Eine schwere Krise tritt ein. Eine jener Lagen, in der alles haltlos geworden zu sein scheint. „Krisen muß man vermeiden“, ruft der Laie. Der Soldat kann ihm nur antworten: „Dann verzichten wir besser von vornherein auf den Krieg, denn sie sind unvermeidlich. Sie liegen einfach in der Natur des Krieges und kennzeichnen ihn als das Gebiet des Ungewissen und der Gefahr. Nicht Krisen zu vermeiden sondern sie zu überwinden, ist Aufgabe der Kriegskunst. Wer schon vor ihrem Drohen zurückschrecken wollte, bindet sich selbst die Hände, wird ein Spielball des kühneren Gegners und geht bald in einer Krisis zu Grunde.“

Ich will hiermit nicht behaupten, daß die Krisis am 9. April nach all den Vorbereitungen, die man zu treffen imstande gewesen wäre, nicht hätte vermieden werden können. Sie brauchte wenigstens nicht in dieser furchtbaren Größe einzutreten, wenn man mit rechtzeitig herangeholten Reserven im Gegenstoß dem feindlichen Einbruch entgegenging. Mit schweren örtlichen Erschütterungen der Verteidigung wird man freilich bei solch höllischer Vorbereitung des Angriffs immer rechnen müssen.

Der abendliche Vortrag entwirft an diesem 9. April ein düsteres Bild, viel Schatten, wenig Licht. Doch man muß in solchen Fällen nach Licht suchen. Ein Strahl, wenn auch noch in unsicheren Umrissen, deutet sich an. Der Engländer scheint es nicht verstanden zu haben, den errungenen Erfolg bis zu seinem letztmöglichen Ergebnis auszunützen. Ein Glück für uns, jetzt, wie schon manch[pg 242]mal vorher. Nach dem Vortrag drücke ich meinem Ersten Generalquartiermeister die Hand mit den Worten: „Nun, wir haben schon Schwereres miteinander durchgemacht als heute.“ Heute, an seinem Geburtstage! Mein Vertrauen bleibt unerschüttert. Ich wußte, neue Truppen von uns marschieren auf das Schlachtfeld, Eisenbahnzüge rollen heran. Die Krisis wird überwunden. In mir selbst wenigstens war sie zu Ende. Der Kampf aber tobte weiter.

Ein anderes Schlachtbild: Auch bei Soissons und von da ab weit hin nach Osten bis in die Gegend von Reims donnern gleichfalls von der ersten Aprilwoche ab die französischen Kanonen; viele hundert feindliche Minenwerfer schleudern dort ihre Geschosse. Hier befehligt Nivelle, wohl dank seines berechtigten Ruhmes von Verdun. Auch er hat aus seinen letzten Erfahrungen bei Verdun nicht die taktischen Folgerungen gezogen, die wir erwarteten. Tage-, ja eine Woche lang wütet das französische Feuer. Unsere Verteidigungszonen sollen in ein Trümmer- und Leichenfeld verwandelt, was vielleicht noch zufällig der körperlichen Zerstörung entgeht, soll wenigstens seelisch gebrochen werden. In dieser furchtbaren Esse scheint die Erreichung solcher Absicht außer Zweifel zu stehen. Endlich hält Nivelle unsere Truppen für vernichtet oder wenigstens hinreichend zermürbt. Er läßt seine siegessicheren Bataillone am 16. April zum Sturme, wir wollen besser sagen, zur Ernte der in der Feuerglut gereiften Früchte antreten. Da geschieht das Unbegreifliche. Zwischen den Trümmern und Trichtern erhebt sich deutsches Leben, deutsche Kraft und deutscher Wille und schleudert sein Verderben in die stürmenden Linien und die ihnen folgenden, in unserem losbrechenden Feuer wirbelnden und sich zusammenballenden Haufen. Wohl wird der deutsche Widerstand an den am schwersten erschütterten Stellen niedergetreten, aber was bedeutet in diesem Riesenkampfe ein Verlust von einzelnen Stellungsteilen gegenüber der siegreichen Behauptung der allgemeinen Front?

