Das Interesse an der Nachbarschaft hindert ihn nicht, fest zu schlafen, ja zu verschlafen, worüber sein erster Schüler, der wilde freche Junge vom »Selcher« (Metzger), den er an den Stuhl binden muss, um ihn eine Stunde lang festzuhalten, schwerlich betrübt sein wird. Als er erwachte, regten sich nebenan flinke, feste Schritte. Er fand Rhythmus in ihnen, und als sie die Treppe hinabgingen, stellte er sich an's Fenster, zum erstenmal im Leben ein weibliches Wesen belauernd. Hübsch? das ist kein Wort; hübsch ist am Ende Jede mit achtzehn Jahren, aber nicht Jede hat solch ein pikantes feines Köpfchen, das sich zierlich auf schlankem Halse wiegt, solche lustig in die Stirn fallende Locken, so ein rosiges Gesicht. Die Augen kann er nicht sehen, aber sicher blitzen sie in Uebermuth und Lebensfreude. Frau Lechleitner bringt ihm die obligate Cichorienbrühe herein, und er getraut sich, in unbefangener Weise die Worte hinzuwerfen: »Das Zimmer nebenan scheint ja wieder bewohnt zu sein.« Die Schleusse ist geöffnet. Frau Lechleitner würde kein alleinstehendes Mädchen in ihr Haus, diese Burg der Wohlanständigkeit, aufnehmen, man weiss ja, was dabei »herausschaut«. Aber die Franzi kennt sie schon von klein auf, hat ihr manchen Apfel zugesteckt, so lange sie noch keine Witwe mit dreizehn Gulden monatlicher Pension war, und die »Zimmerherrn« sind so unverlässlich, womit sie jedoch selbstverständlich Herrn Gruber nicht gemeint haben will, der pünktlich wie eine Uhr ist. Und was sie sagen wollte, Franzi's Mutter war ihre beste Freundin und ihren Vater hätte sie einmal heirathen sollen, und er war desperat, als sie mit Herrn Lechleitner Sonntag auf die Siebenbrunnerwiese spazieren ging.
»Das haben Sie mir schon erzählt!« ruft Leonhard verzweifelnd aus.
»Er hat dann meine Freundin genommen, und sie haben auch recht gut mit einander gelebt, sind aber beide vor zwei Jahren gestorben. Und die Franzi schlägt sich mit Kleidernähen durch und bleibt brav dabei.«
Frau Lechleitner wird nicht müde, die Tugenden ihres Schützlings zu rühmen. Vor ihm steigt dräuend das Bild einer mit tausend Spitzen und Stacheln gepanzerten Jungfrau auf, voll der herben Wehrhaftigkeit, dem pharisäischen Tugendstolze alleinstehender braver Mädchen. Und er weiss nicht, ob er sich über die Einladung zu Kaffee und »Gugelhupf« freuen soll, mit welcher ihn die Hauswirthin, die Anwesenheit der hübschen Nachbarin in Aussicht stellend, für den nächsten Sonntag überrascht.
Ziemlich trübselig erwartet er, in die Ecke des alten Sophas gedrückt, sein Schicksal. Die Thür geht auf, lachend und schwatzend und ein wenig verlegen kommt die sanglustige Nachbarin herein. Sie ist keine Jungfrau in Wehr und Waffen, sondern ein herziges kleines Ding voll drolliger Einfälle und – gerade nur zur Würze – etwas schnippisch. Nach den ersten paar Minuten erscheint ihm die versessene Sophaecke als das behaglichste Plätzchen der Welt. Als er die ungeheuere Tasse Kaffee, die ihm die Hausfrau reicht, über das Tischtuch und Franziskas neues Kleid ausschüttet, weiss sie das Unglück mikroskopisch klein zu machen; natürlich lassen sich die Flecken entfernen, wird das Kleid gewaschen wie neu aussehen! Wie sich ihm das schüchterne Herz in der Brust dehnt, wie seine blauen Augen, das einzige Anziehende in dem unjugendlichen Gesicht, zu leuchten anfangen! Heute scheint die Sonne ganz anders als sonst, Frühling, Frühling! zwitschern die Spatzen auf der Strasse. – In seiner Stube entlockt er dem Flügel stürmische, jauchzende Weisen, stürmisch und jauchzend singt die Spottdrossel nebenan, und Frühling, Frühling! klingt es aus den Tönen.
