»O, ich behaupte nicht, dass sie alt aussehe; nur Sie, Cousinechen, sind ganz unbegreiflich jung geblieben.«

Sie war böse auf sich, aber sie musste lächeln. Vetter Robert hatte so eine ungeschminkte ehrliche Art, seine Bewunderung auszudrücken. Wenn es ihr gelänge, dieselbe an die richtige Adresse zu leiten, so könnte Sophie in allen Erdtheilen keinen liebenswürdigeren Gatten finden.

Getreu dem mütterlichen Gebot erschien Fräulein Mühlenbruch bei Tische wirklich mit einem wohlgezählten Dutzend himmelblauer Schleifen geschmückt. Aber die heimtückische junge Dame hatte sie in äusserst merkwürdiger Weise vertheilt. An beiden Schultern standen zwei himmelblaue Henkel in die Höhe, das nicht eben üppige braune Haar wurde von einem Bandknoten zusammengehalten, dessen Enden bei jeder Bewegung um den Kopf flatterten (»wie bei einer überlebensgross gerathenen Confirmandin,« dachte Mama entsetzt), kurz, wenn sie einige Jahre Studium darauf verwendet, eine Caricatur aus sich zu machen, so hätte es ihr nicht besser gelingen können. Doch sollte die Arglistige nicht straflos ausgehen. Als der Kaffee aufgetragen wurde, stiess sie plötzlich einen Schreckensruf aus und verschwand, wie von Furien gejagt, aus dem Zimmer.

Adele blickte erstaunt auf. Durch die hohen Glasfenster sah sie eine lange, magere Gestalt auf das Schloss zuschreiten. Sollte diese Sophie in die Flucht getrieben haben? Sonst hielt sie mit musterhafter Geduld dem Manne, ihrem Gutsnachbar, stille, selbst wenn er auf sein Steckenpferd, die Runkelrüben, kam; sie lauschte seinen Erklärungen über eine neue Dresch- oder Säemaschine mit der Miene einer begeisterten Adeptin, während Mama sich meist zurückzog, da sie in der Nähe des Barons Hellmer von Schlafsucht befallen wurde; warum entschlüpfte das unberechenbare Mädchen heute bei seinem Erscheinen? Aber zu weiterem Nachdenken war keine Zeit; der neue Gast trat ein. Er nahm die angebotene Tasse Kaffee an und blickte suchend umher.

»Ich hoffe, Fräulein Sophie befindet sich wohl?«

Frau Mühlenbruch war in Verlegenheit. Glücklicher Weise trat das unbotmässige Töchterchen bald wieder ein, wie gewöhnlich einfach und dunkel gekleidet, das Haar in einen Knoten aufgesteckt, die Verkörperung ruhiger Vernunft und kühler Klugheit. Da sie ihre ganze Aufmerksamkeit dem Runkelrübenbaron zuwendete, blieb der Mama nichts übrig, als sich Robert zu widmen. Vielleicht wäre es nicht unumgänglich nöthig gewesen, dabei so leuchtende Augen und geröthete Wangen zu bekommen, doch entschädigte sie Sophie gewissenhaft. Als diese mit Baron Hellmer durch den Park und über die nun kahlen Felder schritt, Verbesserungen in der Wirthschaft besprechend, folgte sie mit Eichberg und verbreitete sich wie vorhin über die künstlerischen, nun über die praktischen Vorzüge Sophiens. Um das lichte Bild im breitkrämpigen Hut und wasserdichten Stiefelchen mit seinem Hintergrund nahrhafter Thätigkeit besser hervortreten zu lassen, malte Adele sich selber mit Tusch. Im Schaukelstuhl, eine Novelle von Heyse in der Hand, verträume sie die Zeit, während Sophie in Regen und Sonnenbrand die Wirthschaft leite.

Es war ihr erster Versuch im Ehestiften, sonst hätte sie sich vielleicht gesagt, dass Robert, wenn er auch ein wenig verbauert sein mochte, sich doch lieber von zierlichen Goldkäferpantöffelchen, als von schweren Wasserstiefeln regieren lassen wollte und trotz seiner Ueberzeugung vom Nutzen des Düngers nicht wünschte, dass ihm dieser aus den Kleidern seiner schöneren Hälfte entgegenschlüge.

