Der feindliche Ansturm im ersten Halbjahr 1917

Im Westen

Mit größter Spannung sahen wir vom Eintritt der besseren Jahreszeit ab dem Beginn des erwarteten allgemeinen gegnerischen Angriffes im Westen entgegen. Wir hatten uns durch die Neugruppierung unserer Kräfte auf ihn strategisch vorbereitet, aber wir hatten im Laufe des Winters auch in taktischer Beziehung alle Maßnahmen getroffen, dieser jedenfalls größten aller bisherigen feindlichen Kraftanstrengungen zu begegnen.

Zu diesen Maßnahmen gehörten nicht in letzter Linie die Änderungen unseres bisherigen Verteidigungsverfahrens. Sie wurden von uns auf Grund der Erfahrungen in den bisherigen Kämpfen verfügt. Nicht mehr aus einzelnen Linien und Stützpunkten sondern aus Liniensystemen und Stützpunktgruppen sollten in Zukunft unsere Verteidigungsanlagen bestehen. In den dadurch gebildeten tiefen Zonen wollten wir die Truppen nicht in zusammenhängenden, starren Fronten, sondern in reicher Gruppierung und Gliederung nach der Breite und Tiefe aufbauen. Der Verteidiger hatte seine Kräfte beweglich zu halten, um der vernichtenden feindlichen Wirkung während des Vorbereitungskampfes auszuweichen, hier und dort unhaltbar gewordene Stellungsteile freiwillig preiszugeben und dann im Gegenstoß das wieder zu gewinnen, was zur Behauptung der allgemeinen Stellung nötig war. Diese Grundsätze galten im Kleinen wie im Großen.

Der verheerenden Wirkung der feindlichen Artillerie und Minenwerfer und den überraschenden gegnerischen Anstürmen setzten wir also eine Vermehrung und reichere Gliederung unserer Verteidigungsanlagen und die Beweglichkeit unserer Kampfmittel entgegen. Gleichzeitig wurde der Grundsatz verwirklicht, in den vorderen Widerstandslinien durch Erhöhung der Zahl der Maschinengewehre Menschenkräfte zu schonen und damit solche zu sparen.

Mit dieser tiefgreifenden Änderung unseres Verteidigungsverfahrens nahmen wir ohne Zweifel ein Wagnis auf uns. Dies bestand in erster Linie darin, daß wir mitten im Kriege den Bruch mit taktischen Gewohnheiten und Erfahrungen forderten, in die sich die untere Führung und die Truppe eingelebt hatten, und die sie vielfach mit begreiflichen Vorurteilen schätzten. Der Übergang von einer taktischen Anschauung in eine andere bedeutet schon im Frieden eine gewisse Krisis. Er bringt auf der einen Seite Übertreibungen im Neuen, auf der anderen schwer belehrbares Festhalten am Alten mit sich. Mißverständnisse drängen sich in den klarsten Wortlaut der Vorschriften ein; selbständige und willkürliche Auslegungen feiern Orgien; das Trägheitsmoment im menschlichen Denken und Handeln wird manchmal nicht ohne kräftigsten Antrieb überwunden.

Aber nicht nur aus diesen Gründen bedeuteten unsere taktischen Änderungen einen gewagten Schritt. Fast noch schwerer war es, die Frage zu bejahen, ob denn unser Heer mitten im Kriege in seiner jetzigen Verfassung imstande sein würde, diese Änderungen in sich aufzunehmen und auf die Wirklichkeit des Schlachtfeldes zu übertragen. Wir konnten uns nicht im Zweifel darüber sein, daß das Kriegsinstrument, mit dem wir jetzt zu arbeiten hatten, mit demjenigen der Jahre 1914 und 1915, ja selbst mit demjenigen des Beginnes von 1916 kaum noch zu vergleichen war. Eine Unsumme herrlichster Kraft lag in unseren Ehrenfriedhöfen gebettet oder war mit zertrümmerten Gliedern oder krankem Körper an die Heimat [pg 240]gebannt. Ein stolzer Kern unserer Soldaten vom Jahre 1914 war freilich auch heute noch vorhanden, und an ihn schloß sich viel junge, begeisterungsfähige Kraft und opferfreudiger Wille. Aber das allein macht die Stärke eines Heeres nicht aus; Kraft und Wille müssen geschult und durch Erfahrungen geläutert werden. Ein Heer mit dem sittlichen und geistigen Reichtum, mit der machtvollen geschichtlichen Überlieferung wie das deutsche von 1914 überdauert zwar in seinem inneren Werte manche Kriegsjahre, wenn ihm nur die Zufuhr frischer körperlicher und sittlicher Kräfte aus der Heimat erhalten bleibt. Der Gesamtwert jedoch wird, ja er muß nach dem natürlichen Lauf der Dinge sinken, wenn auch sein Verhältniswert jedem Feinde gegenüber, der gleich lang im Felde steht, in voller Höhe und Überlegenheit erhalten bleibt.

Unser neues Verteidigungsverfahren stellte an die moralische Kraft und an das Können der Truppe hohe Anforderungen, indem es den festen äußeren Zusammenhalt der Verteidigung lockerte und damit die Selbständigkeit kleinster Teile zum höchsten Grundsatz erhob. Der taktische Zusammenhang war nicht mehr in äußerlich sichtbaren Linien und Gruppen gegeben, sondern im geistigen Bande taktischen Zusammengreifens. Es liegt keine Übertreibung darin, wenn ich sage, daß unter den vorliegenden Verhältnissen in dem Übergang zu diesen neuen Grundsätzen die größte Vertrauenskundgebung lag, die wir der geistigen und sittlichen Kraft unseres Heeres, und zwar all seiner Teile, aussprechen konnten. Schon die nächste Zukunft mußte den Beweis liefern, ob dieses Vertrauen gerechtfertigt war.

Das erste Unwetter im Westen bricht nach begonnenem Frühjahr los. Am 9. April gibt der englische Angriff bei Arras den Auftakt zur großen, feindlichen Frühjahrsoffensive. Der Angriff wird tagelang vorbereitet mit der ganzen brutalen Wucht feindlicher Artillerie- und Minenwerfer-Massen, nichts von Überraschungstaktik [pg 241]im Sinne Nivelles vom Oktober des vergangenen Jahres. Traut man diesem Verfahren von englischer Seite nicht, oder fühlt man sich taktisch hierfür zu ungewandt? Der Grund ist für den Augenblick gleichgültig, die Tatsache genügt und redet eine furchtbare Sprache. Der englische Angriff braust über die ersten, zweiten, dritten Gräben hinweg. Stützpunktgruppen versagen oder verstummen nach heldenmütigem Widerstand; Artillerie geht in Masse verloren. Das Verteidigungsverfahren hatte scheinbar versagt!