Mademoiselle Myosa, das Original mit dem tiefen wunderbaren Blick, in dem direkt eine Art von fanatischer Tanzmission glüht und fiebert, ist von unbeschreiblicher Anmut. Die übrigen Tänzerinnen tanzen, aber sie ist der Tanz selbst, sie versinkt, ertrinkt im Tanzen. Sie existiert nicht mehr. Sie kann sich, auch im Leben, in nichts anderm äußern. Man hat die Empfindung: sie ißt nicht, sie trinkt nicht, sie schläft nicht, sie will kein Geld und keine sonstigen scheinbar unentrinnbaren Leidenschaften — — — sie will tanzen, tanzen, tanzen! Der Fisch will Wasser, nur Wasser; und sie will den Tanz, nur den Tanz! Sie ist das erste Tanzgenie, das ich je erblickt habe, wegen ihrer fast pathologischen Konzentration. Sie rührt und macht erstaunen. Hat Gott die Welt nur erschaffen, damit Myosa sich darin austanze?! »Ja!« sagen ihre düstern Blicke. Sie hat Bewegungen, die man noch nie bei einer Tänzerin gesehen hat, wie wenn oft ihr wunderbarer kindlicher Leib von einer inneren Macht gezwungen würde. Dabei ist sie ununterbrochen verzweifelt, daß es in diesem Vergnügungsetablissement nicht still und feierlich ist während ihres heiligen Tanzens wie in einer Kirche; sprechen, lachen, verletzt sie tödlich; ein Zug unaussprechlichen ergreifenden Leidens ist da mitten im Tanzen auf ihrem herrlichen Antlitz. Da haßt sie die Menschen und die Welt! Sie ist eine tragische Persönlichkeit, feindselig und abhold dem leichten Dasein der Stunde. Sie ist ein Phänomen, eine Einzige, eine in sich Gekehrte, starre Unerbittliche des Tanzes! Und das alles dort, wo man sich bei uns amüsieren, zerstreuen will!? Arme, arme Myosa — — —!

IM STADTPARK

Als Kinder saßen wir Abend für Abend mit unsern geliebten Eltern im Stadtpark, im Kursalon. Wir bekamen Eis und Hohlhippen und hatten keinerlei Sorgen. Der Vater geht nun seit Jahren nicht aus seinem bequemen Zimmer mehr heraus, und die Mutter nicht aus dem bequemen Totenschrein. Ich, glatzköpfig und sorgenvoll, komme nun in den Stadtpark, Kursalon, auf die Terrasse, an denselben Tisch, an welchem wir einst sorgenlos mit den geliebten Eltern saßen. Ich bestelle dasselbe Eis, Himbeerschokolade, wie als Kind, mit recht vielen und knisternden, also frischen Hohlhippen. Vor mir die Gartenbeete wie einst, ein bißchen bunter, origineller. Ich sehe Eltern mit ihren Kindern. Sie zanken und schelten. Unsre Eltern zankten und schalten nie, nie. Vielleicht war es schlecht, daß sie es nie taten, aber sie hatten Achtung vor ihren eigenen Erzeugnissen, und Zuversicht! Wir haben sie enttäuscht; aber sie haben es hingenommen als Schicksal und Verhängnis. Wir haben ihre Tränen, die sie um uns weinten, nie gespürt — — —. Nun sitze ich, Glatzköpfiger, Sorgenvoller, wieder im Stadtpark, im Kursalon, auf der Terrasse, an demselben Tisch wie einst mit den geliebten Eltern, esse dieselbe Portion Himbeerschokolade wie einst, mit vielen knisternden, also frischen Hohlhippen — — —. Die Gartenbeete, auf die ich herabblicke, sind ein wenig bunter, origineller. Aber sonst hat sich nichts verändert, in den Zeiten vom dummen Kind zum müden Mann! Ich sehe Eltern, die ihre Kinder im Park schelten; unsre Eltern schalten uns nie; sie erhofften es, daß wir sie einst belohnen würden für ihre Güte; aber wir taten es nicht. Wir hatten eine schöne Kinderzeit; so tauchen wir denn hinab in Erinnerungen, da wir vom seienden Tage nicht leben können. Wir hatten allzu sanftmütige, hoffnungsfreudige, schicksalergebene Eltern. Es war ein Fluch und ein Segen! Man kann nun an Zeiten zurückdenken, die paradiesisch waren — —. Nicht jeder, der vor sich das Dunkel sieht, kann liebevollen Herzens der lichten Zeiten dankbar sich erinnern — — —.

