Da griff der Zufall plötzlich in ihr Leben umgestaltend ein. Leonhard ging mit elastischen Schritten umher und summte die Melodien, die, wenn günstigere Sterne über ihm gewaltet, vielleicht den Weg in die Welt gefunden hätten.

Der Virtuose war auf seinen Irrfahrten, wie ein Schiffbrüchiger auf fremdem, unwirthlichem Strand in Amerika gelandet. Ach, da war kein Wirth, der borgen wollte, kein Concertsaal, der sich öffnete, so lange ihm der Wind durch die Taschen pfiff. Um nicht zu verhungern, sah er sich nach Schülern um und da er in der That glänzend spielte, eine unverlegene Zunge besass und mit einem Hoftitel aus einem kunstsinnigen deutschen Herzogthum die Leute zu blenden vermochte, fehlt es ihm bald nicht an gut bezahlten Clavierstunden. Nach einigen Monaten trat er öffentlich auf und fand Beifall. Das Unterrichten erschien ihm nun wieder als eines so grossen Pianisten wenig würdig. Auch plante er eine Kunstreise nach dem Westen. Da kam ihm der erleuchtete Gedanke, Leonhard könnte seine Lectionen übernehmen. Das Reisegeld schickte er nicht, er hätte seines ältesten Bruders Zartgefühl verletzen können, freilich dauerte es nun einige Zeit, bis es zusammengespart war; zu lange für Karl's Ungeduld. Als Leonhard nach thränenreichem Abschied von den Seinen in New-York landete, da war der Virtuose bereits nach Californien abgereist, und seine Stunden gab ein Anderer. Und der Ankömmling, der nicht mehr in den Jahren war und vielleicht nie die nöthige rücksichtslose Energie besessen hatte, um sich in der Fremde einen Wirkungskreis zu schaffen, sah sich ohne Mittel, ohne Freunde, von der Heimkehr abgeschnitten in der ungeheueren Stadt, die Hunderte solcher ungeschickter armer Teufel verschlingt, ohne dass nur das Kräuseln der Oberfläche, wie ihn ein Stein auf dem Wasserspiegel hervorruft, die Stelle ihres Unterganges bezeichnen würde. Er besass nicht seines Bruders siegesgewisses Auftreten, konnte nicht wie dieser durch seinen Künstlerruhm verblüffen. Wenn er Beschäftigung suchte, kamen ihm Flinkere, Gewandtere zuvor. Er verzweifelte nicht um seinetwillen, denn er hatte die Kunst, sich halb satt zu essen, schon früher erlernt. Aber was sollte aus Mutter und Schwestern werden, welche er, im Vertrauen auf Karl's Versprechungen, den gewöhnlichen Monatsbeitrag zugesichert, was aus Joseph, dem jüngsten Bruder, der im Lehrerseminar ohne Zweifel sehnsüchtig auf eine Unterstützung wartete. Wenn er Franziska's gedachte, überwältigte ihn der Jammer völlig. Welch ein Lohn für ihr geduldiges Ausharren, ihre Aufopferung! Er sandte keine Nachricht von seiner Bedrängniss an die Angehörigen heim. Sie konnten ihm nicht helfen und hatten an der eigenen Last genug zu tragen.

Er vergass, dass es nichts Unersetzliches auf Erden gibt. Mutter und Geschwister staunten, dass der stets so zuverlässige Aelteste sie im Stiche liess. Aber von der Nothwendigkeit gedrängt, suchten sie bei ihren eigenen Hülfsquellen Zuflucht. Joseph gab Stunden, wie Leonhard es gethan und schickte kleine Beträge nach Hause, die Schwester verwerthete allerlei Kunstfertigkeit mit der Nadel, die Aelteste entschloss sich, dem greisen Pfarrer die Wirthschaft zu führen. Franziska allerdings litt; sie glaubte sich von ihm vergessen. Und Leonhard schwamm im Wirbel, umsonst versuchend, irgendwo festen Fuss zu fassen.

Die New-Yorker Zeitungen brachten eines Tages eine jener Notizen, die, kurz und dürr, dennoch mehr als bändelange Schilderungen irdischen Jammers geeignet sind, die Herzen zu erschüttern. Ein Polizist hatte einen bewusstlosen und wie er, Dank des häufigen Vorkommens solcher Zufälle, glaubte, betrunkenen Mann vom Strassenpflaster aufgelesen und über Nacht auf der Polizeistation mit dem verkommensten Gesindel zusammen eingesperrt. Vor dem Richter stellte sich heraus, der Fremde, ein Musiklehrer, der Bruder eines in New-York geschätzten Künstlers, hatte keinen Tropfen geistigen Getränkes zu sich genommen, sondern war zusammengebrochen, weil er seit mehreren Tagen nichts Nahrhaftes gegessen. Das Mitleid verschaffte Leonhard die ersten Stunden in New-York. Was man auch an den plötzlich reich gewordenen Amerikanern zu tadeln finden mag, die schlechte Eigenschaft der Emporkömmlinge, die Kargheit im Kleinen neben der prahlerischen Vergeudung im Grossen besitzen sie nur ausnahmsweise; sie lassen die Lehrer ihrer Kinder, die Angestellten in ihren Geschäften, die Dienstleute im Hause nicht darben. Leonhard sah sein Schifflein bald auf ruhiger Fluth dahingleiten.

