»Jetzt schläft er passabel,« flüsterte das Weib, nach dem Kranken deutend. »Vorhin hat er allweg Fäden aus der Decke gezupft.«
Ich wußte, daß man es für ein übles Zeichen auslegt, wenn ein Schwerkranker an der Decke zupft und kratzt; »da kratzt er sich sein Grab«. Ich entgegnete daher: »Ja, das hat mein Vater auch gethan, als er im Nervenfieber ist gelegen. Ist doch wieder gesund worden.«
»Das mein' ich wohl auch,« sagte sie, »und der Herr Pfarrer hat dasselbe gesagt. – Bin doch froh, die Beicht hat der Seppel recht fleißig verrichten mögen, und ich hab' jetzt wieder rechtschaffen Trost, daß er mir noch einmal gesund wird. – Nur,« setzte sie ganz leise bei, »das Spanlicht leckt alleweil so hin und her.«
Wenn in einem Hause das Licht unruhig flackert, so deutet das der Glaube des Volkes: es werde in demselben Hause bald ein Lebenslicht auslöschen. Ich selbst glaubte an dieses Zeichen, doch um die Häuslerin zu beruhigen, sagte ich: »Es streicht die Luft alles zu viel durch die Fensterfugen; ich verspür's auch.« Sie legte das schlummernde Kind auf das Stroh; auch das Mädchen, welches mich geholt, war schon zur Ruh gegangen. Wir verstopften hierauf die Fensterfugen mit Werg.
Dann sagte das Weib: »Gelt, Peter, Du bleibst mir da über die heutige Nacht; ich wüßt mir aus Zeitlang nicht zu helfen. Wenn er munter wird, so liest uns was vor. Gelt, Du bist so gut?«
Ich schlug das Buch auf und suchte nach einem geeigneten Lesestück. Allein, Pater Cochem hat nicht viel geschrieben, was armen, duldenden Menschen zum Troste sein könnte. Pater Cochem meint, Gott wäre unendlich gerecht und die Leute wären unsäglich schlecht, und neun Zehntel der Menschen liefen schnurgerade der Hölle zu.
Es mag ja wohl sein, dachte ich mir, daß es so ist; aber dann darf man's nicht sagen, die Leute thäten sich nur grämen, und des weiteren blieben sie leichtlich so schlecht wie früher. Wenn sie sich bessern hätten wollen, so hätten sie's längst schon gethan.
Die schreckhaften Gedanken gingen wie eine zischelnde Natter durch das Cochem'sche Buch. Fürwitzigen Leuten gegenüber, die mich nur anhörten der »lauten Predigerstimm'« wegen, donnerte ich die Greuel und Menschenverdammung recht mit Vergnügen heraus; wenn ich aber an Krankenbetten aus dem Buche las, da mußte ich meine Erfindungsgabe oft sehr anstrengen, daß ich während des Lesens die harten Ausdrücke milderte, die schaudererregende Darstellung der vier letzten Dinge mäßigte und den grellen Gedanken des eifernden Paters eine freundlichere Färbung geben konnte.
So plante ich auch heute, wie ich, scheinbar aus dem Buche lesend, dem Meisen-Sepp aus einem anderen Buche her Worte sagen wollte von der Armut, von der Geduld, von der Liebe zu den Menschen und wie darin die wahre Nachfolge Jesu bestehe, die uns – wenn die Stunde schlüge – durch ein sanftes Entschlummern hinüberführe in den Himmel.
Endlich erwachte der Sepp. Er wendete den Kopf, sah sein Weib und seine ruhenden Kinder an; dann erblickte er mich und sagte mit lauter, ganz deutlicher Stimme: »Bist doch gekommen, Peter. So dank Dir Gott, aber zum Vorlesen werden wir heut' wohl keine Zeit haben. Anna, sei so gut und weck' die Kinder auf.«