„Wohl,“ sagte der Meister, „die alte Darstellung mit den sieben Messern in der Brust ist albern und lächerlich, abgeschmackt im höchsten Grade – läßt sich mit der Kunst nimmer vereinen.“

„Thäten aber doch bitten,“ versetzte das Grauhaupt, „thäten ja die Ueberkosten gern extra bezahlen –“

„Eine solche Bestellung lehne ich dankend ab,“ sagte der Bildner und erhob sich; „wollt Ihr Fratzen haben auf Euren Altären, so seid Ihr bei mir am unrechten Mann.“ Sein Gesicht war dunkelroth, das Künstlerthum in seiner Seele war beleidigt.

Die Männer aus dem Dorfe schlichen achselzuckend davon.

Der Meister meißelte an seinem Lindenholze weiter. Aber nicht lange. Sein Arm zitterte, er legte das Werkzeug aus der Hand und starrte auf die Statuen hin, die an den Wänden aufgestellt waren. Der ganze sinnenlebendige Mythus der Griechen war hier verkörpert. Aber des alten Mannes Blick hing heute nicht an der lieblichen Eos, nicht an der hehren Pallas Athene, nicht an dem ehrwürdigen Zeus, nicht an den heiteren Gestalten der Musen; etwas länger weilte er an den finsteren trotzigen Recken der deutschen Göttersagen. – Tretet aus Eurer Starrniß und stürzet die Götzen der Nachkommen! – Das war vielleicht des Greises Gedanke. Endlich verließ er die Werkstätte und ging in das Freie.

An der schattigen Rückseite des Hauses, gegen den sonnengoldigen Tannenschachen gekehrt, stand ein anderes Bild. Es war eine junge, lieblich schöne Gestalt, halb noch Knabe mit frischen, vollen, trotzigen Lippen, mit aufgeweckter, stolzer Körperhaltung; halb Jüngling mit zarten, weithin gegossenen Locken, mit großen, schwärmerisch seligen Augen. Die Gestalt, in ein sich gefällig schmiegendes Schäferkleid gehüllt, war ein wenig vorgebeugt; am linken Arme trug sie eine Tafel, in der rechten Hand hielt sie einen Stift. So stand sie in ihrer Unbeweglichkeit da und betrachtete den herrlich leuchtenden Wald.

Die finstere Wolke verschwand auf des Meisters Stirn; er hielt seinen Schritt an und blickte wohlgefällig auf dieses freundliche Bild.

Nach einer Weile rief er den Namen: „Aladar!“

Da löste sich die Unbeweglichkeit der Gestalt, sie hüpfte heran und sagte mit heller Stimme:

„Vater, jetzt habe ich es erfaßt, was in den Wipfeln der Tannen ist. Aber sag’, hab’ ich es wohl auch ganz erfaßt?“