»Wollen Sie wirklich fort, Herr Henning?« seufzte sie, »denken Sie an mich, Sie kommen nicht mit heiler Haut nach Hause.«

Er wusste, dass sie Recht habe, aber die Hitze war unerträglich, er schmachtete nach einem Wellenbade, und da ihm die Geschäftsstille Ferien vergönnte, wollte er einen kurzen Aufenthalt an der See nehmen. Jeder minder Erfahrene hätte sich eingebildet, die schwarzen Ahnungen seien erfüllt, als sein neuer Reiseanzug, gleich nachdem er das Haus verlassen, von oben bis unten mit Oelfarbe bespritzt wurde, die ein nachlässiger Anstreicher von seiner Leiter herabträufeln liess, oder als ihm der Eisenbahnzug davonfuhr und er nun mehrere Stunden zu warten hatte. Er aber kannte den Kobold besser, der sein Spiel mit ihm trieb, als dass er gehofft hätte, mit solchen Kleinigkeiten loszukommen. Auch als er unmittelbar nach der Abfahrt mächtige Rauchsäulen aus der Richtung, wo sein Farbenmagazin lag, aufsteigen sah, erfüllte ihn noch immer nicht die beruhigende Ueberzeugung, seinen Zoll entrichtet zu haben, denn bei näherer Ueberlegung erschien es ihm äusserst unwahrscheinlich, dass sein Geschäft abbrannte, während er nicht dabei war, um sich schwere Verletzungen zu holen. Aeusserst unwahrscheinlich, eigentlich nach seinen bisherigen Erfahrungen vollkommen undenkbar. Vom Augenblicke an, wo er die Thüre seines Waarenlagers hinter sich zuschloss, konnte die Versicherungsgesellschaft ruhig schlafen.

Er wollte sich in Sassnitz nicht unter die Badegäste mischen, konnte er doch sicher darauf rechnen, das erste Glas Rothwein, das er zum Munde zu führen gedachte, über das Kleid seiner Nachbarin, oder wenigstens über das Tischtuch auszugiessen, jeden Stuhl mit nervenerschütterndem Gepolter umzuwerfen, seinen Hut vor aller Augen in's Wasser fliegen zu sehen und was solcher kleiner Zwischenfälle mehr sind, die an und für sich sehr geringfügig erscheinen, ihn aber zum Gegenstande des allgemeinen Gelächters machen mussten.

Im vergangenen Spätherbste hatte er einige Tage in einem Gasthause ausserhalb des Curorts verlebt, dessen Wirthin im Sommer eine kleine Colonie von Städtern beherbergte. Damals waren die letzten Fremden, erschreckt durch ein paar rauhe stürmische Tage, geflohen, und so verknüpfte sich ihm mit dem Aufenthalte in dem bescheidenen Häuschen am Strande die Vorstellung von erquickender Ruhe und Geräuschlosigkeit. Auch schien der Kobold, der ihn verfolgte, an der Grenze von Fleming's Herrschaftsbezirk die Waffen zu strecken. Klaus ging mit den Haussöhnen fischen und brachte Beute heim, was ihm nie vorher widerfahren, er kreuzte in einer Nussschale von Segelboot die Küste entlang und sah es nicht einmal den Kiel nach oben wenden, er ruderte stundenlang in einem Nachen und brach kein Ruder. Nach diesem stillen Hafen der Glückseligkeit richtete er nun seine Schritte. Ach, das war nicht mehr das erträumte Paradies!

Auf dem Vorplatze, der, mit spärlichem Grün bedeckt, sich vor dem Hause hinzog, spielte eine Gesellschaft junger Leute Croquet, vom Wasser her erschallten laute Kinderstimmen, auf der Holzbank im Schatten des Hauses sassen behäbige Matronen. Henning hatte die Absicht, bei diesem Anblicke umzukehren und sich ungesehen davonzuschleichen, aber die Wirthin kam mit ausgestreckten Händen auf ihn zu und rief:

»Das Haus ist zwar gesteckt voll, aber für Sie schaffen wir doch noch Raum.«

Er wollte murmeln, dass er nur einen Tag bleiben und dann seinen Stab weiter zu setzen gedenke; da fiel sein Blick auf ein junges Mädchen, die soeben ihren Ball mit dem Hammer so unglücklich getroffen, dass er, statt durch den Draht, gegen seine Füsse fuhr. Purpurroth kam sie auf ihn zu und bat um Entschuldigung. Sie hatte ein Gesicht, wie es die Natur nur in besonders guter Laune zu bilden pflegt, die zartesten Farben, die treuherzigsten blauen Augen und das Haar, das sie, wohl nach einem Wellenbade, gelöst trug, von glänzendem Blond. Und dann behielt er seine Bemerkungen für sich, liess Frau Fleming für sein Obdach sorgen und schwang den Hammer, ohne zu besorgen, dass seine Bälle einem Mitmenschen das Lebenslicht ausblasen würden. Auch bei Tische vergass er alle seine Ahnungen, er zitterte nicht vor dem Bratensafte, er reichte Fräulein Mathilde eine Tasse Thee, ohne sie zu verbrühen, kurz, er benahm sich, als wäre er nie ein Unglücksmensch gewesen.

