Das Boot war nicht so leicht zu regieren, wie sonst, die Brise wehte scharf, mehr als einmal schlug das Wasser, Alle durchnässend, hinein. Und Klaus war zerstreut, er hatte Mathilde in ihren Gummimantel gewickelt, und als sie ihm zum Danke die Hand reichte, sie länger als vernünftig in der seinen behalten. Er hielt sie noch, als der Boden unter ihnen wich, die kalte, salzige Flut auf sie einströmte und das Bootkiel oben vor ihnen trieb. Ein plötzlicher Windstoss musste es getroffen und zum Kentern gebracht haben. Sie sanken, doch verliess den Unglücksmenschen die Besinnung nicht, er legte den linken Arm um Mathilde und brachte sie nach oben.
Sie war die Selbstbeherrschung in Person; sie klammerte sich nicht an ihn, seine Bewegungen hemmend, und so gelang es ihm nach einiger Anstrengung, den Kiel seines Bootes zu erreichen und einen Stützpunkt für sich und seinen schönen Schützling zu gewinnen. Die beiden Genossen sah er rüstig und unversehrt zur Küste schwimmen. Sie war nicht fern, aber bei der starken Strömung zum Meere wäre jeder Versuch, sie mit Mathilde im Arme zu erreichen, aussichtslos gewesen. Zahlreiche Boote kreuzten das Wasser, entweder nahm eines derselben sie auf, oder die beiden Geretteten lösten am Strande, der förmlich auf Rufweite vor ihnen lag, ein Ruderboot und kamen den Genossen zu Hilfe. Wenn Klaus nur bis dahin aushalten konnte, wenn nur sein Arm, der steif wie der eines Todten wurde, das junge Mädchen über dem Wasser erhielt! Blass und mit geschlossenen Augen lag sie an seiner Brust. Eine förmlich wahnsinnige Reue ergriff ihn. Wusste er nicht voraus, das Alles, was er anfasste, zu Schaden kam? Wie hatte er so verwegen, nein so verrucht sein können, dieses holde Geschöpf, das einzige Kind und das einzige Glück ihres Vaters mit sich in's Unglück zu reissen? Sein Selbstvorwurf machte sich in der wildesten Weise Luft.
So vergingen endlose Minuten. Das Boot trieb in's Meer hinaus, und in muthloser Verzweiflung gab Klaus seinen Schützling und sich verloren. Da hörte er lauten, ermunternden Zuruf, warme Hände streckten sich nach ihm und Mathilden aus, und im nächsten Augenblicke lagen die wasserdichten Planken einer Barke, die eine Gesellschaft Badegäste von der Stubbenkammer nach Sassnitz heimführte, zwischen ihnen und den heimtückischen Wellen. Das junge Mädchen war ohnmächtig geworden. Als sie, von den Damen, die im Boote waren, umringt, die Augen aufschlug, suchte sie ihren Begleiter mit den Augen; er las Zutrauen, ja Dankbarkeit – Dankbarkeit für ihn, der sie beinahe getödtet hätte! – in ihnen und konnte den Blick nicht ertragen.
Sie fanden Frau Fleming's Königreich in vollem Aufruhre. Die beiden Commissäre waren vor einer Weile angekommen, und wenn sie zu Mathildens Rettung keinen Finger gerührt, so zeigten sie sich jetzt dafür eifrig beflissen, ihren Vater in die peinigendste Unruhe zu stürzen. Als sie nun in Hüllen, die ihr die Damen in der Barke aufgedrängt hatten, den Strand betrat, richtete sich, wie begreiflich, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sie. Ihr Papa drückte sie stürmisch an sich, dann wollte jede der Hausgenossinnen sie mit einem Kusse begrüssen, zuletzt drängten sich händeschüttelnd die Herren heran, Niemand eifriger als die zwei Commissäre.
Klaus schlich sich unbeobachtet in sein Zimmer. Die Anderen hatten wohl geahnt, das er ein Unglücksmensch sei, denn sie hatten sich – so schien es ihm – ängstlich von ihm fern gehalten. Er wechselte seine nassen Kleider, packte das Köfferchen, und nachdem er die Adresse auf dasselbe befestigt und den Betrag, den er Frau Fleming schuldete, auf den Tisch gelegt, drückte er sich, sachte wie ein Spitzbube, aus dem Hause und fuhr in die Glühhitze zurück.
Seine Hauswirthin war sehr erstaunt, ihn ohne äussere Verletzung wiederzusehen. Wie tief es diesmal nach innen ging, ahnte sie nicht. Ein trübseliger Geselle ging er seinem Tagewerke nach, Abends sass er missmuthig unter den paar verstäubten, kläglichen Büschen des Hausgärtchens, ein Buch in der Hand, in dem er nicht las. Da schlug einmal ein Gruss an sein Ohr. Vor ihm stand ein ältlicher, behäbiger Herr mit gutmüthigem Gesicht. Klaus springt, wie von einer Feder emporgeschnellt, von der Bank auf, es war Mathildens Vater.
»Ausreisser!« ruft dieser ihm zu, »es soll Ihnen nicht gelingen, sich meinem Danke zu entziehen. Wenn Sie auch heimlich wie ein flüchtiges Reh entwischten, Ihr Reisekoffer verrieth mir, wo ich den Lebensretter meiner Tochter zu suchen habe.« Ihren Lebensretter! Dabei drückt er dem Sprachlosen die Hand, und seine ehrliche Stimme zittert in unterdrückter Bewegung. »Was wäre aus ihr, was wäre aus mir geworden, wenn Sie auch so selbstsüchtig wie die beiden Anderen, nur auf Rettung des eigenen Lebens bedacht, ans Land geschwommen wären? Ohne Sie wäre ich heute ein einsamer, gebrochener Mann! Es giebt noch Helden im bürgerlichen Leben!«
Klaus suchte abzuwehren. Er sprach von dem Unrecht, das er begangen, er, ein Unglücksmensch, als er Mathilden zur Segelfahrt einlud. Aber es kam nicht viel Zusammenhängendes über seine Lippen. Für etwas gepriesen zu werden, für das er den härtesten Tadel zu verdienen geglaubt, von Mathildens Vater in die Wolken emporgehoben, ein Held genannt zu werden, das betäubte ihn, als hätte er jungen Wein getrunken.
»Ich weiss, dass nur Ihr Zartgefühl Sie veranlasste, sich unserem Danke zu entziehen,« fuhr Herr Hilgendorf fort, »allein ganz recht war es nicht: Mathilde ist untröstlich, weil Sie verschwanden, ohne zu hören, wie tief sie sich Ihnen für Ihre Aufopferung verpflichtet fühlt. Und ich glaube beinahe, dass ich sie nicht eher zufrieden sehen werde, als bis ich ihren Lebensretter mit Güte oder Gewalt in mein Haus geführt, damit sie den versäumten Dank nachhole.« Aber es bedurfte keiner Gewalt. Klaus ging gutwillig mit Herrn Hilgendorf. Mathilde kam ihm mit strahlenden Augen entgegen. Es war spät Abend, als er, ein seliger Mensch, das gastliche Haus verliess, nicht ohne versprochen zu haben, bald, sehr bald, schon am nächsten Tage wiederzukommen. Und zuletzt glaubte er gar nicht mehr daran, dass er ein Unglücksmensch sei; nein, er hielt sich für ein richtiges Sonntagskind, denn in der Ecke hinter dem Flügel hat ihm Mathilde gestern auf seine Frage geantwortet, dass sie keinem Menschen auf der Welt so gut sei, wie ihm.