Während ich bei hellklingenden Gläsern zum hervorragendsten jetztlebenden Sohn proclamirt wurde, focht ich einen schweren Kampf mit meinem Ich aus. Ich muss bekennen, dass ich dasselbe bisher gehätschelt und in jeder Weise bevorzugt hatte. Deshalb wehrte es sich nun auf das Heftigste gegen das erste Opfer, das von ihm gefordert wurde. Das Wesen zu verlieren, mit dem es sich in jeder Faser verwachsen glaubte, das es zum Mittelpunkt seiner Pläne und Luftschlösser gemacht, erschien ihm ganz einfach unmöglich. Zuletzt lag es jedoch besiegt auf der Erde.
Ich trat in das Stubenkammer'sche Wohnzimmer, ein spartanischer Held, der sich in unser Zeitalter hinübergerettet. Meine Mutter und die Hausfrau waren unzertrennliche Freundinnen; sie waren auch jetzt beisammen, wahrscheinlich beschäftigt, ein modernes Paradies aus decorirtem Tafelgeschirr, Silberbestecken, ungezählten Dutzenden von Bett- und Tischwäsche für ihre Sprösslinge aufzubauen. Helene sass am Fenster, ein wenig blässer als sonst, aber wunderhübsch wie immer. Sie warf mir einen prüfenden Blick zu, aber als sie meine entschlossene Miene sah, die etwas von dem Todesmuth der Legionen zeigte, wandte sie den Kopf ab.
Wie ein Sprenggeschoss fiel meine Mittheilung, dass ich in einer Woche eine lange, eine mehrjährige Reise, wie ich mit einem Blick auf Helene nachdrücklich hervorhob, antreten werde, in den friedlichen Familienkreis. Die beiden würdigen Damen starrten mich fassungslos an. Helene stand auf und näherte sich ihnen.
»Ihr seht, er will mich nicht,« sagte die kleine Teufelin lachend, »die Forschungsreise ist nur ein Vorwand.«
Mama, die es ist, und Mama, die es werden sollte, warfen mir wüthende Blicke zu; was mich betrifft, ich hätte nie gedacht, dass der kategorische Imperativ einen so wenig süssen Kern in sich birgt.
»Das ist nun mein Lohn dafür, dass ich 24 Monate und zwei Wochen lang wie eine Nonne gelebt,« fuhr Helene fort.
Ich bin nur ein Mensch und daher nicht ohne Galle: »Ein Nonnenleben, das durch Musik und süsse Musiker Abwechselung erhielt, muss nicht übermässig hart zu ertragen gewesen sein,« sagte ich boshaft.
Die beiden Mamas tauschten erschrockene Blicke, ich hörte die künftige etwas vom heissen Klima und dem Aequator murmeln.
Nachdem ich meinem Aerger Luft gemacht, schämte ich mich. In Edelmuth und Selbstlosigkeit hatte ich Helenen, die den Zorn ihrer Mutter zu fürchten schien, die Bahn ebnen gewollt, und nun liess ich mich so fortreissen. »Tante Stubenkammer,« sagte ich, »durch meine Entfernung soll ein etwas verwickelter Knoten gelöst werden. Helene liebt mich nicht; sie hat ihr Herz einem Anderen geschenkt. Dass ich tief unglücklich darüber bin und ein einsames trübseliges Leben vor mir sehe, kann ich nicht verhehlen. Aber die Rücksicht auf mich soll Helene nicht hindern, mit ihrem Edgar glücklich zu werden.«
Mama hatte längst ihr Taschentuch an die Augen gedrückt, aber Mama Stubenkammer war aus härterem Stoff gemacht.