Und da zog er mich an sein treues Herz. Am liebsten hätte er mich, wie ich ging und stand über die Gartenmauer und zu seinen Eltern getragen, um alle Förmlichkeiten abzuschneiden. Aber ich konnte ihm den Gang zu Papa und Mama nicht ersparen, wenn er ihm auch vielleicht schlimmer erschien, als der Marsch in einem Kugelregen.
Er erzählte mir später, er hätte nie längere Gesichter gesehen als die ihren, nachdem er um meine Hand anhielt und, ihrem »Nein« zuvorkommend erklärte, wir seien einig.
»Mein Gott, wir können doch unser Adoptivkind nicht mit dem Sohn unseres Pächters verheirathen,« rief Mama, »was würde die Welt dazu sagen! Es würde heissen, wir hätten sie abgeschüttelt, weil wir nun eigene Kinder haben!« Und Papa hatte mit der schneidenden Ironie, mit der er mich so oft verwundet, eingeworfen:
»Lass' die Leute die Köpfe schütteln. Wir können ihnen antworten: Art lässt nicht von Art, und eine Ente wird durch das beste Beispiel, die sorgfältigste Erziehung nicht zum Schwan!«
Und so sitze ich im Tümpel. Im Ganzen ist mein Leben gar nicht übel, und ich tauschte nicht für die Welt den Schwanenteich zurück. Wenn ich jetzt zuweilen in den Spiegel blicke und mir ein frisches, gerundetes, glückliches Gesicht entgegengrüsst, dann möchte ich schier glauben, die Urkraft habe mich Anfangs doch zum Zierrath bestimmt und sei nur auf halbem Wege stehen geblieben. Aber Balthasar, der arme, verblendete Mann, hält mich thatsächlich für etwas ganz Kostbares und trägt mich auf starken, treuen Händen durch das Leben; und das ist eigentlich mehr, als solch' ein armselig graues Entlein beanspruchen darf.
EIN APRILSCHERZ.
Das Schelmen-Triumvirat nannte uns zur Zeit, als wir unsern wilden Hafer säeten, die Volksstimme in unsrer Künstlerstadt. Zweien von uns, dem Genremaler Karl Schönborn und meiner Wenigkeit, that sie damit entschieden zu viel Ehre an; wir waren keine ebenbürtigen Genossen, wir waren nur die Handlanger des dritten und spielten die Rolle Sancho Pansas, der ganz deutlich sieht wohin die Tollheit seines Meisters führt, und der ihm doch durch dick und dünn folgt. Ja, Ruppert Ahlfeld war unser Meister im Ersinnen toller Possen; wehe dem Menschenkind, das er sich zur Zielscheibe erkoren! Da war vor etlichen Jahren ein Jüngling von äusserst frommer Gemüthsart und tugendhaftem Wandel in unsern Bereiche aufgetaucht, den Blasengel hiessen wir ihn, wegen seines rundlichen, rosigen Gesichts und des goldblonden Gelocks, das ihm wie ein Glorienschein um den Kopf starrte; auf ihn stiess unser Anführer wie ein Fischadler auf einen fetten Karpfen nieder. Es hiess, Hugo Lichtner habe sich mit einem steinreichen Verwandten, der ihn zu seinem Erben machen wollte, entzweit, weil er um jeden Preis Stillleben malen musste. Ich bitte Sie – Stillleben! Wenn es Konradins Tod, oder Orest an der Leiche Klytemnestras, oder Judith und Holofernes gewesen wären, an welche Rupert in jugendlichem Grössenwahn beispiellos viel Farbe und Leinwand verschwendete, das hätte diesem Respeckt eingeflösst, aber sich enterben lassen, um grüne Gurken, einen Teller Trauben, ein Glas mit Goldfischen abzukonterfeien, das konnte er, der sich als Vertreter der grossen Kunst fühlte, dem armen Jungen nicht verzeihen. Für Lichtner hatte der erste April bald 365 Tage; kaum war er mit Mühe und Not einer Schlinge entronnen, dann stolperte er mit dem arglosesten, vertrauendsten Lächeln von der Welt in die zweite hinein.
»Kinder,« erklärte Rupert mit dem salbungsvollen Ton, den er zuweilen annahm, »wenn es uns gelingt, ihm die himmelblaue Binde über den Augen zu lockern, dann haben wir ein grosses Werk vollbracht und verdienen, dass auf unsern dereinstigen Grabsteinen die Worte »Wohlthäter der menschlichen Rasse« eingemeisselt werden.«
Aber unsre Bemühungen erschienen nicht von dem kleinsten Erfolg gekrönt, der Blasengel blieb leichtgläubig und arglos, als wäre er erst gestern aus den Wolken auf die sündige Erde niedergeflattert.
Einmal hatte er uns im Atelier aufgesucht, nachdem sich Professor P., unter dessen Anleitung unser Triumvirat damals arbeitete, in sein Allerheiligstes zurückgezogen. Da ging die Thür auf, und ein kleiner, abscheulicher Seidenpintsch sprang uns kläffend an die Beine. Jeder von uns wäre mit Vergnügen bereit gewesen dem Köter einen herzhaften Fusstritt zu versetzen, allein hinter ihm raschelte ein seidenes Frauenkleid, eine wunderhübsche, junge Dame mit blitzenden Zigeuneraugen, Wangen eines Pfirsichs und einem bezaubernden Stumpfnäschen kam in das Atelier, als hätte sie der Aprilwind hereingeweht, und statt des Fusstritts bückte sich jeder herab, um den Rücken des Scheusals zu tätscheln, das uns zum Dank dafür nach den Fingern schnappte.