Erster Teil

Aus Kriegs- und Friedensjahren bis 1914


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Meine Jugend

An einem Frühlingsabend des Jahres 1859 sagte ich als 11jähriger Knabe am Gittertor des Kadettenhauses zu Wahlstatt in Schlesien meinem Vater Lebewohl. Der Abschied galt nicht nur dem geliebten Vater sondern gleichzeitig meinem ganzen bisherigen Leben. Aus diesem Gefühl heraus stahlen sich Tränen aus meinen Augen. Ich sah sie auf meinen „Waffenrock“ fallen. „In diesem Kleid darf man nicht schwach sein und weinen“ fuhr es mir durch den Kopf; ich riß mich empor aus meinem kindlichen Schmerz und mischte mich nicht ohne Bangen unter meine nunmehrigen Kameraden.

Soldat zu werden war für mich kein Entschluß, es war eine Selbstverständlichkeit. Solange ich mir im jugendlichen Spiel oder Denken einen Beruf wählte, war es stets der militärische gewesen. Der Waffendienst für König und Vaterland war in unserer Familie eine alte Überlieferung.

Unser Geschlecht, die „Beneckendorffs“, entstammt der Altmark, wo es urkundlich im Jahre 1280 zum erstenmal auftritt. Von hier fand es, dem Zuge der Zeit folgend, über die Neumark seinen Weg nach Preußen herauf. Dort waren schon manche Träger meines Namens in den Reihen der Deutschritter als Ordensbrüder oder „Kriegsgäste“ gegen die Heiden und Polen zu Felde gezogen. Später gestalteten sich unsere Beziehungen mit dem Osten durch Gewinn [pg 4]von Grundbesitz noch inniger, während diejenigen mit der Mark immer lockerer wurden und Anfang des neunzehnten Jahrhunderts ganz aufhörten.

Der Name „Hindenburg“ trat erst 1789 zu dem unsrigen. Wir waren mit diesem Geschlecht in der neumärkischen Zeit durch Heiraten in Verbindung getreten. Auch die Großmutter meines im Regiment „von Tettenborn“ dienenden und in Ostpreußen bei Heiligenbeil ansässigen Urgroßvaters war eine Hindenburg. Deren unverheirateter Bruder, welcher zuletzt als Oberst unter Friedrich dem Großen gekämpft hatte, vermachte seine beiden, in dem schon mit der ostpreußischen Erbschaft zu Brandenburg gekommenen, später aber Westpreußen zugeteilten Kreise Rosenberg gelegenen Güter Neudeck und Limbsee seinem Großneffen unter der Bedingung der Vereinigung beider Namen. Diese wurde von König Friedrich Wilhelm II. genehmigt, und seitdem wird bei Abkürzung des Doppelnamens die Benennung „Hindenburg“ angewendet.

Die Güter bei Heiligenbeil wurden infolge dieser Erbschaft verkauft. Auch Limbsee mußte, der Not gehorchend, nach den Befreiungskriegen veräußert werden. Aber Neudeck ist heute noch im Besitz unserer Familie; es gehört der Witwe meines nächstältesten Bruders, der nicht ganz zwei Jahr jünger als ich war, so daß unsere Lebenswege in treuer Liebe nahe nebeneinander herliefen. Auch er wurde Kadett und durfte seinem Könige lange Jahre als Offizier in Krieg und Frieden dienen.