Der Gedanke, der uns zur Winterschlacht führte, drängt sich aufs neue auf, diesmal vielleicht in noch größeren Umrissen. Jetzt muß von Ostpreußen her der Schlag angesetzt werden, am nächsten und wirkungsvollsten über Ossowiez-Grodno. Doch verhindert auch jetzt dort das Bobrsumpfgebiet unser Vorgehen; wir kennen das vom Tauwetter des vergangenen Winters her. Es bleibt also nur die Wahl zwischen dem Vorbrechen westlich oder östlich dieser Linie. Der Stoß in die Tiefe der feindlichen Verteidigung, ich möchte sagen in die Herzgegend des russischen Heeres fordert die Richtung östlich Grodno vorbei. Wir vertreten diesen Gedanken. Die Oberste Heeresleitung verschloß sich seinem Vorteil nicht, aber sie hielt die westliche Stoßrichtung für kürzer und glaubte auch hier an große Erfolge. Sie forderte also den Angriff über den unteren Narew. Ich glaubte meinen Widerstand gegen diese Absicht zum Nutzen des Ganzen einstweilen aufgeben, die Folgen dieses Angriffes und den weiteren Verlauf der [pg 128]Operationen abwarten zu sollen. Der General Ludendorff jedoch hielt innerlich zähe an unserem ersten Plane fest, eine Abweichung, die übrigens weder irgendwelchen Einfluß auf unser weiteres gemeinsames Denken und Handeln hatte, noch die Kraft beeinträchtigte, mit der wir den Entschluß der verantwortlichen Obersten Heeresleitung Mitte Juli in die Tat umsetzten. Gallwitz' Armee brach beiderseits Przasnysz gegen den Narew vor. Zu diesem Angriff begab ich mich persönlich auf das Schlachtfeld, nicht um in die mir als meisterhaft bekannte Tätigkeit des Armee-Oberkommandos irgendwelche taktischen Eingriffe zu machen, sondern nur deswegen, weil ich wußte, welch eine ausschlaggebende Bedeutung unsere Oberste Heeresleitung dem Gelingen des hier befohlenen Durchbruches beilegte. Ich wollte zur Stelle sein, um nötigenfalls sofort eingreifen zu können, wenn das Armee-Oberkommando irgendwelcher weiteren Aushilfen für die Durchführung seiner schwierigen Aufgabe im Rahmen meines Befehlsbereiches bedurfte. Zwei Tage blieb ich bei der Armee und erlebte die Erstürmung des schon früher wiederholt heftig umstrittenen Przasnysz und den Kampf um das Gelände südlich der Stadt. Schon am 17. Juli stand Gallwitz am Narew. Unter dem Eindruck der auf allen Frontseiten einbrechenden verbündeten Armeen beginnt der Russe allmählich, auf allen Seiten zu weichen und sich der drohenden Umklammerung langsam zu entziehen. Unsere Verfolgung fängt an, sich in frontales Abringen zu verlaufen. Wir können auf diesem Wege die Früchte nicht ernten, die auf blutigen Schlachtfeldern immer wieder aufs neue gesät werden. Wir greifen daher unsern früheren Gedanken wieder auf und wollen angesichts dieses Verlaufs der Operationen über Kowno auf Wilna vordrücken, um dann die Massen des russischen Zentrums gegen die Pripet-Sümpfe zu pressen und ihre Verbindungen mit dem Herzland zu durchhauen. Doch die Absicht der Obersten Heeresleitung fordert unmittelbare Verfolgung, bei der der Verfolger stärker erlahmt als der Verfolgte.
In diesen Zeitraum fällt die Wegnahme von Nowo Georgiewsk. Diese Festung hatte zwar trotz ihrer Anlage als strategischer Brückenkopf bisher noch keine besonders wichtige Rolle gespielt; ihr Besitz wurde aber jetzt für uns von Wert, weil sie die über Mlawa nach Warschau führende Bahn sperrte. Unmittelbar vor der Übergabe traf ich am 18. August mit meinem Kaiser vor dem Waffenplatz zusammen und fuhr später in seinem Gefolge in die Stadt. Dort brannten noch die von den russischen Truppen angezündeten Kasernen und andere militärische Gebäude. Große Massen von Gefangenen standen herum. Auffallend war es, daß die Russen vor der Übergabe ihre Pferde reihenweise erschossen hatten, wohl in der Überzeugung von dem außerordentlichen Werte, den diese Tiere für unsere Operationen im Osten hatten. Unser Gegner benahm sich überhaupt in der Zerstörung aller Mittel und Vorräte, die dem siegreichen Feinde für die Kriegführung von irgendwelchem Nutzen sein konnten, stets außerordentlich gründlich.