EHEBRUCH

Ich verzeihe dir! Vier Tage und vier Nächte habe ich mich durchgerungen. Die Nächte besonders waren voll von Qual. Wenn du gewußt hättest, was du mir angetan hast an Leid, du hättest es wahrscheinlich nicht getan. Aber ihr wißt es eben nicht, wollt, könnt es nicht wissen! Unser verstörtes Antlitz sagt euch nichts. Prügel sind der Ausbruch für euch unserer verletzten Eigenliebe. Und sogar Mord ist doch in Eueren Augen nur Rachgier! Unsere Zärtlichkeit könnt ihr nicht ahnen, die wir für euer Leben haben, wie jedes Muttertier für seine Jungen, oder wie der Storch, der sich auf dem brennenden Dache niederläßt, um mit den Jungen, die er nicht mehr erretten kann vor Qualm und Hitze, selbst zu verbrennen! So sind wir mit euch! Mit euch verbrennen, wenns keine Rettung gibt — — —. Das zarte Nest ist in Gefahr, das wir euch errichtet mit allen Mühen unseres armen Lebens; das Nest ist in Gefahr — — —. Ich will dich retten, doch der Qualm betäubt mich. Anita, oh Anita — — —! Vier Tage und vier Nächte hab’ ich mich durchgerungen. Die Nächte besonders waren voll von Qual. Ich will dich retten vor dir und vor den anderen! Ich liebe dich, es bleibt mir keine Wahl — — —. In mir sind Gottes Zärtlichkeiten für jedes Geschöpf, konzentriert auf dich! Bis du es aber spürst, vergehen Jahre, Jahre. Mir ist die Kraft verliehen, an deiner Bahre, in deinem toten Antlitz noch verständnisvollen Dank mir endlich zu erspähen! Vier Tage und vier Nächte hab ich mich durchgerungen. Die Nächte besonders waren voll von Qual. Ich liebe dich, es bleibt mir keine Wahl. Wir wollen den Schmerz begraben, der uns begrub — — —. Nimm also dein neues Kleid, wir wollen zu fremden Menschen gehen, die fröhlich sind, Geliebte!

HAMSUN-MENSCHEN

Ich habe irgendwo einen geistreichen Essay gelesen — leider geist-reich, aber wahrheits-arm — über das Wesen der sogenannten Hamsun-Menschen, das heißt: jener Menschen, die Hamsun in seinen Romanen beschreibt.