Freilich fing sein Elend noch am selben Abend wieder an. Die Hausfrau erzählte, um ihren Liebling vom vorigen Jahre her in das günstigste Licht zu setzen, dass er das Segelboot wie ein alter Matrose zu handhaben verstehe. Die Damen versicherten, nichts gewähre ihnen ein solches Vergnügen wie eine Bootfahrt, die Herren kündigten ihm ihre Begleitung für den nächsten Tag an, Mathilde, die ihn jeden Augenblick mehr entzückte, sagte nichts, aber sie richtete ihre schönen blauen Augen bittend auf ihn. Ihm brach der Angstschweiss aus allen Poren; war er ausersehen, der Mörder all' dieser braven Leute zu werden? Klaus war kein Salonmatrose, er hatte seine Knabenjahre in der Nähe von Bremerhaven verlebt und ein Boot zu regieren beinahe so früh wie das Abc erlernt. Auch ist das Segeln Alles eher denn eine Kunst – wenn das Fahrzeug etwas taugt, aber der Flemingsche Krondiamant besass etliche Flecken. Und was hilft alle Geschicklichkeit gegen die Tücke eines Koboldes! Der junge Mann ging nicht mit der Begeisterung, welche die Gesellschaft erwartet haben mochte, auf die vorgeschlagene Segelpartie ein. Vergeblich nannte man ihn von da an nicht anders als »Capitän«; er bestand darauf, dass, wer nicht schwimmen könne, auf dem Festlande bleiben müsse. Die Aengstlichen sahen hierin einen Beweis, dass er sich nicht sicher fühle und standen sogleich ab. Mathilde bekannte seufzend, sie könne seine Bedingung nicht erfüllen und müsse daher verzichten. Es wäre ihm das auserlesenste Vergnügen gewesen, sie über die Wellen zu fahren, aber er unterdrückte seinen Wunsch, indem er sich vorsagte, es sei gleichbedeutend mit kaltüberlegtem Morde, sie zu einer Wasserfahrt mit einem Unglücksmenschen zu bewegen.

Nur zwei Herren waren verwegen genug, sich seiner Führung anzuvertrauen. Es stellte ohne Zweifel eine Probefahrt vor. Klaus bestand sein Examen glänzend. Er fing zu hoffen an, der Tückebold habe auch diesmal vor Frau Fleming's Königreich Halt gemacht. Sein Selbstvertrauen wuchs; denn als man landete, waren seine zwei Prüfungscommissäre des Lobes voll für seine nautischen Künste. Da lud er Mathilde zu einer Segelfahrt für den nächsten Morgen ein. Ein ältlicher, gutmüthiger Herr, der erst vor einigen Stunden angekommen war, stand neben ihr; Mathilde machte ihn, ihren Papa, mit dem jungen Manne bekannt, und nun verlebte dieser mit den zwei liebenswürdigen Menschen einen Abend, der ihm unvergesslich bleiben wird. Am nächsten Tage vertrauten sich ausser Vater und Tochter noch einige der Sommergäste seiner Führung an. Auch diesmal verlief die Expedition prächtig. Auf dem Lande war es erstickend heiss gewesen, nun wehte es die Gesellschaft kühl und belebend an, und eine leichte Brise trug das Boot wie auf Schwingen über das Wasser. Alle versicherten, nie angenehmere Stunden verlebt zu haben, und, was ihm werthvoller erschien, Mathilde drückte ihm dankbar, mit vor Vergnügen leuchtenden Augen, die Hand. Da versuchte er die Götter und versprach ihr eine Wiederholung.

Es war ein glorreicher, glückverheissender Tag. Da man in Frau Fleming's Herrschergebiet eine einschnürende Etikette nicht kannte, ging das Pärlein allein an's Ufer. So gut wie Klaus es sich vorgestellt, sollte es ihm freilich nicht werden. Die Insassen des Hauses hielten zwar ihr Nachmittagsschläfchen, aber die liebenswürdigen Commissäre, die diesmal vermuthlich seine Geduld wie zuvor seine seemännischen Fähigkeiten prüfen wollten, kamen eilfertig herbei, um ihren Antheil am Vergnügen zu beanspruchen. Da sie ihn sozusagen entdeckt hatten, bewahrten sie ihm ein gewisses gönnerhaftes Wohlwollen, das er jedoch in jenem Augenblicke nicht voll zu schätzen verstand. Allein sie störten nicht, sie tauschten ihre Bemerkungen, machten sich beim Steuer unnütz oder starrten in's Wasser. Klaus konnte ungehindert mit seiner Herzensdame flüstern. Vielleicht hatte er sich zu tief in die blauen Augen versenkt, vielleicht hatten ihn die zwei Probefahrten übersicher gemacht, am wahrscheinlichsten jedoch ist, dass sein Kobold dessen überdrüssig war, unbeschäftigt im Winkel zu stehen, und dass er im Augenblicke, wo er den Unglücksmenschen am härtesten treffen konnte, hervorsprang.