»Sie stellen mich zu hoch«, rief Lichtner, »denn ich kam, um zu fordern, um Sie zu fordern. Ich bin nicht so genügsam und selbstlos wie Sie denken, ich strecke meine Hand gierig nach dem höchsten Glück aus, das mir das Leben gewähren kann.«
»Und warum kamen Sie erst heute?« entgegnete sie mit einem Triumphlächeln. »Weil Sie nun das Weib Ihrer Liebe in Purpur und köstliches Linnen hüllen können, als wäre es die Königin von Saba. Dieselbe sorgende, opferwillige Liebe spricht heute aus Ihrem Kommen, wie ehemals aus Ihrem Fernbleiben. Sie wandelten diesmal auf einem Irrweg, denn ich gehöre nicht zu den Frauen, die sich an Wohlstand und Komfort verschenken; – wären Sie enterbt, ohne andre Aussichten, als Ihr Talent und Fleiss sie Ihnen eröffnen, zu mir gekommen, ich hätte Ihnen genau so wie heute zugerufen: Hugo, wenn Sie mich eitles, oberflächliches Geschöpf, das Ihre grosse, aufopfernde Liebe nicht verdient, an Ihr Herz nehmen wollen, so bin ich die Ihre!«
Stockend, im ganzen Gesicht erglühend, sprach sie die letzten Worte. Selbst einem in irdischen Dingen äusserst unbewanderten Blasengel musste dies als der geeignetste Zeitpunkt erscheinen, sie stürmisch in die Arme zu schliessen. Für uns hingegen erwies es sich als passend und angemessen, dem Tête-à-tête endlich die wünschenswerthe Einsamkeit zu verschaffen. Rupert lief wüthend wie ein angeschossener Eber davon (auf Monate hinaus allen Spässen so feind, wie der griesgrämigste Schulmeister). Wir zwei folgten ihm und trotz aller Freundschaft für ihn winkten wir einander behaglich zu. Es erweist sich stets als im hohen Grade befriedigend für die unbetheiligten Zuschauer (und als solche fühlten wir uns trotz unsrer schwächlichen Vorschubleistung der Posse), wenn die Tugend an der gutbesetzten Tafel Platz nimmt.
»Das war ein zweischneidiger Aprilscherz«, raunte ich Schönborn ins Ohr.
»O, ich habe von allem Anfang an vorausgesehen, dass es so kommen werde!«
Das einzigemal in seinem Leben hatte er eine Prophezeiung für sich behalten, und die ist in Erfüllung gegangen.
BEIM EHESTIFTEN.
Mütterlich hiess das Losungswort. Deshalb setzte sich Adele Mühlenbruch vor dem Spiegel ein schwarzes Wittwenhäubchen mit weisser Krause auf, Aber es sah auf dem blonden lockigen Scheitel, über dem jungen übermüthigen Gesicht so wenig passend aus, dass ihr Töchterchen von ihrem Platz im Erker, wo sie Blumen auf einen Porzellanteller malte, aufstand, wobei man entdecken konnte, dass sie um mehr als Kopfeslänge die Mama überragte, das Häubchen abnahm und es, ohne ein Wort zu verlieren, in die Schachtel zurückwarf.
»Gestatte mir die Bemerkung, dass du dir gegen deine Mutter zu viel herausnimmst,« sprach Adele, »hätte ich mir das erlaubt, dann wäre ich zu Heulen und Zähneklappern in einer finsteren Kammer verurtheilt worden, aber« – ein tiefer Seufzer aus beladener Brust – »die Kinder entarten mit jedem Jahre mehr.«
Sophie stellte sich vor sie hin und blickte, sie konnte nicht anders, auf sie hinunter.