Adele befreite sich plötzlich aus seinen Armen.
»Ich bin arm wie eine Kirchenmaus,« sagte sie stockend und wurde feuerroth, »wenn ich mich nochmals verheirathe, fällt das ganze Mühlenbruch'sche Vermögen an Sophie.«
Ein tiefer Athemzug hob seine breite ehrliche Brust.
»Ich weiss es« (Fräulein Sophie hatte ihn erst vor einer Viertelstunde mit dem Testament bekannt gemacht), »aber, Liebchen, eine kleine warme Kirchenmaus hat mir seit jeher mehr Sympathie eingeflösst, als ein kalter klebriger Goldfisch.«
Sophie kam herein und wünschte mit freudigem Gesicht den Verlobten Glück.
»Kleine Mama,« flüsterte sie lachend Adelen in's Ohr, »für einen ersten Versuch ist dir das Ehestiften nicht schlecht gelungen.«
Frau Mühlenbruch zeigte eine zerknirschte Miene. »Ich wollte meine mütterliche Pflicht gegen dich erfüllen,« sprach sie leise, dem Weinen nahe.
»Das war vollständig überflüssig; ich bin schon seit drei Wochen mit Helmer verlobt. Ich habe nur gewartet, bis ich dich versorgt und aufgehoben weiss, denn dich, unmündiges Kind, allein auf Juliusruhe zurück zu lassen, erschien mir als Grausamkeit.«
IM HERBST.
Durfte Leonhard Gruber wie andere Menschenkinder einen Frühling haben? Wenn man es recht bedenkt, nein, denn er gehörte zu der bevorzugten Klasse zweibeiniger Geschöpfe, für die der Winter die eigentliche Jahreszeit, die Zeit der Ernte, der Lenz ein trauriger Uebergang zum gefürchteten, ertragsarmen Sommer, der Herbst die sehnlichst herbeigewünschte Epoche ist, in welcher sich die Tretmühle wieder in Bewegung setzt. Und er wusste gut genug, dass all der beglückende Unsinn: Nachtigallenschlag, Rosenduft, eine kleine Hütte im Grünen, braune Augen und blonde Locken nichts für ihn seien. Bis zu seinem fünfundzwanzigsten Jahr hatte er die Hände davon gelassen, was insofern nicht schwer war, als er, vom frühen Morgen bis zum späten Abend rastlos umherlaufend, um unartige Bengel in die Mysterien der Dur- und Mollscalen einzuweihen, nicht mehr von der Versuchung, glücklich zu sein, empfand, als wenn er in der Wüste, von Kräutern, Wurzeln und Gebeten lebend, die Laufbahn eines Anachoreten eingeschlagen hätte. Aber da war das Schicksal boshaft genug, ihm den Frühling wie auf einem Präsentirbrett sozusagen unter die Nase zu rücken. Ohne die geringste Warnung war er da, nur durch eine dünne Wand von ihm getrennt, in welcher sich obendrein eine Thüre befand, die sehr mangelhaft von einer Seite durch ein Clavier, von der anderen durch einen mit allerhand dünnen Fähnchen behängten Kleiderschragen verbarricadirt war. Am Abend pflegte Herr Leonhard Gruber die sacht und fein zusammengefalteten Pläne von Künstlerschaft und Triumph für ein Stündchen oder zwei hervor zu holen, ohne praktischen Nutzen, da ihn Andere, die mehr Zeit zu waghalsigen Fingerübungen hatten, weit überflügelten. Als er nun einmal wieder ein paar Töne auf seinem abgespielten Instrument angeschlagen hatte, erhob sich nebenan, in dem seit etlichen Wochen leerstehenden Zimmer eine helle, frische Mädchenstimme und sang Sonaten und Etuden tapfer mit, die Läufe selbst ahmte sie mit einem lustigen dideldideldidel nach. Den armen Leonhard gemahnte sie an eine Spottdrossel, die er als Knabe daheim in den Murecker Wäldern gehört, nicht allzu oft, denn als man ihm noch die dicksten Notenbücher unterschieben musste, damit er mit den Händen die Claviatur erreiche, bannte ihn ein gewisses kantiges, kleines Lineal an den Klimperkasten fest.