Unter den Staatsmännern, die uns in Lötzen besuchten, nenne ich besonders den damaligen Reichskanzler von Bethmann Hollweg und den Großadmiral von Tirpitz.
Schon im Winter 1914/15 hatte ich in Posen Gelegenheit gehabt, den Reichskanzler bei mir begrüßen zu können. Seine Besuche entsprangen in erster Linie seiner persönlichen Liebenswürdigkeit und standen in keinem Zusammenhange mit irgendwelchen politischen Fragen. Ich erinnere mich auch nicht, daß die Unterhaltungen mit dem Reichskanzler dieses Thema damals berührten. Wohl aber gewann ich die Überzeugung, daß ich es mit einem klugen und gewissenhaften Mann zu tun hatte. Unsere Anschauungen über die damaligen Kriegsnotwendigkeiten deckten sich in dieser Zeit nach meinem Empfinden in allen wesentlichen Punkten. Ein tiefes Verantwortungsgefühl sprach aus allen Äußerungen des Kanzlers. Diesem Gefühl schrieb ich es zu, wenn mir in der Beurteilung der Kriegslage durch Herrn von Bethmann nach meinem soldatischen [pg 132]Empfinden etwas zu viel Bedenken und infolgedessen etwas zu wenig Zuversichtlichkeit entgegentraten.
Den in Posen erhaltenen Eindruck fand ich in Lötzen bestätigt.
Großadmiral von Tirpitz, der in dieser Zeit oft als Nachfolger für Bethmann Hollweg genannt wurde, war eine völlig anders geartete Persönlichkeit. Auf einem längeren Spaziergang trug er mir alle die Schmerzen vor, die sein flammendes vaterländisches und ganz besonders sein seemännisches Herz bewegten. Er empfand es bitter, daß er die gewaltige während der besten Jahre seines Lebens von ihm geschmiedete Waffe im Kriege in den heimatlichen Häfen festgebannt sah. Gewiß war die Lage für eine Flottenoffensive unsererseits ungemein schwierig, sie wurde aber mit langem Zuwarten nicht besser. Meines Erachtens würde die überaus große Empfindlichkeit des englischen Mutterlandes gegenüber dem Phantom einer deutschen Landung eine größere Tätigkeit, ja selbst schwere Opfer unserer Flotte gerechtfertigt haben. Ich hielt es nicht für ausgeschlossen, daß durch eine solche Flottenverwendung eine Bindung starker englischer Heereskräfte im Mutterlande und damit eine Entlastung unseres Landheeres erreicht werden konnte. Man sagt, daß unsere Politik sich die Möglichkeit schaffen wollte, bei etwaigen Friedensaussichten auf eine starke, intakte deutsche Seekraft hinweisen zu können. Eine solche Rechnung wäre wohl irrig gewesen. Denn eine Streitmacht, die man im Kriege nicht zu nützen wagt, ist auch bei Friedensverhandlungen ein kraftloser Faktor.
Im Frühjahr 1916 ist der Wunsch des Großadmirals doch noch in Erfüllung gegangen. Was unsere Flotte zu leisten vermochte, das hat sie im Skagerrak glänzend gezeigt.
Auch über die Frage unserer Unterseebootkriegführung äußerte sich Herr von Tirpitz. Er vertrat die Anschauung, daß wir diese Waffe zur Unzeit gezückt hätten, und daß wir dann, eingeschüchtert durch das Verhalten des Präsidenten der Vereinigten Staaten den mit lautem Kampfgeschrei erhobenen Arm ebenso zur Unzeit wieder [pg 133]hätten sinken lassen. Die damaligen Ausführungen des Großadmirals konnten auf meine spätere Stellungnahme zu dieser Frage keinen Einfluß ausüben. Bis die Entscheidung hierüber an mich herantrat, sollten fast noch anderthalb Jahre vergehen. In diesem Zeitraum hatte sich einerseits die Kriegslage ganz wesentlich zu unseren Ungunsten verschoben und war andererseits die Leistungsfähigkeit unserer Marine auf dem Gebiete des Unterseebootswesens mehr als verdoppelt.
Kowno
Im Oktober 1915 verlegten wir unser Hauptquartier nach Kowno, in das besetzte Feindesland.
Zu der bisherigen Tätigkeit meines Generalstabschefs kamen jetzt noch die Arbeiten für die Verwaltung, den Wiederaufbau und die Ausnützung des Landes zur Versorgung der Truppen, der Heimat und der Landeseinwohner. Die hieraus erwachsende Beschäftigung wäre allein genügend gewesen, die Arbeitskraft eines Mannes voll und ganz in Anspruch zu nehmen. General Ludendorff betrachtete sie als eine Zugabe zu seinem übrigen Dienste und widmete sich ihr mit dem ihm eigenen rastlosen Arbeitswillen.