»Das geht zu weit«, murmelte Rupert zu meinem Erstaunen in lebhafter Unruhe, »es ist eine unnütze Grausamkeit, so auf seine Einbildung einzugehen.«

Hugo hatte sich der Hand Ilonas bemächtigt, doch sie entzog sie ihm. »Noch nicht«, sagte sie und richtete sich hoch auf.

Jetzt kam ohne Zweifel die Katastrophe heran. Ich bekenne, dass mir das Herz bänglich an die Rippen klopfte. Der arme Blasengel sah förmlich rührend in seinem Glück aus.

»Die Zeichen haben Sie betrogen, die Blumen wurden an eine falsche Adresse befördert, die Liebespfänder von schalen Possenreissern (unsre verdutzten Gesichter bei diesem Ehrentitel hätte ich selber malen mögen) in Ihre Hände gespielt; das Ganze war nur ein Aprilscherz.«

Wir durften beruhigt aufatmen, die auszeichnende Inschrift auf den Grabmonumenten war uns gewiss; das Gesicht des Blasengels erschien grau und hart wie ein Stein.

»Ein Aprilscherz? Und dazu gaben Sie sich her?« Geringschätzung und Empörung stritten in seinen Mienen.

Wir hörten deutlich, dass der leichte Ton, in dem sie antwortete, erzwungen war.

»Mein Gott, was soll ein armes Mädchen thun, wenn es zu seinem guten Recht kommen will? Sitte und Herkommen stellen sich in Wehr und Waffen gegen sie auf, sobald sie ein wenig ihre eigene Vorsehung spielen möchte; so muss sie es denn mit Freude begrüssen, wenn andre – und wären es auch nur läppische Clowns – es für sie thun. Blicken Sie mich nicht so strafend an, Herr Lichtner, ich habe Ihnen manches zu beichten, wozu ich eigentlich der Aufmunterung bedarf! – Auf Schritt und Tritt haben mich seit Monaten ein paar treue, blaue Augen verfolgt. Sie hefteten sich im Tanzsaal auf mich, während ich mich im Kreise drehte; sie begleiteten mich auf meinen Spaziergängen, ja selbst in den Bildergalerien sah ich sie unverwandt auf mich gerichtet und bald las ich in ihnen wie in einem an mich gerichteten Briefe. Der Inhalt war sehr hübsch, vielleicht ein wenig zu schwärmerisch für unsre kühle kluge Zeit, aber welches Mädchen liesse sich nicht mit Freuden wie eine Heilige aus dem Kalender, statt wie das gewöhnliche Menschenkind, das sie ist, bewundern! Aber wo blieb das lebendige Wort? »Warum kommt er nicht und spricht mich an?« fragte ich mich oft, »So viele gleichgiltige platte Gesellen drängen sich mir auf, weil ihnen meine Unterhaltung behagt, oder mein Gesicht gefällt, nur der einzige, der wirklich warm für mich empfindet, hält sich abseits.« Zuweilen grollte ich Ihnen, manchmal fasste ich tolle Pläne, die sich nie verwirklichen liessen, um Sie aus den Ecken hervorzulocken, in welche Sie sich wie eine Fledermaus verbargen. Bis mir endlich eine Rolle in der hässlichen Posse zugetheilt ward und mit ihr die Gewissheit, den stummen Mund einmal sprechen zu hören. Sind Sie mir noch böse, dass ich sie übernahm?«

»Ihnen Ilona? Nein, ich bin es nur mir selber. Was für ein alberner Narr bin ich gewesen! Wie müssen Sie über den veralteten Minnewerber gelacht haben!«

»Gelacht? nein; vielleicht im stillen gelächelt. Und auch das nur im Anfang. Später fühlte ich mich gerührt und beschämt. Wie Schuppen fiel es mir von den Augen, dass mir vor vielen Würdigeren ein grosses Glück zugefallen, dass für mich das schöne Wort Wahrheit und mir die Liebe, die das ihrige nicht fordert, zu Theil geworden.«