»Er heisst, wie mein Ideal heissen muss, Edgar.«

»Edgar? sehr abgeschmackt, und die italienische Oper ist aus der Mode.«

Meine Worte ärgerten sie (und das war ja auch ihr Zweck; es wäre mir eine Wollust gewesen, sie zu peinigen, so wüthend und – das Wort muss heraus – unglücklich fühlte ich mich). Sie holte ein Notenheft, auf welchem ein Strauss knallrother Blumen prangte und hielt es mir triumphirend vor die Augen. »Brennende Liebe«, Walzer von Edgar Nothnagel, seiner Schülerin, Fräulein Helene Stubenkammer hochachtungsvoll zugeeignet.

»Damit kann ich freilich nicht wetteifern,« sagte ich bitter und griff nach meinem Hut.

Eine Gewohnheit aus früheren, schöneren Tagen hing meine treulose Braut noch immer an; wenn sie mich genug gequält zu haben glaubte, legte sie ein Pflästerchen auf meine Wunde.

»Willst du gehen, ohne Mama begrüsst zu haben?«

»Ich werde telegraphisch meine Ueberfahrt nach Afrika belegen, denn diesmal ist es mir wirklich ein Bedürfniss, die Flucht zu ergreifen.« Ich wollte meinen Verlobungsring abziehen, aber er sass zu fest, und so musste ich auf den effectvollen Abgang verzichten. Die Scharte einigermassen auszuwetzen murmelte ich gleichgültig: »O, ich vergass; – meine besten Glückwünsche, Fräulein Stubenkammer.«

»Ich weiss nicht, ob ich sie annehmen darf,« versetzte Helene in äusserster Betrübniss, »Mama wird von dem armen Künstler nichts wissen wollen.«

Ich bin kein Mann des Gefühls, das sich in Worten äussert. Aus Scham, die Welt errathen zu lassen, dass ich eigentlich eine gute Dosis Weichmüthigkeit in mir beherberge, hänge ich meinen Aeusserungen gewisse kleine Narrenschellen an, die ihren Zweck dann auch vortrefflich erreichen, zu vortrefflich, denn nicht nur die lieben gleichgültigen Nebenmenschen, auch meine Braut werden von der Ueberzeugung beherrscht, bei mir gehe keine Empfindung tief genug, um sich nicht mit einem Witzwort abschütteln zu lassen.

Sie hatte vermuthlich nicht die leiseste Ahnung, dass der Spötter, dem nichts heilig zu sein schien, der seine Gefühle durch das Scheidewasser der Ironie zu zersetzen pflegte, den Riss zwischen uns genau so schmerzlich – möglicher Weise noch schmerzlicher – empfand, als es der sentimentalste aller Edgars, der je in stillen Mitternächten den Mond angeseufzt, vermocht hätte. Oder wenn ihr mein Gesicht den Zustand meines Innern enthüllte, so schien es sie nicht sonderlich zu rühren – mit leisem Lächeln sah sie mich meinen Abschied nehmen.