»Willst du mir gefälligst sagen, weshalb du dich auf einmal so matronenhaft zustutzest? Die Trauerzeit ist längst um, welchen Zweck soll also der dunkle Kopfputz haben, der dir mindestens zehn Lebensjahre zulegt?«
Die ehrwürdige Mama wurde roth wie ein Schulmädchen, das sich beim Kirschenstehlen ertappen liess.
»Das ist mein Geheimniss,« sagte sie endlich mit einem kläglichen Versuch, ihre mütterliche Würde aufrecht zu erhalten.
»Es ist bei Weitem nicht so undurchdringlich, wie du dir einbildest.«
»Nun, so will ich dir es gerade heraussagen. Ich habe es satt, beständig Anspielungen über die Jugendlichheit meines Anzugs zu hören, während du herumgehst, als hättest du zwanzig Jahre im Kleiderschrank gehangen. Die Leute sprechen darüber mit gewohnter Nachsicht und Menschenliebe. Gestern liess mich erst die Tante des Runkelrübenbarons fast ohne jede Verbindung die zwei Bemerkungen hören: ›Wie schlicht und nonnenhaft Fräulein Sophie immer erscheint!‹ und ›Sie, gnädige Frau, wetteifern mit den Saligen Fräulein, die nie altern.‹ Ich will keine Stiefmutter aus dem Volksmärchen vorstellen!« Dabei setzte sie ihr niedliches Füsschen mit grosser Entschiedenheit auf den parquettirten Boden. »Wenn du nicht heute im hellen Kleid mit mindestens einem Dutzend himmelblauer oder rosenrother Schleifen bei Tische erscheinst, dann setze ich nicht nur den Greuel aus der Schachtel auf, ich hülle mich auch noch in irgend eine ganz unmögliche härene oder sackleinene Kutte.«
»Das wäre unverantwortlich gegen unseren Gast. Es würde ihn an die Antwerpener Kathedrale erinnern, die den Andächtigen gratis offen steht, nur bleibt das Schönste darin, Ruben's Kreuzabnahme, hinter grünen Vorhängen versteckt.« Dabei strich Sophie patronisirend über den lockigen Scheitel.
Mama verlor beinahe die Geduld, obschon sie Sophiens unkindliches Benehmen gewohnt sein sollte. Seit jeher wurde sie von dem sehr energischen Fräulein wie ein unflügges Nestkücken behandelt. Das rührte davon her, dass Adele sich im Pensionat unter die wissenschaftlichen Fittiche ihrer Busenfreundin zu flüchten pflegte, so oft ihr die höhere weibliche Bildung, Schliemann's Ausgrabungen, die Algebra, das Nibelungenlied Augenblicke des Strauchelns bereiteten.
Aber Alles zur rechten Zeit! Wenn man im Stillen den Plan ausgeheckt hat, seine Tochter zu verheirathen, dann kann man unmöglich Geschmack daran finden, sich von ihr beschützen und bevormunden zu lassen. Schmollend stellte sich die junge Wittwe an's Fenster. Sophie betrachtete sie eine Weile mit dem Wohlgefallen eines Künstlers an seinem gelungenen Werk.
»Kleine Mama, ich glaube, dass du noch hübscher geworden bist, seit du mich hierher begleitet und mein alter grämlicher Herr Papa (mit dem ich mir das Zusammenleben als eine Art von Pönitenz für die lustige Pensionszeit vorgestellt) so gescheidt war, sich auf den ersten Blick in dich zu verlieben.«
Frau Mühlenbruch bewahrte ihrem abgeschiedenen Gemahl, der die blutarme Offizierswaise vor der drohenden Stiftsdamenlaufbahn bewahrt, eine dankbare Erinnerung, aber die Wahrheit zu gestehen, auf den Tag, da die Posaune des jüngsten Gerichts die durch den Tod getrennten Ehepaare für ewige Zeiten zusammenfügen wird, freute sie sich nur mässig: Ein kleinlicherer Haustyrann als der verstorbene Commerzienrath hat wohl selten die Bühne des Lebens beschritten. So drückte sie denn bei dieser Mahnung an ihn das Taschentuch nicht gerührt an die Augen, sondern versetzte, vollständig mit ihrer Beschützerin ausgesöhnt: