»Helene, darf ich dich um eine Erklärung bitten!« sprach sie streng.
»Liebe Mama, für eine Frau von deinem feinen Verständniss bedarf es deren wohl kaum: Karl ist eifersüchtig und das – wie lächerlich! – auf meinen alten ehrlichen Klavierlehrer.«
Die Strenge der Mutter kehrte sich gegen mich.
»Karl, das ist beleidigend, der Mann hat Frau und Kind.«
»Und widmet meiner Braut seine ›Brennende Liebe‹.«
»Es sollte zuerst ein Marsch ›Vergissmeinnicht‹ sein, aber Karoline Holzwart capricirte sich auf ihn,« erläuterte meine Braut gleichmüthig, »und die Chrysanthemumpolka war mir zu fade. Herr Nothnagel arbeitet nämlich den Erfurter Blumenkatalog durch; die Titel für seine Kompositionen bereiteten ihm früher grosse Schwierigkeiten. Da verfiel ich auf diesen Ausweg, und zum Dank dafür widmete er mir eine schöne rothe Sorte Pelargonien; ich kann nichts dafür, dass die Gärtner sie ›Brennende Liebe‹ getauft haben.«
»Helene,« schrie ich und eilte glückselig auf meine Peinigerin zu. Ein Geräusch wie der Flügelschlag mächtiger Albatrosse machte uns stutzig. Aber es waren nur die Mamas, die – ihrer Meinung nach: geräuschlos – aus dem Zimmer huschten.
EIN UNGLÜCKSMENSCH.
Klaus Henning hatte die bestimmte Vorahnung, dass ein Unglück passiren würde; und er hatte sie nicht zum ersten Male. Er unterschied sich ausserdem von anderen, mit einer weissagenden Stimme in der Brust begnadeten Sterblichen dadurch, dass seine Ahnungen immer eintrafen. Das eine Mal, als er eine Prophetenstimme in seinem Inneren vernahm, ging er durch die Friedrichstrasse, stolperte gegen ein Schaufenster und musste, mit zerschnittenem Gesichte und verletzten Händen, Schadenersatz leisten. Das andere Mal wollte er mit einem allerliebsten Fräulein auf der Rousseauinsel Schlittschuh laufen und riss sie mit sich zu Boden. Bei dieser Gelegenheit fuhr ihm ein fremder Schlittschuh über die Finger, sie für mehrere Monate gebrauchsunfähig machend. Und da das neue Kleid seiner Dame etliche klaffende Risse bekam (was sie schwerer zu treffen schien, als seine Verwundung, die ihn anfänglich vier Finger zu kosten drohte), so wurde sie von diesem Zeitpunkte ab seine Todfeindin. Kurz, es war sehr leicht, seine abergläubische Angst zu verspotten, aber so oft sich das bewusste dunkle Gefühl in seinem Inneren regte (und das geschah fast jedesmal, bevor er sich unter die Menschen mischte), gab es Schaden für die Zeitgenossen und Spott für ihn.
Seine Hauswirthin sah ihn denn auch nur ungern den Reisekoffer packen.