Die Schlacht zeigt schon in den ersten Tagen eine ausgesprochene französische Niederlage. Der blutige Rückschlag wirft die französische Führung und Truppe in bitterste, ja verbitterte Enttäuschung.

Der Kampf bei Arras, bei Soissons und bei Reims tobt noch wochenlang. Er bringt nur einen einzigen taktischen Unterschied gegenüber dem Ringen an der Somme im vergangenen Jahre, und den möchte ich zu erwähnen nicht vergessen: der Gegner erringt nämlich über die ersten Tage hinaus nirgends mehr einen nennenswerten Erfolg, und schon nach wenigen Wochen sinkt er auf seinen Angriffsfeldern erschöpft in den Stellungskrieg zurück. Unser Abwehrverfahren hat sich also doch noch glänzend bewährt!

Und nun noch ein drittes Bild: Die Szenen spielen sich ab auf den Höhen von Wytschaete und Messines, nordwestlich Lille, angesichts des Kemmel. Es ist der 7. Juni. Also ein Zeitpunkt, an dem das Scheitern der vorher erwähnten Kämpfe schon zweifelsfrei feststeht. Die Lage auf den Wytschaeter Höhen, dem Schlüsselpunkt des dortigen Stellungsbogens, ist wenig günstig für neuzeitliche Verteidigung. Der verhältnismäßig schmale Rücken gestattet nicht die Anwendung einer genügend tiefen Zone. Das vorderste Grabensystem liegt auf den Westhängen und bietet feindlicher Artillerie treffliche Ziele. Das feuchte Erdreich rutscht im Sommer und Winter, der Boden ist vielfach vom Minenkrieg zerwühlt, einer Kampfart, die früher gerade hier um den Besitz der wichtigsten Stellungsteile mit äußerster Erbitterung angewendet worden war. Doch hört man seit langem nichts mehr von unterirdischem Wühlen. Nicht nur von Westen, sondern auch von Süd und Nord her ist die Verteidigung auf den Höhen bei St. Eloi sowie an den beiden Eckpfeilern Wytschaete und Messines durch die gegnerische Artillerie zu fassen.

Der Engländer bereitet seinen Angriff in gewohnter Weise vor. Der Verteidiger leidet schwer, schwerer als nur irgendwo bisher. Auf unsere besorgte Frage, ob die Höhen nicht besser freiwillig geräumt würden, erfolgt die mannhafte Antwort: „Wir werden [pg 244]halten, noch stehen wir fest!“ Als aber der verhängnisvolle 7. Juni anbricht, erhebt sich der Boden unter den Verteidigungslinien, ihre wichtigsten Stützteile brechen zusammen und durch den Rauch und die niederstürzenden Erdmassen der gesprengten Minenreihen schreiten die englischen Sturmtruppen über die letzten Reste deutscher Verteidigungskraft hinweg. Krampfhafte Versuche unsererseits, die Lage durch Gegenstoß zu retten, scheitern an dem mörderischen feindlichen Artilleriefeuer, das aus weitem Bogen das Rückengebiet der verlorenen Stellungen in einen wahren Feuerkessel verwandelt. Trotzdem gelingt es auch hier, den Gegner vor vollendetem Durchbruch unserer Linien zum Halten zu bringen. Unsere Verluste an Menschen wie Kriegsgerät sind schwer; die Preisgabe des Geländes wäre zu verschmerzen gewesen.

Das bisherige Gesamtergebnis der großen feindlichen Offensive im Westen war nach meinem Urteil für uns nicht unbefriedigend. Geschlagen waren wir nirgends. Selbst die bedenklichsten Gefahren hatten wir aufgefangen. Nirgends war es dem Feinde gelungen, über einen mäßigen Geländegewinn hinaus größere Ziele zu erreichen, geschweige denn aus der Durchbruchsschlacht zur freien Operation übergehen zu können. Die Auswertung dieser unserer Erfolge im Westen sollte auch diesmal an anderen Fronten stattfinden.