dem, was sie als die stärkste Stütze dieses Vaterlandes anerkannten, nämlich zu unserm preußischen Königstum. Der Vater führte uns zugleich von früher Jugend an in die Wirklichkeit des Lebens hinaus. Er weckte in uns im Garten und auf Spaziergängen die Liebe zur Natur, zeigte uns das Land und lehrte uns die Menschen in ihrem Dasein und in ihrer Arbeit erkennen und schätzen. Unter „uns“ verstehe ich hierbei außer mir meinen nächstältesten Bruder. Die Erziehung meiner nach diesem folgenden Schwester lag selbstredend mehr in Händen der Mutter, und mein jüngster Bruder trat erst ins Leben, kurz bevor ich Kadett wurde.

Das Los des Soldaten, zu wandern, führte meine Eltern von Posen nach Köln, Graudenz, Pinne in der Provinz Posen, Glogau und Kottbus. Dann nahm mein Vater den Abschied und zog nach Neudeck.

Von Posen habe ich aus damaliger Zeit nur wenig Erinnerung. Mein Großvater mütterlicherseits starb bald nach meiner Geburt. Er hatte sich 1813 in der Schlacht bei Kulm als Militärarzt das Eiserne Kreuz am Kombattantenbande erworben, weil er ein führerlos und [pg 7]wankend gewordenes Landwehrbataillon wieder geordnet und vorgeführt hatte. Meine Großmutter mußte uns in späteren Jahren noch viel von der „Franzosenzeit“, die sie in Posen als junges Mädchen durchlebt hatte, erzählen. Genau entsinne ich mich eines hochbetagten Gärtners meiner Großeltern, der noch 14 Tage unter Friedrich dem Großen gedient hatte. So fiel gewissermaßen auf mich als Kind noch ein letzter Sonnenstrahl ruhmvoller friderizianischer Vergangenheit.

Im Jahre 1848 hatte der polnische Aufstand auch auf die Provinz Posen übergegriffen. Mein Vater war mit seinem Regiment zur Bekämpfung dieser Bewegung ausgerückt. Die Polen bemächtigten sich nun vorübergehend der Herrschaft in der Stadt. Zur Feier des Einzugs ihres Führers Miroslawski sollten alle Häuser illuminiert werden. Meine Mutter war außerstande, sich diesem Zwange zu entziehen. Sie zog sich in ein Hinterzimmer zurück und tröstete sich, an meiner Wiege sitzend, mit dem Gedanken, daß gerade auf diesen Tag, den 22. März, der Geburtstag des „Prinzen von Preußen“ fiel, so daß die Lichter an den Fenstern der Vorderzimmer in ihrem Herzen diesem galten. 23 Jahre später war das damalige Wiegenkind im Spiegelsaale zu Versailles Zeuge der Kaisererklärung Wilhelms I., des einstigen Prinzen von Preußen.

Unser Aufenthalt in Köln und Graudenz war nur von kurzer Dauer. Aus der Kölner Zeit schwebt mir das Bild des mächtigen, jedoch noch unvollendeten Domes vor.

In Pinne führte mein Vater nach damaligem Brauch vier Jahre hindurch als überzähliger Hauptmann eine Landwehrkompagnie. Er war dienstlich nicht sehr beansprucht, so daß er sich gerade in der Zeit, in welcher sich mein jugendlicher Geist zu regen begann, uns Kindern besonders widmen konnte. Er unterrichtete mich bald in Geographie und Französisch, während mir der Schullehrer Kobelt, dem ich noch heute eine dankbare Erinnerung bewahre, Lesen, Schreiben und Rechnen beibrachte. Aus dieser Zeit stammt meine [pg 8]Vorliebe für Geographie, welche mein Vater durch sehr anschauliche und anregende Lehrart zu wecken verstand. Den ersten Religionsunterricht erteilte mir in zum Herzen redender Weise meine Mutter.