Es sind nämlich ganz einfach Menschen, die die Lächerlichkeit des menschlichen Geistes und der menschlichen Seele durchschaut haben und dahinter gekommen sind, daß alles öder Mumpitz ist! Ich bin überzeugt, daß Shakespeare die Eifersucht des Othello, den Ehrgeiz des Macbeth, die Liebe des Romeo für ebenso lächerliche und wertlose Dinge, für übertriebene Irrsinne, für groteske Stupiditäten von Monomanen oder Paralytikern gehalten habe; nur hatte er damals noch die sogenannte gesunde Kraft, aus diesen Irrsinnen scheinbar menschliche Dramen zu fabrizieren! Hamsun hingegen hält Markensammler, Münzensammler und Liebesleute für lächerliche Persönlichkeiten, und nichts in der Welt kann ihm ein Interesse abgewinnen als die schändliche und infame Lächerlichkeit, mit der alle Menschen die ihnen wichtig erscheinenden Dinge auch ernstlich für wichtig halten! Diejenigen Unglückseligen, die in der Mitte schwanken zwischen der Bejahung und Negierung des Daseins, machen sich ein Geschäft daraus, Hamsun-Menschen fälschlich erklären zu wollen, indem sie selbst weder den Mut haben, bejahende Normalmenschen noch negierende Perverse zu sein. Der sogenannte gesunde Mittelweg ist die Straße des feigen Idioten. Er allein ist der ungerechte und ewig mißtrauische Nichtsversteher! Sie wollen in den Abgründen des Daseins sich ein Pfädchen herausschinden, auf dem sie scheinbar noch sicher dahin schreiten könnten! Aber vergeblich! Es handelt sich nur um einige Jahre, und auch sie werden zur Browningpistole innerlich greifen müssen. Hamsun erkannte die Nichtigkeit, die Lächerlichkeit, die Bösartigkeit, die Gemeinheit des Lebens in jeder Minute, in jeder Stunde, an jedem Tage; aber die, die noch nicht die Kraft haben, das ganz zu erfassen, klammern sich an irgend einen Popanz fest, der sie hoffentlich irgend einmal zugrunde richten wird.

Hamsun-Menschen haben ganz einfach einen milliardenmal tiefem Einblick in die Lächerlichkeit und Wesenlosigkeit des Daseins, als die andern Menschen, und derjenige, der sich aus diesen unentrinnbaren Wahrheiten herausretten will, beweist damit nur die Feigheit, daß er mit einem wertlosen Leben den wertlosen Kampf noch immer vergeblich aufnimmt. Alle Menschen sind Münzen- und Markensammler, und wer ihre absolut wertlosen Irrsinne nicht erkennt, ist ein ebensolcher Idiot, wenn er auch in seelischer und geistiger Beziehung andre, aber ebenso wertlose Sammlungen anlegt! Sich über die letzten Erkenntnisse eines Hamsun-Gehirns hinüberschwingen zu wollen, ist die infamste Feigheit eines Menschen, der nicht imstande ist, eine Stunde lang ein wahrheitsvolles Leben zu führen.

Das Leben ist eine feige Lächerlichkeit, mit frechen Ambitionen, und es gehören alle Verlogenheiten der menschlichen Seele und des menschlichen Geistes dazu, um es auch nur eine Minute lang ernst zu nehmen! Strindberg wußte, was er von Frauen zu halten hatte, die, statt ihn zu schützen und zu schonen, ihm seine göttlichen Kräfte auf allen Wegen und Stegen zu rauben suchten. Er hatte die Genialität, an die Anständigkeiten der Frau zu glauben, fand aber nur herzlose Tyranninnen, die die Schwächen selbst der genialen Organisation auf perfideste und heimtückischste Weise ausnutzten! Was August Strindberg dichtete und dachte, war ihnen eine nebensächliche Erscheinung, aber sein persönliches Liebesleben kontrollierten sie mit ihren unfähigen und niedrigen Sinnen! Alle Männer sollten wie Strindberg es erhoffen, daß man ihre edelsten Kräfte schonen und schützen werde, und sie nicht ausnutzen werde zur gemeinen Bequemlichkeit des Tages- und Nachtlebens. Eine Frau, die auch nur eine Stunde lang einen August Strindberg quälte, wäre wert, von der ganzen Menschheit boykottiert und gefoltert zu werden, denn für ihre Glückseligkeit würde der Kommis einer Seidenfirma bessere Dienste leisten! Sie rächt sich in ihrem ewigen Vier-Wochen-Turnus an den ewigen Entwicklungsfähigkeiten des Mannes, und das Genie Strindbergs bäumte sich für hunderttausend gequälte andre Genies auf gegen den Mangel an Respekt einer geliebten Frau vor der Geistigkeit des Mannes!