In demselben Buch finden wir auch, daß jenes strenge Gelübde und die Weihe der Nasiräer ebenso für Frauen wie für Männer seine Geltung hatte, denn der Herr selbst spricht zu Mose: „Sage den Kindern Israel und sprich zu ihnen: Wenn ein Mann oder Weib ein Gelübde thut, dem Herrn sich zu enthalten, der soll sich Weins und starken Getränks enthalten. Weinessig oder starken Getränks Essig soll er auch nicht trinken, auch nichts, das aus Weinbeeren gemacht wird. Er soll weder frische noch dürre Weinbeeren essen, so lange solches sein Gelübde währet; auch soll er nichts essen, das man vom Weinstock machet, weder Weinkern noch Hülsen, so lange die Zeit solches seines Gelübdes währet“. Dieses Gelübde, glaube ich, hatten jene Weiber auf sich genommen, die an der Thüre des Heiligtums Wache hielten, aus deren Spiegeln Moses ein Gefäß verfertigte, in welchem sich Aaron und seine Söhne waschen sollten, wie geschrieben steht: „Moses stellte ein ehernes Becken auf, daß Aaron und seine Söhne sich daraus wüschen; das er verfertigt hatte aus den Spiegeln der Weiber, die an der Thüre des Heiligtums wachten“. Ausdrücklich wird hervorgehoben die Glut ihres frommen Eifers, mit welcher sie selbst bei geschlossenem Heiligtum nicht von dessen Schwelle wichen, sondern wachend die heiligen Vigilien einhielten, auch die Nacht im Gebete verbringend und von dem Dienste Gottes nicht lassend, während die Männer schliefen. Durch die Erwähnung, daß das Heiligtum ihnen verschlossen war, wird treffend hingedeutet auf das Leben der Büßenden, welche sich von den übrigen Menschen absondern, um sich in reuevoller Buße desto härter anzugreifen. Dieses Leben ist ein besonders deutliches Abbild der mönchischen Lebensweise, in welcher man im großen Ganzen eine mildere Form der Buße sehen kann. Das Heiligtum aber, an dessen Thüre die Frauen wachten, ist das mystische Abbild dessen, wovon der Apostel im Brief an die Hebräer spricht: „Wir haben einen Altar, davon nicht Macht haben zu essen, die der Hütte pflegen“, d. h. an welchem teilzunehmen diejenigen nicht würdig sind, die ihrem Körper, in welchem sie hienieden, als gleichsam in einem Lager, dienen, zur Lüsternheit verhelfen. Die Thür des Heiligtums aber bedeutet das Ende dieses Lebens, wann die Seele vom Körper ausgeht und die Schwelle des ewigen Lebens betritt. Die an dieser Thüre wachen, sind die, welche über den Ausgang aus diesem Leben und über den Eintritt ins zukünftige sich Sorge machen und durch Buße diesen Ausgang also gestalten, daß sie dereinst jenes Eingangs gewürdigt werden. Auf diesen täglichen Eingang und Ausgang der heiligen Gemeinde bezieht sich das Gebet des Psalmisten: „Der Herr behüte deinen Eingang und Ausgang“. Denn unsern Eingang und Ausgang behütet er dann, wenn er uns, die wir von hier ausziehen und vorher durch die Buße uns gereinigt haben, alsbald dort einläßt. Mit Recht aber nennt David den Eingang vor dem Ausgang, nicht sowohl mit Rücksicht auf die Reihenfolge, als vielmehr auf das geringere oder höhere Ansehen der beiden Begriffe. Denn dieser Ausgang des sterblichen Lebens vollzieht sich nur unter Schmerzen, während jener Eintritt ins