34.
Auch die Corregidora ist reizend.

Als der Corregidor und Tio Lucas den Saal verlassen hatten, setzte sich die Corregidora von neuem auf das Sofa, zog die Seña Frasquita neben sich, und sich zu den die Thür füllenden Dienstboten und Polizeidienern wendend, sagte sie mit liebenswürdiger Einfachheit:

»Nun, Kinder, erzählt jetzt, was ihr Schlechtes von mir wißt.«

Rasch drängte der vierte Stand vorwärts, und zehn Stimmen wollten zugleich sprechen; aber die Amme, die doch im Hause die wichtigste Person war, gebot den Übrigen Schweigen und sprach folgendermaßen:

»Sie müssen wissen, Seña Frasquita, daß wir, ich und meine Herrin, heute Nacht mit der Pflege der Kinder beschäftigt waren. Wir warteten auf die Rückkunft des Herrn und beteten, um die Zeit hinzubringen, schon den dritten Rosenkranz, denn Garduña hatte gesagt, daß der Herr einige sehr schreckliche Missethäter verfolge, und da war natürlich nicht eher ans Zubettgehen zu denken, als bis wir ihn unbeschädigt wieder heimkehren sahen — als wir in dem daran stoßenden Alkoven, in dem meiner Herrschaft Ehebett steht, ein Geräusch wie von Leuten hörten. Wir nahmen, halbtot vor Angst, das Licht, um nachzusehen, wer in dem Alkoven herumginge, als wir, o heilige Jungfrau von Carmen! einen Mann sahen, wie mein Herr gekleidet, der er aber doch nicht war (da er ja Ihr Mann war), und der sich hinter dem Bett zu verstecken suchte. ›Räuber!‹ fingen wir an wie wahnsinnig zu schreien, und einen Augenblick nachher war das ganze Zimmer voller Leute, und die Alguacilen zogen den nachgemachten Corregidor aus seinem Versteck hervor. — Meine Herrin, die, wie wir alle, den Tio Lucas erkannt hatte, und, weil sie ihn in den Kleidern des Corregidors sah, fürchtete, er hätte jenen ermordet, erhob ein jämmerliches Wehklagen, das die Steine hätte erweichen können. ›Ins Gefängnis, ins Gefängnis!‹ sagten inzwischen die Übrigen. ›Räuber! Mörder!‹ waren noch die besten Worte, die der Tio Lucas zu hören bekam, und so stand er da wie eine Leiche, an die Wand gelehnt, und brachte kein Wort hervor. Aber als er sah, daß sie ihn ins Gefängnis bringen wollten, sagte er: ›Ich werde es ihnen wiederholen, wenn es auch besser wäre, es zu verschweigen. Señora, ich bin kein Räuber, ich bin kein Mörder; der Räuber und Mörder meiner Ehre ist in meinem Hause und liegt mit meiner Frau im Bette.‹«

»Armer Lucas!« seufzte die Seña Frasquita.

»Die Ärmste bin ich!« murmelte die Corregidora ruhig.

»Das sagten wir alle... Armer Tio Lucas und arme Señora! Weil... denn... nun, wir hatten schon aus kleinen Andeutungen erfahren, daß mein Herr ein Auge auf Sie geworfen hatte, und... na, obgleich niemand sich denken konnte, daß Sie«...

»Amme!« rief die Corregidora streng. »Auf diesem Wege gehts nicht fort.«