»Damals hast du ohne eine Spur von Selbstsucht Kranz und Schleier in meinen Haaren befestigt; es ist nichts als billig –«. Dabei brach sie ab, biss sich auf die Lippen und wandte ihr purpurrothes Gesicht wieder der kahlen Lindenallee zu, die von dem Schlösschen zum Bahnhof führte.

Sophiens Gesicht überflog ein Lächeln.

»Zur Diplomatin bist du nicht geboren, liebes Kind,« murmelte sie unhörbar.

Woher Frau Adele eigentlich den Muth nahm, dem Himmel in's Handwerk zu pfuschen, ist schwer zu sagen. Der junge Mann, dessen künftige Glückseligkeit sie zu begründen dachte, hätte vermuthlich einen weiten Bogen um das Schlösschen gemacht, wenn er eine Ahnung von ihren Plänen gehabt, denn obschon kein Frauenhasser, hatte Robert v. Eichberg bisher nicht die leiseste Sehnsucht nach ehelichem Glück zur Schau getragen. Dem früheren flotten Reiteroffizier und jetzigen reichen Gutsherrn auf Eichberg wären sonst ohne Zweifel die Thüren, an die er gepocht hätte, bereitwillig aufgemacht worden. Er war ein entfernter Vetter von Adele, doch hatte sie ihn seit ihren Kinderjahren nicht gesehen. Damals ein tölpelhafter, derber Junge, der sich im Hause ihres Vaters auf den künftigen Feldmarschall vorbereitete, hatte er seine Mussestunden damit ausgefüllt, das kleine Mädchen zu hänseln und zu ärgern. Doch schien sie alle Frevelthaten gegen ihr Kätzchen und ihren Kanarienvogel grossmüthig vergeben und vergessen zu haben. Wäre er eine Patentmedicin gegen alle erdenklichen Uebel und sie die Erfinderin derselben gewesen, sie hätte ihn nicht begeisterter loben können. Er besass so viel Herzensgüte! Gleich nachdem er die Verwaltung von Eichberg angetreten, hatte er aus seinen Privatmitteln die Dorfschule umgebaut. Ihn zeichnete solch ein reger Familiensinn aus, was man auch schon daran zu erkennen vermochte, dass er, nachdem er sein Bäschen seit mehr als zwölf Jahren nicht gesehen, ihr urplötzlich seinen Besuch – von einer landwirthschaftlichen Ausstellung auf weitem Umweg heimfahrend – ankündigte; aber ausser diesem Beweis hatte er auch noch eine alte Tante, die in kümmerlichen Verhältnissen lebte, sorgenfrei gestellt, die Erziehung ihrer Söhne aus seiner Tasche bestritten; kurz, wenn man der eifrigen Sprecherin glauben wollte, dann wird das Jahrhundert zu Ende gehen, ohne einen zweiten Menschen, der ihm gleicht, hervorzubringen.

»Die von dir geschilderten Charakterzüge berechtigen allerdings zu den besten Hoffnungen,« versetzte Sophie mit undurchdringlichem Gesicht; nur um ihre Mundwinkel zuckte der Schalk. Die Mama fiel ihr ohne jeden sichtbaren Anlass um den Hals. Doch hätte sich ihre Befriedigung vermuthlich weniger stürmisch geäussert, wenn sie Sophiens Gedanken gelesen, denn diese sehr scharfblickende Dame hatte über den angekündigten Besuch ihre eigene, von der Mamas sehr abweichende Meinung.

»Papas Testament soll ihm nach dem vollen Wortlaut bei erster Gelegenheit als Erfrischung vorgesetzt werden,« sagte sie für sich, während ein nicht allzu freundschaftlicher Blick dem staubumwirbelten Wagen, der in diesem Moment die Lindenallee herauffuhr, entgegenflog.

Zweifle Einer an der Stimme des Blutes! Ohne sich zu besinnen, eilte der junge staatliche Mann auf Adele zu, wiewohl ihre kleine zierliche Gestalt von der imposanten Stieftochter förmlich beschattet wurde, und drückte und schüttelte ihr die Hände mit so ehrlicher Freude im Gesicht, dass selbst die eherne Sophie ein wenig zu schmelzen anfing. Herr Robert von Eichberg machte übrigens durch sein Auftreten einen Eindruck, als eigne er sich eher für die Rolle eines Naturburschen, als für die eines glatten Hofmannes. Dass sich noch eine zweite Dame im Zimmer befand, schien ihn gar nicht zu kümmern. Frau Adele, als stellvertretende Vorsehung, hätte gewünscht, dass er vor der majestätischen Erscheinung Sophiens geblendet stehen und seine unbedeutende Cousine im vierten oder fünften Glied vollständig übersehen solle. Statt dessen blickte er sie, die ehrwürdige Matrone, mit einem naiven Vergnügen an, etwa wie ein kleiner Junge den lichterbesteckten Christbaum. Aber sie wollte ihm die Augen öffnen!

»Robert,« sagte sie mit Nachdruck, »dies ist meine Tochter Sophie.« Da aber verfiel der Vetter in seine alte Kinderkrankheit. Er brach in ein schallendes Gelächter aus. Adele zog befremdet die Augenbrauen in die Höhe.

»Entschuldigen Sie meine unzeitige Heiterkeit,« sagte Robert und fing von Neuem zu lachen an, »aber der mütterliche Beschützerton, Cousinechen, klingt in Ihrem Munde zu komisch;« vertraulich wandte er sich an Sophie, »sie ist wohl sehr streng, die ehrwürdige Mama, und wenn Sie nicht auf den Wink gehorchen, setzt es Fasten und Hausarrest?«

Aber der freundschaftlichen Anrede antwortete kein Echo.