ewige Leben mit der höchsten Wonne verbunden ist. Die Spiegel der Frauen sind die äußeren Werke, nach denen man die Häßlichkeit oder Schönheit der Seele beurteilen kann, wie man in einem wirklichen Spiegel die Beschaffenheit des menschlichen Angesichtes erkennt. Aus diesen ihren Spiegeln wird ein Gefäß verfertigt, in dem sich Aaron und seine Söhne waschen sollen; dies soll heißen: die guten Werke der frommen Frauen und die Treue des schwachen Geschlechts gegen Gott verurteilen aufs schärfste die Lässigkeit der Priester und Ältesten und veranlassen sie zu Thränen der Reue, und so erwirken die Frauen durch ihre Werke jenen die Gnade, durch welche sie von ihren Sünden reingewaschen werden. Aus solchen Spiegeln hat gewiß der heilige Gregorius sich ein Gefäß der Buße bereitet, als er die Mannhaftigkeit frommer Frauen und das siegreiche Martyrium des schwachen Geschlechts bewundernd mit einem Seufzer fragte: „Was werden die rauhen Männer sagen, wenn sie zarte Jungfrauen solche Leiden um Christi willen ertragen und das gebrechliche Geschlecht aus dem schwersten Kampfe siegreich hervorgehen sehen, so daß man ihm oft die doppelte Krone der Jungfräulichkeit und des Martyriums zuerkennen muß?“
Ich zweifle nicht daran, daß zu den oben erwähnten Frauen, die an der Thüre der Stiftshütte wachen und die als eine Art Nasiräerinnen ihre Witwenschaft dem Herrn geweiht haben, auch jene fromme Hanna gehört, die zugleich mit dem heiligen Simeon gewürdigt wurde, den vornehmsten Nasiräer, unsern Herrn Jesum Christum, im Tempel zu begrüßen und die, was keinem Propheten vergönnt war, zur selben Stunde wie Simeon den Heiland durch Mitteilung des Geistes erkennen, sein Erscheinen anzeigen und öffentlich verkündigen durfte. Ihr zum Lobe erzählt der Evangelist: „Und es war eine Prophetin Hanna, eine Tochter Phanuel, vom Geschlecht Aser. Die war wohlbetagt und hatte gelebt sieben Jahr mit ihrem Mann nach ihrer Jungfrauschaft. Und war nun eine Witwe bei vierundachtzig Jahren; die kam nimmer vom Tempel, diente Gott mit Fasten und Beten Tag und Nacht. Dieselbige trat auch hinzu zu derselbigen Stunde und preisete den Herrn und redete von ihm zu allen, die da auf die Erlösung zu Jerusalem warteten“.
Merke jedes einzelne Wort und sieh, wie der Evangelist sich Mühe giebt mit dem Lob dieser Witwe, und in welch hohen Ausdrücken er ihre Vortrefflichkeit erhebt. Alles ist hier sorgfältig aufgezählt: die Gabe der Prophetin, die ihr verliehen war, ihr Vater, ihr Geschlecht, die lange Zeit ihres gottgeweihten Witwenstandes, welche auf die sieben Jahre folgte, die sie mit ihrem Manne gelebt hatte, ihre Anhänglichkeit an den Tempel, ihr anhaltendes Fasten und Beten, das Lob, das sie dem Herrn spendete, der Dank, den sie ihm darbrachte und ihr öffentliches Reden von dem verheißenen und nunmehr geborenen Heiland.
Auch den Simeon lobt der Evangelist, aber nicht wegen der Gabe der Prophetin, sondern wegen seiner Gerechtigkeit; auch erwähnt er nicht von ihm, daß er in der Tugend der Enthaltsamkeit so stark und im Dienste des Herrn so eifrig gewesen sei, weiß auch nichts davon, daß er andern gegenüber vom Messias geredet habe.
