Die Wichtigkeit des genannten Waffenplatzes berechtigte also meiner Anschauung nach zu dem Versuch, ihn anzugreifen. Man hatte ja in der Hand, das Unternehmen rechtzeitig wieder abzubrechen, wenn sich seine Durchführbarkeit als unmöglich erweisen oder die dafür nötigen Opfer als zu hoch herausstellen sollten. Und dann: Ist das Kühnste, das Unwahrscheinlichste im Angriff auf Festungen in diesem Kriege uns nicht schon wiederholt glänzend gelungen?
Von Ende Februar ab wird Verdun nicht mehr geheimnisvoll ausgesprochen, sondern laut und freudig. Das Wort „Douaumont“ leuchtet im Zusammenhang damit wie ein Fanal deutschen Heldentums bis in den entferntesten Osten herüber und erhebt die Gemüter auch derer, die jetzt eben mit Ernst und Sorge auf die Entwickelung [pg 141]der Ereignisse am Naroczsee blicken. Freilich liegt in dem Angriff auf Verdun für uns auch ein bitteres Gefühl. Bedeutet das Unternehmen doch das endgültige Aufgeben einer Kriegsentscheidung hier im Osten.
Verdun wird im weiteren Verlauf der Zeit noch in verschiedener Betonung genannt. Die Bedenken fangen allmählich an, zu überwiegen, man spricht sie aber nur selten aus. Sie lassen sich kurz in folgende Fragen zusammenfassen: Warum setzt man einen Angriff immer noch fort, der so unendliche Opfer fordert und dessen Aussichtslosigkeit dabei schon erkennbar ist? Wäre es nicht möglich, an die Stelle dieser rein örtlichen Frontalunternehmung gegen den auf permanente Werke gestützten nördlichen Verteidigungsbogen Verduns eine die Linienführung unserer Aufstellung zwischen Argonnerwald und St. Mihiel ausnutzende abschnürende Operation treten zu lassen? Erst spätere Zeiten werden nach unparteiischer Prüfung über die Berechtigung dieser Fragen urteilen können.
Noch ein anderes Wort tritt späterhin zu Verdun, das ist „Italien“, zum ersten Male erwähnt, nachdem die Schlacht am Naroczsee beendet war. Auch Italien wird mit Zweifel genannt, mit weit größerem und stärkerem als Verdun, ja nicht nur mit Zweifel, sondern mit ernsten, schweren Bedenken. Der Plan eines österreichisch-ungarischen Angriffes gegen Italien ist kühn und hat von diesem Gesichtspunkt aus auch ein militärisches Anrecht auf Gelingen. Was diesen Plan aber als überkühn erscheinen läßt, das ist unsere Einschätzung des Instrumentes, mit dem er durchgeführt wird. Wenn gegen Italien die besten k. u. k. Truppen losbrechen, Truppen, an die nicht bloß Österreich und Ungarn sondern auch Deutschland mit Stolz und Vertrauen denken, was bleibt dann gegen Rußland? Rußland ist aber nicht so geschlagen, wie man es Ende 1915 vermutete. Am Naroczsee hat sich die ganze Entschlossenheit der russischen Heerhaufen wieder gezeigt in einer Wildheit und Massenhaftigkeit, [pg 142]gegenüber der so manche mit slawischen Elementen stark durchsetzten österreichisch-ungarischen Heeresverbände sich bisher als wenig widerstandsfähig erwiesen haben.
Die Sorge bei uns wächst trotz der Siegesmeldungen aus Italien täglich mehr und mehr. Sie wird nur zu bald in ihrer Berechtigung bewiesen durch die nunmehr eintretenden Ereignisse südlich des Pripet. Am 4. Juni stürzt die österreichisch-ungarische Heeresfront in Wolhynien und in der Bukowina auf den ersten russischen Anhieb weithin zusammen. Die schwerste Krisis des ganzen bisherigen Krieges an der Ostfront tritt ein, schwerer noch als diejenige des Jahres 1914. Denn diesmal steht nirgends ein siegreiches deutsches Heer als helfender Retter bereit: im Westen tobt der Kampf um Verdun und drohen Sturmeszeichen an der Somme.
Die Wogen dieser Krisis schlagen bis an unsere Front hinüber, aber zum Heile für das Ganze nicht in Form russischer Angriffe. So können wir wenigstens helfen, wo die Not am größten ist.
Der Russe steht bis jetzt vor der deutschen Front noch ungeschwächt in seinen Stellungen. Den ersten Erfolg südlich des Pripet hat er daher nicht durch seinen sonst gewohnten Einsatz überlegener Massen sondern mit verhältnismäßig schwachen Kräften erreicht.
„Der Plan Brussilows muß eingangs streng genommen als eine Erkundung aufgefaßt werden, als eine Erkundung unternommen auf gewaltige Ausdehnungen und mit kühner Entschlossenheit, aber doch immer nur eine Erkundung, kein Schlag mit einem gewählten Ziel ... Seine Aufgabe war es, die Stärke der gegnerischen Linien anzufühlen auf einer Front von nahezu 500 km zwischen Pripet und Rumänien. Brussilow glich einem Manne, der an eine Mauer schlägt, um herauszubringen, welche Teile solider Stein und welche nur Latten und Mörtel waren.“
So schrieb ein Ausländer über Brussilows erste Schlachttage. Und dieser Ausländer sagt einwandfrei das Richtige.
Die österreichisch-ungarische Mauer zeigt aber nur wenige solide Steine, sie bricht unter dem Pochen von Brussilows Hammer zusammen, und herein braust die Sturmflut der russischen Haufen, die nunmehr erst von unserer Front weg herangeführt worden sind. Wo wird ihnen ein Halt geboten werden können? Nur eine starke Säule bleibt zunächst noch inmitten dieser Brandung. Es ist die Südarmee unter ihrem trefflichen General Grafen Bothmer. Deutsche, Österreicher und Ungarn; alle gehalten in guter Zucht.