Fritz schüttelt den Kopf.

»Morgen geht's weiter ins Steirische hinein; warum fragst du?«

Wieder kommt etwas Undeutliches von einem Sonntagsgewand über Cenz's Lippen.

Der Maler lacht:

»Kann sein, dass ich beim Abstieg noch einmal hier vorspreche, kann sein, erst auf's Jahr. Dann male ich dich in grossem Staat. Ich habe eine Ahnung, Cenz, dass du mir Glück bringen wirst.«

Er sah sich nicht getäuscht. »Unkraut am Wege,« das Bild der kleinen Landstreicherin, das er in Oel ausgeführt, wurde in die Ausstellung aufgenommen und trug ihm Lob, Geld und Aufträge ein. Cenz wartete derweil daheim, dass er wiederkommen und sein Versprechen erfüllen werde. Es war ihr eigentlich weniger um das Bild, als um eine Ehrenerklärung in seinen Augen zu thun. Da sie nicht wissen konnte, wann er sie überraschen werde, trug sie sich der Vorsicht halber so nett und sauber als möglich. Keine Streifzüge über Zäune nach verbotenem Obst, kein Herumklettern und Herumstreifen in der Sonnengluth mehr. Sie hatte ihm gesagt, dass sie dem Kreuzwirth gehöre, im Kreuzwirthshaus wird er sie suchen und finden. So hat es sich von selbst gemacht, dass sie sich mehr in der Nähe des Hauses hält und anfängt, ihrer Mutter in der Wirthschaft an die Hand zu gehen. Die schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als Cenz nach dem Abschied vom Maler heimkam, aber sie hat seitdem keine Veranlassung zu einer Wiederholung dieser Geberde des Entsetzens gefunden, es wäre denn, sie thäte es, um ihr Erstaunen über die Veränderung in dem Wesen ihres Stiefkinds auszudrücken. Der Sommer geht vorüber, aber Fritz Teubner nahm längst den Abstieg auf einer anderen Seite und sitzt in Wien eifrig über seinem Ausstellungsbild. Zuweilen erwachen in Cenz die Regungen der alten Ungeberdigkeit, aber nach etlichen leisen Ausbrüchen kämpft sie dieselben nieder. Der Winter ist lang und das Stillsitzen eine harte Aufgabe für Cenz, aber sie hilft der Mutter beim Nähen und Flicken, und Sonntags bedient sie flink die durstigen Bauern und die paar versprengten Städter, die selbst in Schnee und Frost der Leidenschaft, Berge zu besteigen, fröhnen. Endlich kommt der Sommer, und Cenz blickt voll Zuversicht vorwärts. Sie hat, wie manche lang im Wachsthum zurückgebliebene Pflanze, plötzlich in die Höhe zu schiessen angefangen, sie wird gross und hübsch, und alle die alten Kleider mit den unverwischbaren Spuren ihrer Kletterkünste müssen für die kleinen Schwestern übernäht werden. Sie selber geht in schmucken neuen Gewändern, und wäre nicht der eine und der andere der Gäste in der Ausstellung gewesen und hätte sie im goldenen Rahmen sammt der Aufschrift gesehen, ihr alter Spottnamen wäre ganz und gar in Vergessenheit gerathen. Aber wehe dem, der ihn in ihrer Hörweite brauchte, das Zünglein hatte keine Veränderung durchgemacht.

Auch dieser Sommer verging und noch ein Winter, ohne dass Fritz Teubner sein Wort wahr gemacht. Cenz war ein erwachsenes Mädchen geworden, und die jungen Burschen fingen an, sie mit sehr freundlichen Augen anzusehen. Ihr schnippisches Wesen und ihr hübsches Gesicht schien es besonders dem reichen Erben des Thalhofbauern angethan zu haben, er sass so oft und so lange als möglich im Kreuzwirthshaus, spielte mit Cenz' Vater Karten und machte sich der Wirthin angenehm; bei dem jungen Mädchen selbst machte er jedoch keine Fortschritte. Wieder waren die Kirschen reif geworden, und Cenz trug einen Korb voll aus dem Garten in's Haus, da sah sie unter dem Nussbaum einen jungen Menschen mit einem breitrandigen Hute sitzen und musste den Korb hinstellen, sonst wäre er ihren Händen entfallen.

»Grüss Gott, Herr Teubner,« sprach sie, jedoch mit ganz ruhiger Stimme. Er sah auf, zweifelnd, staunend, wie Einer, der seinen Augen misstraut.

»Ja, bist du das wirklich? Die kleine schwarze Cenz? Aber das ist unmöglich!«

»Ja, aus Kindern werden Leut',« lachte sie.