Diesem Stand und Lebensberuf gehören auch jene rechten Witwen an, über welche der Apostel dem Timotheus folgendes schreibt: „Ehre die Witwen, welche rechte Witwen sind.“ Ferner: „Das ist aber eine rechte Witwe, die einsam ist, die ihre Hoffnung auf Gott stellet und bleibet am Gebet und Flehen Tag und Nacht. Solches gebeut, auf daß sie untadelig seien.“ Und weiter: „So aber ein Gläubiger Witwen hat, der versorge dieselbigen und lasse die Gemeine nicht beschweret werden, auf daß die so rechte Witwen sind, mögen genug haben“. Rechte Witwen nennt der Apostel diejenigen, welche ihren Witwenstand nicht durch eine zweite Heirat entweiht haben, oder solche, die aus Frömmigkeit, nicht aus Zwang, in diesem Stande verharrend, sich dem Herrn geweiht haben. Einsam nennt er sie, weil sie allem entsagen und von irdischem Trost nichts mehr erwarten oder weil sie niemand haben, der für sie Sorge trägt. Solche Witwen sollen, nach der Vorschrift des Apostels, geehrt und aus den Mitteln der Kirche unterhalten werden, als aus dem Eigentum ihres himmlischen Bräutigams.
Er bestimmt auch genau, welche von den Witwen zum Diakonissenamte zu wählen seien: „Laß keine Witwe erwählet werden unter sechzig Jahren, und die da gewesen sei Eines Mannes Weib und die ein Zeugnis habe guter Werke, so sie Kinder aufgezogen hat, so sie gastfrei gewesen ist, so sie der Heiligen Füße gewaschen hat, so sie den Trübseligen Handreichung gethan hat, so sie allem guten Werk nachgekommen ist. Der jungen Witwen aber entschlage dich“.
Diesen letzteren Punkt führt der heilige Hieronymus noch weiterhin also aus: „Vermeide es, sie mit dem Diakonissenamte zu betrauen, damit nicht ein böses statt ein gutes Beispiel gegeben werde, wenn Jüngere zu diesem Amt gewählt werden, die der Versuchung leichter zugänglich und von Natur noch schwächer sind: sie möchten sonst, da sie noch nicht ein langes, an Erfahrungen reiches Leben hinter sich haben, denen ein übles Beispiel geben, welchen sie ein Vorbild im Guten sein sollten“. Von dem üblen Beispiel, das durch junge Witwen gegeben werden könne, redet der Apostel so offen, weil er in dieser Beziehung seine Erfahrungen gemacht hatte, und diesem Übelstand will er durch seinen Rat vorbeugen. Nachdem er gesagt hat: „Der jungen Witwen entschlage dich“, fügt er alsbald den Grund und das Mittel zur Abhilfe hinzu, indem er weiter sagt: „Denn wenn sie geil worden sind wider Christum (d. h. trotz Christus), so wollen sie freien und haben ihr Urteil, daß sie die erste Treue gebrochen haben; daneben sind sie faul und lernen umlaufen durch die Häuser; nicht allein aber sind sie faul, sondern auch schwätzig und vorwitzig und reden, das nicht sein soll. So will ich nun, daß die jungen Witwen freien, Kinder zeugen, Haus halten, dem Widersacher keine Ursache geben zu schelten. Denn es sind schon etliche umgewandt dem Satan nach“.
