Was auf unserem Teil der großen Ostfront entbehrlich ist, rollt nunmehr nach dem Süden und verschwindet auf den Schlachtfeldern Galiziens.
Inzwischen verdüstert sich auch die Lage an der Westfront. Französisch-englische Übermacht wirft sich auf unsere verhältnismäßig schwach gehaltenen Linien beiderseits der Somme und drückt die Verteidigung ein. Ja es droht vorübergehend die Gefahr eines vollendeten Durchbruchs!
Mein Allerhöchster Kriegsherr ruft mich und meinen Generalstabschef zweimal zu Beratungen über die schwere Lage an der Ostfront in sein Hauptquartier nach Pleß. Das letzte Mal, Ende Juli, fällt dort die Entscheidung über die Neuregelung des Befehls auf der Ostfront. Die deutsche Oberste Heeresleitung hat von Österreich-Ungarn als Entgelt für die trotz Verdun und Somme gebotene rettende Hand Gewähr für straffere Organisation des Befehls an der Ostfront gefordert. Mit Recht! So wurde meine Befehlsgewalt bis in die Gegend von Brody, östlich Lemberg, ausgedehnt; starke k. und k. Truppenverbände wurden mir unterstellt.
Wir besuchten baldigst die uns neu zugewiesenen Oberkommandos und fanden bei den österreichisch-ungarischen Stellen volles Entgegenkommen und rückhaltslose Kritik der eigenen Schwächen. Freilich, die Erkenntnis war nicht allenthalben vom Tatenwillen begleitet, der bessernd in die vorhandenen Schäden eingreift. Und doch, wenn je in einem Heere, so bedurfte es in diesem Völkergemisch einer alles [pg 144]beherrschenden, durchgreifenden Gewalt und eines einheitlichen Zuges, sonst mußte auch das beste Blut in diesem Körper machtlos rinnen und vergeblich verrinnen.
Die Ausdehnung der Befehlsfront veranlaßte mich zur Verlegung meines Hauptquartiers nach Süden, nach Brest-Litowsk. Dort trifft mich am 28. August mittags der Befehl Seiner Majestät des Kaisers, baldmöglichst in sein Großes Hauptquartier abzureisen. Als Grund teilt mir der Chef des Militärkabinetts nur mit: „Die Lage ist ernst!“
Ich lege den Hörapparat weg und denke an Verdun und Italien, an Brussilow und die österreichische Ostfront, dazu an die Nachricht: „Rumänien hat uns den Krieg erklärt.“ Starke Nerven werden nötig sein!