»Ich bin neugierig, wie oft du mich noch durch die Betonung deiner Autorität vor Fremden lächerlich machen wirst!« sagte das Fräulein in weinerlichem Ton zu Adele, »und du willst keine Stiefmutter aus dem Märchen vorstellen!«
Mama war verblüfft. Herr Robert aber bildete sich in tiefer Menschenkenntniss ein unfehlbares Urtheil über die junge Dame.
»Das ist eine unangenehme Person,« dachte er.
Man setzte sich, Fräulein Sophie in gemessener Entfernung von den Anderen, als gehöre sie nicht zu ihnen. Darüber hätte sich schier ein erleichtertes Aufathmen der Brust des jungen Mannes entrungen. Doch war sie leider nicht so vertieft in ihre Porzellanmalerei, um nicht von Zeit zu Zeit eine boshafte oder schulmeisternde Bemerkung in das Gespräch einzuwerfen. Als Adele wissen wollte, wie es bei der Ausstellung zugegangen, klang es ätzend vom Fenster herüber:
»Ohne Zweifel wie immer. Du hättest dir deine Frage füglich ersparen können. Ausstellungen sind nur dazu da, damit die Herren Landwirthe Madame Cliquot bereichern und den Klatsch der Gegend austauschen können.«
»Sie ist das reine unverfälschte Scheidewasser,« sagte Rudolf für sich und warf einen scheuen Blick in den Erker hinüber, »das Dasein, das meine arme kleine Cousine in Gesellschaft ihrer Stieftochter führt, muss Alles eher, denn erquicklich sein.«
Frau Adele seufzte. Was für Sorgen bereiten Einem doch die Kinder, besonders wenn sie erwachsen sind! Von Rechtswegen hätte sie sich es verschwören sollen, je wieder Pläne zum Heil der Undankbaren zu schmieden, denn ohne ein Wort der Entschuldigung entwich sie plötzlich aus dem Zimmer, als sich der Gast, freilich nicht allzu rücksichtsvoll, in Jugenderinnerungen vertiefte. Aber Frau Mühlenbruch befand sich auf der Höhe ihrer Aufgabe. Wie ein Cicerone von Uebung und Beruf wies sie dem Vetter alle Schätze ihres Hauses, Vasen und Decorationsteller, die Sophie bemalt, Kreidezeichnungen und Aquarellbilder, das Werk ihrer Künstlerhände, Makartbouquets, die nur sie so geschmackvoll zu ordnen verstand, Kissen, Decken und Stuhlbezüge, die sie gestickt.
»Da, Barbar, wirf dich vor solchen das Leben verschönernden Talenten bewundernd auf die Knie,« schien ihre Triumphmiene zu fordern. Aber Robert traf nicht einmal mit guten Vorsätzen Anstalten dazu. Ihm kam der Gedanke, um wie viel angenehmer die Wanderung durch Galerien und Raritätensammlungen wäre, wenn statt des näselnden Leiertons der Führer solch' eine wohlklingende, einschmeichelnde Stimme bei den Erklärungen erschallte. Und als sie verstummte, bemerkte er wie erwachend:
»Es muss Ihnen manche Annehmlichkeit bieten, dass eine so viel ältere Freundin Ihnen Gesellschaft leistet und das Haus ausschmückt.«
»Viel älter?« sie blickte ihn strafend an, »Sophie zählt kaum zwei Jahre mehr als ich.«