Diese Vorsicht des Apostels in Beziehung auf die Wahl der Diakonissen teilt der heilige Gregorius in seinem Brief an Maximus, den Bischof von Syrakus, in welchem er sagt: „Junge Äbtissinnen wollen wir durchaus nicht; deine brüderliche Liebe möge daher den Bischöfen gebieten, nur Jungfrauen, die das sechzigste Lebensjahr erreicht haben und deren Leben und Sitten erprobt sind, den Schleier zu geben“. Was wir jetzt Äbtissin nennen, nannte man früher Diakonisse, da man sie mehr als Dienerinnen ansah denn als Mutter. Diakon heißt Diener und man hielt dafür, daß die Diakonissen nach ihrem dienenden Amt, nicht nach ihrer bevorzugten Stellung zu benennen seien, wie uns dies der Herr durch sein Beispiel und Wort gelehrt hat, der da spricht: „Wer unter euch der Größeste ist, der soll aller Diener sein“. Und wiederum: „Welcher ist der Größeste, der zu Tische sitzt oder der da dienet? Ich aber bin unter euch wie ein Diener“. Und an einer andern Stelle: „Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, daß er ihm dienen lasse, sondern daß er diene.“ Darum hat auch Hieronymus sich nicht gescheut, kraft göttlicher Autorität den Titel „Abt“, den damals schon viele mit Stolz führten, zu verwerfen. In seiner Auslegung der Stelle des Galaterbriefs: „Der schreiet: Abba, lieber Vater“, sagt er: „Abba bedeutet im Hebräischen ‚Vater‘. Da nun Abba im Hebräischen und Syrischen ‚Vater‘ heißt und der Herr im Evangelium gebietet, man solle niemand Vater nennen, als Gott, so weiß ich nicht, mit welchem Recht wir in den Klöstern entweder andere bei diesem Namen nennen oder uns selber so nennen lassen. Gewiß ist derjenige, welcher dieses Gebot ausgesprochen hat, doch derselbe, der auch gesagt hat: du sollst nicht schwören. Wenn wir nicht schwören, so dürfen wir auch niemand Vater nennen. Wenn wir aber das Wort ‚Vater‘ anders auslegen, so müssen wir notwendig auch über das Gebot vom Schwören anders denken“.
Eine solche Diakonisse war jene Phöbe, welche der Apostel Paulus der römischen Gemeinde so angelegentlich empfahl und für die er folgendes gute Wort einlegte: „Ich befehle euch aber unsere Schwester Phöbe, welche ist am Dienst der Gemeine zu Kenchreä, daß ihr sie aufnehmet in dem Herrn, wie sich’s ziemet den Heiligen, und thut ihr Beistand in allem Geschäft, darinnen sie eurer bedarf. Denn sie hat auch vielen Beistand gethan, auch mir selbst“. Cassiodorius und Claudius, die diese Stelle erklären, sagen ebenfalls aus, daß sie in jener Gemeinde Diakonisse gewesen sei. Bei Cassiodorius heißt es: „Der Apostel deutet an, daß sie Diakonisse der Muttergemeinde gewesen sei. Dieses Amt wird in der griechischen Kirche noch heutzutage von Frauen gleichsam als ein Kriegsdienst des Herrn ausgeübt; auch das Recht zu taufen wird ihnen in dieser Kirche zuerkannt“. Claudius sagt darüber: „Diese Stelle beweist, daß nach apostolischer Verordnung auch Frauen im Dienste der Kirche verwendet wurden. Ein solches Amt bekleidete in der Gemeinde von Kenchreä Phöbe, welche der Apostel so sehr lobt und warm empfiehlt“.
In seinem Brief an Timotheus rechnet er solche Frauen unter die Diakonen selbst und giebt ihnen ganz ähnliche sittliche Verhaltungsmaßregeln. Er sagt dort an einer Stelle, bei der Besprechung der verschiedenen Abstufungen kirchlicher Ämter, indem er vom Bischof auf die Diakonen zu sprechen kommt: „Desselbigen gleichen die Diener sollen ehrbar sein, nicht zweizüngig, nicht Weinsäufer, nicht unehrliche Handtierung treiben, die das Geheimnis des Glaubens in reinem Gewissen haben“. Ferner: „Und dieselbigen lasse man zuvor versuchen, danach lasse man sie dienen, wenn sie unsträflich sind. Desselbigen gleichen ihre Weiber sollen ehrbar sein, nicht Lästerinnen, nüchtern, treu in allen Dingen. Die Diener laß einen jeglichen sein Eines Weibes Mann, die ihren Kindern wohl vorstehen und ihren eigenen Häusern. Welche aber wohl dienen, die erwerben ihnen selbst eine gute Stufe und eine große Freudigkeit im Glauben in Christo Jesu“.