Lachend und weinend zu gleicher Zeit hielt Franzi den Brief in der Hand, der ihr von der günstigen Wendung in seinem Geschick Kunde gab. Bald sollten sie einander angehören. Lärmten die Sperlinge nicht wie ehemals, sang und klang es nicht in ihr, um sie? Aber es dauert nur wenige Augenblicke. Ihre Seele hat die luftigen Schwingen eingebüsst, mit welchen sie sich einst in ein glückliches Traumland erheben konnte.

»Was wird wohl diesmal zwischen uns treten?« fragt sie sich bitter, der Glanz in den Augen erlischt, und sie zieht wieder die Nadel durch ihre Arbeit, die hoffnungs- und erfolglos ist, wie die der Danaïden.

Diesmal irrte sie. Joseph, der in seinem Charakter dem ältesten Bruder glich, war Schullehrer in Mureck geworden und wollte Leonhard's Stelle bei der Familie vertreten. Selbst die Mutter, welche die trübseligen Verhältnisse zu einem beständig heischenden und niemals befriedigten Wesen gemacht, schrieb, wenn auch ein Zuschuss stets willkommen sei, so möge ihr Aeltester nun auch einmal an sich denken.

Leonhard's Schüler schütteln verwundert die Köpfe. Hätte nicht jeder deutsche Professor das unveräusserliche Vorrecht, wunderlich zu sein, sie würden ihn für verrückt erklären. Er geht umher, als führten die Engel über seinem Haupte ein Conzert auf. Während die kleinen ungelenken Fingerchen neben ihm dem Piano gräuliche Misstöne entlocken, lächelt er stillselig vor sich hin, statt, wie recht und billig, wüthend zu werden. Er sieht beinahe gross aus, so dehnt und streckt sich sein kleines Persönchen vor innerem Wohlgefühl: Er rüstet das Nest für sein Weib, kein Tag vergeht, an dem er nicht mit einem Pack unter dem Arm die steile Holztreppe zur künftigen Residenz emporklimmen würde. Noch besteht der Brauch, wohl aus den Ansiedlertagen, da Einer auf den Beistand des Anderen angewiesen war, dass man Freunden das Haus einrichten hilft. Die Eltern seiner Schüler wissen, er erwarte die Braut aus Deutschland (unter welchem Namen ganz Europa, mit Ausnahme Grossbritanniens und Irrlands, begriffen wird), die Tischchen, Standuhren, Kamindraperien, gestickten Deckchen, Porzellanfiguren, Bilder – an welchen freilich der Rahmen das Hervorragendste ist –, die ihm in's Haus strömen, würden ein Museum füllen. Jedenfalls wird man in der neuen Wohnung äusserst massvoll im Gebrauch seiner Gliedmassen sein müssen, und Franzi wird als Herrin all der Schätze gerade keine Sinecure inne haben, wenn sie dieselben in halbwegs staubfreiem Zustand erhalten will. Stunden lang steht Leonhard, in Bewunderung versunken, vor den Herrlichkeiten. Aber ein Geräth vergass er, vergassen seine Freunde. Am Tage, bevor das Schiff mit seiner Braut, das glückhafte Schiff, im Hafen einläuft, kauft er den Pfeilerspiegel für die Vorderstube.

Vom Dock führt er sie zum Friedensrichter, der die beiden geduldigen und getreuen Menschen für das Leben zusammengiebt. Leonhard hat sein Nest in einer neugierigen, schwatzhaften Strasse gebaut; man braucht nicht viel Phantasie, um sich in eine Kleinstadt im deutschen Vaterland versetzt zu fühlen. Rechts und links drücken die Nachbarinnen die Gesichter an die Fenster, um das Paar vorüberschreiten zu sehen. Sie geben sich keine Mühe, ihre Enttäuschung zu verbergen. Die Monate langen Vorbereitungen, das verklärte Gesicht liessen sie einen anderen Siegespreis vermuthen.

»Die alte Jungfer hätte er nicht zu importiren gebraucht,« sagten sie, »so etwas findet sich auch noch unter dem Sternenbanner.«