Trat Ebbe in seiner Tasche ein, dann liess er sich wie in seiner Schulzeit vom älteren Bruder erhalten. Doch durfte sich dieser beileibe keine Vorstellungen erlauben, sonst liess sich der Virtuose Monate lang nicht blicken. Und Leonhard, gutmüthig, schwach und unaufhörlich von der Furcht gequält, er erfülle schlecht das Versprechen, das er dem sterbenden Vater gegeben, suchte ihn dann wohl zuerst auf und gab gute Worte.
Franziska, der in letzter Zeit zuweilen der Gedanke gekommen, dass man auch Pflichten gegen sich selber habe, vernahm es denn auch ohne das leiseste Bedauern – wenn sie auch aus Rücksicht auf ihren Bräutigam ihren Gefühlen keinen beredten Ausdruck lieh –, dass Meister Karl, eine ansehnliche Schuldenlast im Rücken, vor Thau und Tage aus Wien entwischt war. Es geschah ihm dadurch kein Leid, im Gegentheil, jetzt erst befand er sich in seinem richtigen Fahrwasser. Er wurde einer der modernen Landstreicher, die herrlich und in Freuden, von Bierquelle zum Weinborn pilgernd, leben, wenn ihnen ein insipides Getränk, das Wasser, bis in den Mund reicht, unter Aufzählung ihrer Titel und Orden »ein einziges Concert auf der Durchreise« in Krähwinkel veranstalten und dem geschmeichelten Localpatriotismus so viel erpressen, um ihren Kahn eine Weile flott zu erhalten.
Monate lang ging Leonhard niedergedrückt, eine Beute heftiger Gewissensbisse umher. Es war sträflicher Leichtsinn gewesen, ein blühendes, junges Leben an das seine, das er Anderen verpfändet hat, zu knüpfen. Wie ein Kartenhaus, in das der Wind gefahren, lagen seine Hoffnungen auf dem Boden.
»Wir müssen eben warten,« tröstete ihn Franzi, aber es klang anders als vor Jahren, da sie im Warten die eigentliche Würze ihres Brautstandes gesehen. »Wie könnte mir einfallen, Dich von Deiner Pflicht abwendig zu machen!« Leonhard's Stube blieb nicht lange ihm allein überlassen; ein anderer Bruder theilte sie. Der besondere Liebling Seiner Hochwürden, des Herrn Pfarrers von Mureck, sollte er einige Jahre Theologie studiren, dann war ihm ein Pfarramt gewiss. Das Brautpaar baute förmlich verwegene Pläne auf dieses künftige Glück: Natürlich wird das Pfarrhaus im Grünen liegen, Weinlaub daran emporklettern, ein Garten voll Aepfel- und Birnbäumen es umschliessen – Franzi wässert schon jetzt der Mund nach den saftigen Früchten –, man kann nicht allein darin hausen, Mutter und Schwester werden zum Seelenhirten ziehen. Wenn Ignaz es erlaubt, warum sollte er nicht? sein ältester Bruder theilt ja auch jeden Bissen mit ihm, dann kommt Leonhard mit seiner kleinen Frau im Sommer, wenn seine Schüler auf das Land geflohen sind, zur Erholung zu ihm hinaus. O, es wird herrlich sein, frische, stählende Bergluft Wochen, Monate lang einzuathmen. Franziska ist nun 26 Jahre alt und sehr praktisch. Ihre Augen haben viel von ihrem fröhlichen Glanz verloren, und die Lippen, statt zu lachen, schliessen sich oft fest auf einander. Aber wenn sie in glücklichen Träumen schwelgt, dann zeigen sich die Grübchen in Wange und Kinn, und ein rosiger Hauch färbt ihr Gesicht.
»Niemand würde sie für älter als zwanzig halten,« meint bewundernd Leonhard. Dass sein Bruder nicht in sein Entzücken einstimmt, nimmt ihn nicht Wunder. Was kümmert sich so ein angehender geistlicher Herr um Frauenschönheit? Aber freilich, etwas zugänglicher für Freud' und Leid der Menschen um ihn dürfte er sein! Wird er doch einmal seiner Gemeinde in Freud' und Leid beizustehen haben. Aber er gehört zu der neuen Schule kirchlicher Streiter, ist hohlwangig und blass und hat ein düsteres Licht in seinen Augen. Wenn Leonhard und Franziska Lustschlösser aufthürmen, wirft er verächtliche Blicke auf die Kinder der Welt. Zuweilen versucht er es, sie auf das Reich Gottes hinzulenken; leider vergeblich. Franzi, wie die Meisten ihrer Landsmänninnen, hat nicht das geringste Talent zur Asketin, und wie Leonhard's Anlagen auch beschaffen sein mögen, an der Seite seiner Braut, die er nun bald heimzuführen hofft, denkt er nicht an Weltentsagung.
Er war Enttäuschungen so gewohnt, dass er nicht zusammenbrach, als sein Bruder, einem unwiderstehlichen Drange gehorchend, in einen Mönchsorden der strengsten Regel eintrat und schwere Klosterpforten zwischen sich und die Welt, die etwa Ansprüche an ihn stellen konnte, schob. In Mureck waren sie fromm genug, nicht darüber zu murren. Ihnen blieb ja noch immer der Aelteste; »einen gar braven Buben«, nennt ihn Frau Gruber, aber sie ist doch stolzer auf den geistlichen Sohn, der es zu hohen Würden bringen wird, da er alle hemmenden Familienfesseln abzustreifen wusste.
Franziska wurde todtenbleich, als dieser Blitz ihre Lustschlösser zertrümmerte.
»Wir werden nie einander angehören!« rief sie und brach in Thränen aus. Wenn er sie verlor, dann schwand jede Freude aus seinem armseligen Leben, er wurde ärmer als ein zerlumpter Bettler auf der Strasse. Aber konnte er ihr zumuthen, noch länger zu harren, ihre besten Jahre einer fast aussichtslosen Neigung zu opfern. Das erste Wort, mit dem er sie, Verzweiflung in der Stimme, frei gab, brachte sie zu sich.
»Mein Leonhard, wir warten geduldig auf einander, wie bisher«; aber es war nur ein Zerrbild der alten Schalkhaftigkeit, als sie hinzusetzte: »Es sei denn, Du möchtest mich nicht mehr.«
Er schloss sie aufjubelnd in die Arme. Wieder arbeiteten sie Jahre lang neben einander, ohne ihrem Ziel näher zu rücken. Franziska wusste, dass sie verblühte. Sie baute keine Zukunftspläne mehr und gab sich Mühe, so rührend genügsam wie ihr Bräutigam zu werden, dessen Gesicht sich verklärte, wenn er einen Sonntag Nachmittag mit ihr im Wienerwald verbringen durfte.