»Von wegen der Marterwunden Deiner rechten Hand, Du kreuzsterbender Heiland, thu' meine verstorbenen Eltern erretten, wenn sie noch in der Pein sind. Schon der Jahre ein halbes Hundert sind sie in der Erden, und heut noch hör' ich meinen Vater rufen um Hilf' mitten in der Nacht. – Von wegen der Marterwunden Deiner linken Hand laß' Dir empfohlen sein meiner Tochter Seel'. Sie hat kaum mögen die Welt anschauen, und wie sie dem lieben Gatten das Kindlein in die Hand will legen, da kommt der bittere Tod und thut sie uns begraben. – Von wegen der Marterwunden Deines rechten Fußes will ich Dich bitten wohl im Herzen für meinen Mann und für meine Blutsfreund' und Gutthäter und daß Du den Waldbauernbuben nicht wolltest vergessen. – Von wegen der Marterwunden Deines linken Fußes, Du kreuzsterbender Heiland, sei auch eingedenk in Lieb' und Gnaden all' meiner Feinde, die mich mit Händen haben geschlagen und mit Füßen haben getreten. Dich haben verblendete Menschen gekreuzigt bis zum Tode, und hast ihnen auch wohl vergeben. – Von wegen der Marterwunden Deines heiligen Herzens sei zu tausend- und tausendmal angerufen: Du gekreuzigter Gott, schließe mein Enkelkind in Dein göttliches Herz. Sein Vater ist bei den Soldaten in weitem Feld, ich hab' 'leicht kein langes Verbleiben, Du mußt dem Kind ein Vormund sein, ich bitte Dich …!«
So hatte sie gebetet. Die roten Kerzen brannten so fromm. – Ich hab' gemeint zur selben Stund': wenn ich der lieb' Herrgott wäre, ich stieg herab vom Himmel und thät das Kind nehmen in meine Händ' und thät sagen: Auf daß Du's siehst, Drachenbinderin, ich halt's an meinem Herzen warm und will sein Vormund sein! – Ich wollt' ihm wachsen lassen weiße Flügel, daß es könnt' fliegen in das schönste Land.
Aber ich bin der lieb' Herrgott nicht gewesen.
Nach einer Weile sagte das Weib: »Jetzt heben wir zu schreiben an.« – Aber wie wir wollten zu schreiben anheben, da war keine Tinte, keine Feder und kein Papier. Allmiteinander hatten wir darauf vergessen.
Die Alte stützte ihren Kopf auf die flache Hand und murmelte: »Das ist schon ein Elend!«
Ich hatte einmal das Geschichtchen gehört von jenem Doktor, der in Ermanglung der Dinge sein Rezept an die Stubenthür geschrieben. – 's war hier der Nachahmung wert; fand sich aber keine Kreide im Haus. Ich wußte mir keinen Rat, und ich schämte mich unsagbar, daß ich ein Schreiber ohne Feder war.
»Waldbauernbub,« sagte das Weib plötzlich, »'leicht hast Du's auch mit Kohlen gelernt?«
Ja, ja, mit Kohlen, wie sie auf dem Herde lagen, das war ein Mittel.
»Und das ist in Gottesnamen mein Papierblatt,« versetzte sie und hob die Decke eines alten Schrankes empor, der hinter dem Ofen stand. In dem Schranke waren Lodenschnitzel, ein Stück Linnen und ein rostiger Spaten. Als die Drachenbinderin bemerkte, daß ich auf den Spaten blickte, wurde sie völlig verlegen, deckte ihr altes Gesicht mit der braunen Schürze und murmelte: »'s ist doch eine Schande!«