Mit dieser zweifelumschatteten Zuversicht hielt der Knabe die Tafel seinem Vater hin.
Der Meister betrachtete die Zeichnung; dabei wurde sein Angesicht fast furchenlos und er sagte die Worte: „Es ist gut. Aber höre: ganz hast Du es nicht erfaßt, was in den Wipfeln der Tannen ist. So geht es immer. Der Junge rechtet mit der Gegenwart, der Alte mit der Vergangenheit; der Junge mit der Natur, der Alte mit der Kunst; aber mich will es zuweilen bedünken, beide ringen vergebens. Wohl, mein Sohn, und es ist gut. Der Künstler darf in seinem Werke nie die volle Befriedigung finden; steht das Ideal seines Zieles nicht über dem Erreichbaren, so steht es zu tief. Das gilt besonders in der bildenden Kunst. Aus dem Nichtbefriedigtsein entspringt das ersprießliche Streben. Komm, Aladar, Du sollst das Gedeihen meines Helios schauen.“
Sie gingen in das Haus und standen vor dem Lindenklotz, an dem der Alte vorhin gearbeitet hatte. Aus dem rauhen Holze starrte ein Antlitz hervor, zwar noch herb und eckig, aber in seinen Hauptpartien doch edel und scharf markirt.
Der Bildner schien den bösen Eindruck des Morgenbesuches nun vergessen zu haben. Sein Blick lag freudig auf der allerdings noch sehr unvollendeten Arbeit und auf dem Jüngling, der die Holzsäule still und eingehend betrachtete.
„Der Gedanke in mir, das Sinnbild des Licht- und Flammengottes darzustellen, ist vielleicht dreimal so alt, als Du, mein Junge,“ sagte der Meister. „Aber das Geschick meines Lebens hat mich niemals zu jener Ruhe und Klärung kommen lassen, die zu einem solchen Versuche durchaus nöthig ist. Nur die kurzen Tage, die mir an Deiner Mutter Seite zu leben gestattet waren, hätten dazu vielleicht die Helle und Begeisterung geboten, nicht aber die Ruhe. Es ist in Stunden hochwogender Glückseligkeit, sowie in Tagen wilder Qual noch kein Kunstwerk geschaffen worden. Mir sind solche Zeiten nun vorüber und in diesen stillen Nachsommertagen habe ich mich endlich an meinen Lieblingsgedanken gemacht. Der Gottheit, die uns das Licht gegeben hat und von deren flammendem Wagen Prometheus das Feuer geholt – das göttlichste und wunderbarste der Elemente – dieser Gottheit will ich das letzte Werk meines Schaffens weihen, ehe ich eingehe zur ewigen Nacht.“
Die letzten Worte waren in großer Gefühlsbewegung gesprochen. Aladar’s dunkle Augen sogen jedes Wort von den Lippen des Vaters und sie entflammten in Begeisterung. Der Jüngling legte seinen Arm um die Statue, und als der Meister aufgehört zu reden, sagte er: „Mein Vater, Du hast heute wieder ein Wort gesprochen, das ich nicht recht verstehen kann. So erzähle mir endlich von Deiner Vergangenheit und von meiner Mutter.“
„Du wirst noch zu jung dazu sein,“ antwortete der Greis.
„Ich weiß das nicht. Ich bin erwachsen und schon ein Mann; ich werde morgen sechzehn Jahre alt.“
Nach einer Weile entgegnete der Vater: „Daß man aufblühende Blumen nicht in den Schatten stellen soll, das weißt Du. So hätte ich Dich gern verschont, mein Kind, und Dich blühen lassen im Sonnenlichte. Ich wollte Dich nicht vorzeitig aus dem Arkadien Deiner Kindheit verstoßen, so sehr es mich oft gedrängt hat, mich ganz und voll Dir mitzutheilen. Nun, ich sehe, Du wendest Dich freiwillig von den kindlichen Freuden und bist ernst und männlich geworden schier vor der Zeit. So will ich Dir auf Dein Begehr, und da es doch einmal sein muß, zu Deinem sechzehnten Geburtstage das Angebinde des Schmerzes machen. Morgen zur Nachmittagszeit, wenn die Sonne hinter die Wipfel des Tannenwaldes wird gezogen sein, wollen wir mitsammen niedersteigen in das Thal.“