Das Dorf lag in vollster Sonnengluth da. Bäume und Büsche am Wegrande liessen ihre welken, bestaubten Blätter hängen, die Hunde lagen vor den Häusern, die lechzenden Zungen hervorgestreckt, keuchend, aber zu träge, einen schattigen Winkel aufzusuchen; langsam, wie weltmüde Philosophen, zogen Enten und Gänse ihre Kreise auf dem grünlichen Tümpel. Sonst keine Spur von Leben auf der Dorfstrasse. Die Kinder schwitzten noch in der Schule, die Erwachsenen waren beim Heumachen. Nur ein halbwüchsiges Ding mit zerzausten Haaren, einem braungebrannten schmutzigen Gesicht, in welchem ein paar wilde schwarze Augen flackerten, einem Zigeunermädchen ähnlicher als dem Sprössling des ehrbaren Kreuzwirthes, schlich sich geräuschlos wie ein Marder rückwärts längs der Gärten hin, in welchen die Kirschbäume gerade voll saftiger Früchte standen. Manche waren so unvorsichtig, ihre Aeste über die Zäune oder sehr nahe an denselben hängen zu lassen. Auf die schwang sie sich mit der Flinkheit einer Katze und hielt ihren Schmaus, schonungslos ganze Zweige knickend, aus den schönsten Zwillingskirschen Ohrgehänge bildend, bis sie noch schönere erspähte und den bisherigen Schmuck in den Magen wandern liess. Sehr unparteiisch verfuhr sie bei ihren Beutezügen. Sie brandschatzte ebenso des Pfarrers Stolz, die seltenen spanischen Weichseln, wie des Schullehrers Amarellen, des Küsters schwarze und ihres Vaters, zum Verkaufe bestimmten, weissrothe Herzkirschen. Zuweilen schlug ein Hund an, dann machte sie sich schnell aus dem Staube, und da aus den alten Zäunen mancher Brettnagel hervorstand, wurden in ihren noch guten Rock zahlreiche Kreuz- und Querrisse gezogen. Dies verursachte ihr keinen Kummer. Die Stiefmutter daheim führte eine flinke rastlose Nadel, und nachdem Cenz etliche fruchtlose Rebellionsversuche der guten Frau niedergeschlagen, war es ihr vollständig gelungen, dieselbe nicht nur für die Gastwirthschaft, den Haushalt und ihre eigenen, noch sehr kleinen Kinder, sondern auch für die Drohne arbeiten zu lassen, die sie als etwas fragwürdiges Glücks- und Friedenspfand mit erheirathet hatte.
Im Hofe des Kreuzwirthshauses, unter einem schattigen Nussbaume, sass der Herr Pfarrer vor einem Krüglein Bier. Die rundliche, gutmüthig aussehende Wirthin stand neben ihm.
»Man hat halt sei' Kreuz mit denen Kindern«, beantwortete sie soeben eine Frage des alten Herrn, »besunders wann's net einmal die eig'nen san.«
»Die Crescenz hat doch sonst so gute Anlagen«, meinte kopfschüttelnd der Geistliche, »der Schullehrer war immer des Lobes voll über ihren Lerneifer; freilich sonst steckt sie voll Teufeleien, und jetzt verwildert sie mit jedem Tage mehr. Ich fürchte, Ihr werdet nicht viel Freude an ihr erleben.«
»Es is halt an recht's Unkräutl am Weg, Hochwürden«, seufzte die Wirthin, »nixnutz und schnappig (schnippisch); thun will's gar nix und is doch schon sei vierzehn Jahr alt. Auf d' Kleinen könnt's doch schon a bisl schauen, wenn i in der Kuchl z'schaffen hab. Aber na, alle Arbeit bleibt mir, und sie stravanzt den ganzen Tag im Dorf herum, zerrissen und schlampet, dass i mi schamen muss.«
»Ihr habt die Ruthe zu sehr gespart, gute Frau.«
Die Wirthin setzte sich ihm gegenüber auf die Bank.
»Wahr ist's, Hochwürden, aber mei Schuld ist's net. Damals wie mi' der Kreuzwirth in's Haus bracht hat als seine Zweite, da hab' i anfangen woll'n, s' Madel zu zieh'n, und da hat sie si gegen mi g'stellt wie a wilde Katz', hat gekratzt und gebissen, und i hab halt zugehauen, kommt mei Mann derzu, krebsroth in' Gesicht, »Du«, schreit er mi an, »Hand von der Butten, i will ka solche Stiefmutter- und Stiefkindg'schichten im Haus hab'n, du lasst's in Ruh, und sie lasst di in Ruh; und dass i kane Hetzerei hinüber und herüber hör'!« Na, und da hab' i's dann aufwachsen lassen, wie an Unkräutl', dass es an Fried'n im Haus gibt, und so ist's denn a an Unkräutl worden.«
Cenz war es mittlerweile müde geworden, die Bäume zu plündern und schlenderte längs des kleinen Baches unter den Weiden hin, für die Augen eines gewöhnlichen Menschenkindes keine sonderlich fesselnde Erscheinung. Aber Künstler besitzen zuweilen einen ganz absonderlichen Geschmack. Zwei Maleraugen verfolgten ihre flinken Bewegungen schon seit einer guten Weile, ohne dass sie den jungen Menschen mit dem breitkrämpigen Hute beachtet hätte, der im Schatten der Weiden vor seiner Staffelei sass und den wundervollen Ausblick auf den Schneeberg, der sich ihm von dem Plätzchen unter den Weiden bot, auf der Leinwand festzuhalten suchte. Maler waren keine seltenen Gäste im Dorfe, das sie als erste Haltestelle vor ihrem Aufstieg in's Gebirge zu benutzen pflegten, und dessen urwüchsige Bewohner manches Skizzenbüchlein füllten. Und so sah Cenz auch viel mehr geschmeichelt als befremdet darein, als der junge Künstler, der sich auf der Suche nach so ziemlich Allem, was dieser Titel rechtfertigt, nach Erfolg, einem Namen und einem passenden Vorwurf für sein erstes Ausstellungsbild befand, sie plötzlich anrief.
»Heh, kleiner Wildling, bleib' in derselben Stellung, in der du dich befindest, ich möchte dich in mein Buch hineinzeichnen.«