Immerhin bildete die gemeinsame Beschäftigung eine Brücke zwischen Sophie und dem jungen Mann. Ihre bewaffnete Neutralität wäre ohnehin nicht aufrecht zu erhalten gewesen, da Robert, ohne sich lange bitten zu lassen, seinen Besuch auf mehrere Tage ausdehnte. Fräulein Mühlenbruch liess sich herbei, mit ihrer gewohnten kühlen Ruhe zu antworten, wenn er sie anredete; sie mieden einander nicht mehr auffällig und pflogen zuweilen sogar längere Zwiegespräche. Frau Adele begann zu glauben, dass ihr geheimer Plan der Verwirklichung entgegenreife. Aber sie machte nun die Erfahrung, dass das erreichte Ziel bei Weitem nicht so verlockend ist, als man, es erstrebend, gedacht. Ihr Lachen bekam in den letzten Tagen einen etwas erzwungenen Klang, ihre Augen einen Ausdruck der Ermüdung, fast, als hätte sie Nachts wenig Schlaf gefunden. Und während Sophie heiterer und lebhafter wurde, je länger Robert auf dem Schlösschen verweilte, erschien die junge Frau stiller und gedrückter. Dennoch behielt sie vor den Zweien ziemlich tapfer die Maske der zufriedenen, in dem Glück der Kinder das ihre findenden Mama bei, aber als sie allein in ihrem Zimmer sass und den Vetter mit Sophie im eifrigen Gespräch über die Kieswege des Parkes wandern sah, hielt sie die Verstellung für überflüssig und liess die Betrübniss, die sie empfand, sich ganz deutlich auf ihrem Gesicht spiegeln. Denn unten verhandelte man Wichtiges, Entscheidendes. Robert legte seine Hand mehr als einmal betheuernd auf die Brust, und Sophie antwortete mit ihrem freundlichsten Lächeln. Frau Adele denkt im Stillen, die Beiden werden eine Ehe führen, um welche sie alle Engel im Himmel beneiden können. Das Glück, das sie gestiftet, verleitet sie zu Vergleichen; aber das Zusammenleben mit dem grämlichen Herrn Mühlenbruch erscheint dabei nicht in seiner günstigsten Beleuchtung.

Das Pärlein unten trennt sich mit einem Händedruck, dessen Wärme sie durch alle Mauern zu verspüren glaubt, Robert schreitet dem Schlösschen zu, seine Schritte nähern sich ihrer Thüre. Sie weiss, weshalb er kommt. Ihre Finger greifen nach der Wittwenhaube, aber was soll ihr in diesem ernsten Augenblick der Mummenschanz? Sie wird mit äusserlicher Fassung ihren mütterlichen Segen zu der Verbindung aussprechen, die sie herbeigeführt. Wie ihr dabei zu Muthe ist, das soll kein Lebender erfahren. Wäre es nur vorüber, hätten die zwei Glücklichen ihrem einsamen Wittwensitz bereits den Rücken gewendet!

Einige Minuten später tanzen alle Kunstwerke, die Sophiens Hände geschaffen, im Kreise um die junge Frau herum und nehmen Ständer und Tischchen mit. Als sie sich wieder auf ihre Plätze verfügten, befand sich Adele an Robert's Brust. Und nun erfuhr sie, dass er um ihretwillen die Fahrt in das Schlösschen angetreten, ein gelieferter Mann, noch bevor er kam. Vor etlichen Wochen hat er auf dem Bahnhof in Hannover (wo Adele, wie sie sich jetzt erinnert, eine Freundin besucht) ein Billet für eine fremde, rathlos im Gedränge stehende Dame gelöst. Sie hatte den hülfreichen Mann schleunigst vergessen – solche kleine Ritterdienste mochten ihr oft genug erwiesen worden sein. Ihm aber hatten es ihre übermüthigen braunen Augen angethan; er spürte ihr nach, erfuhr, dass es sein eigenes Bäschen sei, das ihn bezaubert, und so hatte er sich aufgemacht, sein Glück zu suchen.