Um wenigstens freie Bahn für ein späteres Vorgehen gegen Wilna zu schaffen, lassen wir schon Mitte Juli unsere Njemenarmee gegen Osten vorbrechen. Mitte August fällt dann Kowno unter dem Ansturm der 10. Armee. Der Weg gegen Wilna ist geöffnet, aber noch immer fehlen die Kräfte zur weiteren Durchführung unseres großen operativen Gedankens. Sie bleiben vorläufig in frontaler Verfolgung festgelegt. Wochen vergehen, bis Verstärkungen herangeholt werden können. Unterdessen weicht aber der Russe weiter nach Osten; er gibt alles preis, selbst Warschau, wenn er nur seine Hauptkräfte dem Verderben entziehen kann.
Erst am 9. September können wir vorwärts auf Wilna. Möglicherweise kann in dieser Richtung auch jetzt noch Großes gewonnen werden. Hunderttausende russischer Truppen sind vielleicht unsere Beute. Wenn je stolze Hoffnungen mit Ungeduld und Sorgen sich mischten, so geschieht es jetzt. Kommen wir zu spät? Sind wir kräftig genug? Doch nur vorwärts, über Wilna hinaus und dann [pg 130]nach Süden. Unsere Reitergeschwader legen bald Hand an die russische Lebensader. Drücken wir diese zusammen, so stirbt die feindliche Hauptkraft. Der Gegner kennt das drohende Unheil, er tut alles, um es abzuwenden. Ein mörderisches Ringen bei Wilna beginnt. Jede gewonnene Stunde rettet dem Russen viele seiner nach Osten flutenden Heerhaufen. Unsere Kavalleriedivisionen müssen vor deren Rückstau wieder zurück. Die Bahnlinie ins Herz der Heimat wird für den Gegner wieder frei. Wir sind zu spät gekommen, und wir ermatten!
Ich täusche mich wohl nicht in der Annahme, daß der Gegensatz zwischen den Anschauungen der deutschen Obersten Führung und den unserigen ein geschichtliches Interesse behalten wird. Aber wir dürfen bei der Beurteilung der Pläne der Heeresleitung den Blick über das Gesamtbild des Krieges nicht verlieren. Wir selbst sahen damals nur einen Teil dieses Bildes. Die Frage, ob wir unter dem Eindrucke der gesamten politischen und kriegerischen Lage anders geplant und anders gehandelt hätten, mag unerörtert bleiben.
Lötzen
Aus diesem ernsten Gedankenstreit möchte ich zu einer idyllischeren Seite unseres Kriegslebens im Jahre 1915 übergehen, indem ich mich in meinen Erinnerungen nach Lötzen begebe.
Das freundlich zwischen Seen, Wald und Höhen gelegene Städtchen wurde unser Hauptquartier, als die Winterschlacht in Masuren auszuklingen begann. Die Einwohner, befreit von Russengefahr und Russenschreck, gewährten uns eine rührend herzliche Aufnahme. Dankbarst gedenke ich auch des Landverkehrs auf den ohne zu großen Zeitverlust erreichbaren Gütern, der mir, wenn es der Ernst der Zeit erlaubte, Stunden der Erholung, Ablenkung und Anregung brachte. Auch das edle Weidwerk kam dabei nicht zu kurz; den Höhepunkt [pg 131]bildete hierbei dank der Gnade Seiner Majestät die Erlegung eines besonders starken Elches im Königlichen Jagdrevier Niemonien am Kurischen Haff.
Als im Frühjahr allmählich die Ruhe vor unserer Front einzutreten begann, fehlte es uns, ebensowenig wie später im Sommer, nicht an Besuchern jeglicher Art. Deutsche Fürstlichkeiten, Politiker, Männer aus wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Berufskreisen, Verwaltungsbeamte kamen zu uns, geführt durch das Interesse, das die sonst so wenig besuchten östlichen Provinzen durch den bisherigen Kriegsverlauf gewonnen hatten. Künstler fanden sich ein, um General Ludendorff und mich durch Pinsel oder Meißel zu verewigen, eine Auszeichnung, auf die wir bei aller Liebenswürdigkeit und Tüchtigkeit der betreffenden Herrn gerne zu Gunsten unserer knappen Freistunden verzichtet hätten. Auch das neutrale Ausland stellte Gäste. So lernte ich unter anderen dort auch Sven Hedin, den bekannten Asienreisenden und überzeugten Deutschenfreund, kennen und schätzen.