Durfte Leonhard Gruber einen Frühling haben? In den Händen hielt er einen Brief; mit leisem Bangen, wegen dessen er sich herzlos und unkindlich schalt, öffnete er ihn. Oft kamen Episteln von derselben Hand, sie sind mit Klagen über Einschränkungen erfüllt, wie Luise noch immer im alten Kleide gehe, Lina einen Mantel brauchte, wie trostlos das Geschick einer Witwe und armer Waisen sei, die ihres Ernährers beraubt worden. Drei Viertheile von Leonhard's Verdienst wandern nach Mureck, seit Jahren hat er keine Oper, kein gutes Concert besuchen können, im Winter trägt er dünne und im Sommer dicke Kleider, wie sich das bei armen Teufeln trifft, aber so oft er ein solches Schreiben liest, erscheint er sich wie ein schwarzer Missethäter.
Diesmal jedoch enthält es eine Freudenbotschaft. Das heisst, einem Anderen würde sie vielleicht nicht so sehr verheissungsvoll klingen, da sie ihm zunächst noch mehr Entbehrungen auferlegen wird. Aber mein Leonhard Gruber verspricht sich leicht einen schönen Tag, so oft ein winziges Stückchen blauen Himmels durch graue Wolken bricht: der zweite Sohn des alten Organisten wird, Dank dem adeligen Schlossherrn von Mureck, der Leonhard's musikalische Ausbildung ermöglichte, einen Stiftplatz am Wiener Conservatorium erhalten. Was dem älteren Bruder versagt geblieben, soll dem jüngeren zu Theil werden. Leonhard wird ihm jeden Stein aus dem Weg räumen, damit er sich ungehindert der anspruchsvollen Frau Musica widmen könne, aber wenn nun Karl ein berühmter Künstler geworden, dann kann er die Sorge für die Familie übernehmen.
Und dann verlobte sich Leonhard. Warten? Ob es Franzi recht ist! so hat sie es stets geträumt, wenn in ihrem Köpfchen der Gedanke an ein eigenes Haus aufgetaucht. Stück für Stück zum Bau des Nestes herbeitragen, bis es gezimmert und ausgepolstert ist, das muss ungleich hübscher sein, als in ein von Tischler und Tapezierer fertig gestelltes Heim einzuziehen.
Daheim waren sie Anfangs geneigt, es Leonhard sehr übel zu nehmen, dass er sich mit vermessenen Gedanken an einen eigenen Herd trug, aber da an die Ausführung nicht gegangen werden sollte, bevor Karl eine feste Stelle in der Welt errungen, gab die Mutter in Gnaden ihre Einwilligung.
Aber Karl schlug nicht gut aus. Seine Lehrer knüpften hohe Erwartungen an ihn, aber dem genialen Burschen gebrach es an einer Kleinigkeit, es war ihm nicht ernst mit seiner Kunst, seiner Laufbahn, dem Leben. Das Glück heftete sich Anfangs an seine Fersen. Er hatte kaum den Schulstaub abgeschüttelt, da lud ihn der Gönner, der ihm den Stiftsplatz verliehen, zu einer Abendgesellschaft ein. Sein Beispiel fand Nachahmer, der junge Künstler kam in Mode. Aber die Mutter wandte sich nicht an ihn um Hülfe in ihren endlosen Nöthen, denn uneröffnet lag ein ganzer Stoss von Familienbriefen auf seinem Clavier. Während der Schülertage hatte er Bett und Tisch des Bruders getheilt, aber die kleine, schlecht beheizbare Stube im entlegenen Vorstadthaus war kein passender Aufenthalt für einen gefeierten Virtuosen. Auch verdarb ihm das lästige Mitsingen im Nebenzimmer – ganz so frühlingsfrisch wie vor sechs Jahren klang es freilich nicht mehr – jede Inspiration, griff ihm die Nerven an, machte ihm das Leben zur Qual. Er miethete sich ein passendes Künstlerheim an der Ringstrasse. So kirchenstill es in den Augenblicken, da er mit der Muse Zwiesprache hielt, um ihn sein musste, so laut liebte er seine Gesellschaft in den vielen Erholungsstunden. Er besass eine Leidenschaft für alle schäumenden Getränke, und die Gasflammen einer Wirthsstube lockten ihn wie eine Motte an.