»Die Frauen dieser interessanten Nation muss man sehr vorsichtig behandeln,« fuhr er mit tiefsinnigem Kopfschütteln fort. »Ein wüthend Weib und eine Ungarin« nennt sie Grillparzer in einem Athem, und er als nächster Nachbar muss sie doch gekannt haben. Ein unüberlegt-vertrauliches Wort, und wenn sie in Liebe für dich verginge, so würde sie dir doch wie eine beleidigte Königin den Rücken wenden.«
Die Wiederholung unsrer angenehmen Erfahrungen mit dem Seidenpintsch, dem seine schöne Herrin auf dem Fusse folgte, unterbrach weitere Betrachtungen. Als sie sich mit leichtem Kopfnicken von uns verabschiedete, unterliess sie es nicht, dem Blondkopf einen schalkhaften Blick zuzuwerfen, der Hugo bis unter die Haarwurzeln erröthen machte.
Lächerlicher hat sich nie ein liebeskranker Minnesänger benommen, als unser Blasengel unter dem Einfluss seiner brüderlichen Rathgeber. Rupert hatte, den günstigen Zufall ausnützend, dass das Gärtchen seiner Hauswirthin an das zu Fräulein Baloghs Wohnung gehörige stiess, Zutritt bei ihr zu erlangen gewusst, obschon sie sonst nicht viel Verkehr mit dem jungen Künstlervolk pflog. Er that dies, wie er versicherte, nur um Hugos willen, damit er ihn auf das genaueste über ihre Liebhabereien und Antipathien zu unterrichten vermochte. Diese waren etwas veränderlich; das blonde Bärtchen, das unserm Opfer fast gleichzeitig mit seiner Liebe aufgesprosst war, musste sich die einschneidendsten Veränderungen gefallen lassen, denn einmal schwärmte Ilona für vollbärtige Germanenköpfe, das nächstemal stellte Heinrich der Vierte ihr Ideal von männlicher Schönheit vor; bald konnte nur ein Mann mit dem aufgewichsten Schnurrbart ihrer engeren Landsleute Gnade vor ihren Augen finden; dann wieder zwang Hugo eine ihrer bizarren Launen, sich mit ausrasiertem Schnurrbart und zwei fragwürdigen Kotelettes einem amerikanischen Geschäftsreisenden so ähnlich zu machen, als es einem Blasengel nur immer möglich ist. Die Kopfbedeckungen, Halsbinden und Sammtröcke, die er um jene Zeit trug, lockten zuweilen die Gassenbuben auf seine Fährte. Aber das alles waren verhältnissmässig leichte Opfer, die er seiner Herzensdame brachte; als aber das Sommerfest der Künstler herankam und sein Gesicht von süssen Wiedersehnshoffnungen zu leuchten begann, da zog ihn sein Peiniger bei Seite: »Fräulein Ilona wünscht nicht, das du mit ihr tanzest, die Leute könnten errathen, was es für ein Bewandniss mit ihrem Herzen habe.«
Und nun stand er die ganze Nacht wie ein Säulenheiliger in der Ecke und sah zu, wie sich die Geliebte mit jungen Männern – auch mit Rupert – im Tanze drehte. Allerdings blieb der Lohn für seine Enthaltsamkeit nicht aus. Eine dunkle Haarlocke, die, wenn nicht auf Ilonas, so doch auf einem andern Kopfe gewachsen, eine Schleife von der Farbe, wie sie das schöne Mädchen auf dem Feste getragen, etliche zwischen Fliesspapier gepresste Wiesenblümelein wurden von demselben zuverlässigen Liebesboten, der seine Bouquets abzuliefern hatte, in seine Hände gespielt. Dass wir drei die krampfhaftesten Zuckungen durchzumachen hatten, als wir ihn dann verklärt, als schwebe er auf Wolken, herumgehen sahen, kann uns wohl niemand verübeln. Uebrigens fühlten Karl und ich zuweilen leise Gewissensbisse. Ohne unser Schüren wäre Hugos Leidenschaft vielleicht aus Mangel an Nahrung zu einem unschädlichen Häuflein glimmender Kohlen zusammengefallen, während sie jetzt lichterloh aufbrannte. Aber unser Hauptmann mochte von einem dramatischen Abschluss mit Enthüllungen nichts hören. Er hatte selber zu tief in Ilonas schöne Augen geblickt, und nun bereitete es ihm ein boshaftes Vergnügen, die heilige Einfalt zu quälen, die sich vermass, ihre Wünsche auf denselben Gegenstand zu richten, wie Ahlfeld selber. Da verschwand unser Blasengel eines Tags spurlos aus unserm Kreise und aus der Stadt.
Wiewohl ich über die Gefühle von Strassenräubern nicht sonderlich genau unterrichtet bin, möchte ich behaupten, dass sie mit meinen und Schönborns viel Verwandtes hatten. Wir setzten voraus, Hugo habe erfahren, welche Narrenrolle wir ihn spielen liessen und sich, aus allen erträumten Himmeln gestürzt, ein Leids angethan. Selbst Rupert ging merkwürdig kleinlaut herum. Aber als nach vielen Wochen Hugo mit einem Trauerflor um den Hut wieder in der Glorie eines Vollbärtchens und mit schärfer und bestimmter umrissenen Zügen unter uns auftauchte, erwachte der alte Adam sogleich wieder in ihm, und er rief dem Eintretenden entgegen: »Landstreicher, wo hast du gesteckt? Ilona hat sich nicht wenig um dich geängstigt; kein Tag verging, an dem sie nicht wenigstens über den Gartenzaun hinüber nach dir fragte.«
»Ich wurde zu meinem todtkranken Onkel berufen und vermochte, wie ihr euch vorstellen könnt, an seinem Sterbebette nichts andres zu denken, als dass der alte Mann mir viel gutes erwies, und dass ich ihm zum Danke dafür die grösste Enttäuschung seines Lebens bereitet habe.«
»Hoffentlich wurde bei deinem Erscheinen das bewusste gemästete Kalb geschlachtet?« fragte Karl.
»Zu Festlichkeiten waren die Umstände nicht angethan; aber der verlorene Sohn wurde mit offenen Armen aufgenommen.«
»Trotz deiner Grünzeugbilder?« spottete Rupert. »Dein Onkel war viel zu nachsichtig; ich hätte es nicht über mich gebracht.«
»Die Grünzeugbilder (übrigens waren es diesmal zwei Fruchtstücke) bahnten die Aussöhnung an,« versetzte Hugo triumphierend, »sie wurden in meiner Heimath ausgestellt, und mein Onkel las im Lokalblättchen allerhand Erbauliches von einem »vielversprechenden Sohn der Vaterstadt, dem Neffen eines unsrer angesehensten Mitbürger.« Das Zureden alter Freunde that das übrige. Vor seinem Tode hat er mir sogar das Zugeständniss gemacht, dass nicht jeder von Mutter Natur so glücklich begabt sein könne, um eine Zündhölzchenfabrik mit Erfolg leiten zu können, und dass es auf dieser unvollkommenen Welt auch »Phantasten« (nämlich Maler, Musiker, Dichter u. s. f.) geben müsse.«