Ein Weiteres von dieser Sache wurde heute nicht mehr gesprochen. Jeder ging an seine Arbeit. Der Meister meißelte an seinem Helios, und Aladar – das Bedürfniß des Tages ist stets der Herr im Hause – wirthete in der Küche.

Und am anderen Tage, als die Sonne hinter die Wipfel des Tannenwaldes gezogen war, wurde das einsame Haus auf der Bergeshöhe verschlossen und der Greis und der Jüngling stiegen niederwärts gegen das Thal.

Aladar hatte vom Hause weg kein Wort mehr gesprochen; auch der alte Mann schritt stumm dahin. Gar die Waldvöglein schwiegen zu dieser Tageszeit; nur daß zuweilen vom Tanne her das eintönige Hacken eines Spechtes vernehmbar war. „Selbst im Walde ist kein Sang mehr, ist nur das harte Pochen der Arbeit!“ sagte der Bildner. Eine Hummel summte über das grüne Heidekraut; da stand der alte Mann still und flüsterte: „Hörst Du die Glocken läuten?“

Der Bursche gab keine Antwort. Und als sie weiterschritten, hub der Mann an zu reden:

„In einem Thale jenes Gebirges, welches das weite Ungarland gegen Mitternacht hin begrenzt, bin ich geboren worden. Mein Vater war Hirt und hütete die Pferde des Gutsherrn. Auf wilden Pferden bin ich gesessen und habe sie gebändigt. Den Gutsherrn habe ich unsäglich gehaßt, denn er hatte einmal meinen Vater schlagen lassen bis auf’s Blut. Gewesen ist’s des einen Wortes wegen, das mein Vater gesprochen: Herr, unsereins ist auch ein Mensch, und es ist himmelschreiend, wie wir unterdrückt werden! So ein Wort hat früher schwerer gegolten, wie drei Todtschläge. Dazumal – Aladar, und das ist noch nicht lange her, diese junge Eiche hier ist noch in den Tagen der Knechtschaft aus der Erde gesprossen – dazumal hat der Gutsbesitzer willkürlich verfügt, nicht blos über seine Pferde und Schweine, sondern auch und weit rücksichtsloser noch über seine Unterthanen. Meine Mutter soll ein schönes Weib gewesen sein; als sie starb, war ihr letztes Wort zu mir: „Emanuel, und halte Deinen Nährvater in Ehren!“ – Mich hat dieses Wort in eine große Wirrniß gesetzt; aber meinem Vater, dem armen schutzlosen Hirten, bin ich treu gewesen, und zutiefst im Herzen habe ich geschworen mitten unter den wiehernden Rossen: „Die blutigen Streiche sollen nicht vergessen sein!“ – Gar bald bin ich von dem alten Manne gerissen worden, ich weiß heute noch nicht wie; nur das weiß ich, mit meinem Willen ist es damals nicht geschehen. Ich mag wohl irgend welche geistige Anlage gehabt haben; ich erinnere mich nur, daß ich nicht mit meinen Genossen hielt, daß ich sie aber beeinflußte. Auch schwebt es mir noch vor, daß ich als Hirte aus dem Lehme der Heide allerlei Gestalten formte. War das die Ursache, oder war es, weil ich unter meinen Standesgenossen mehrmals Aufwiegelungsversuche gegen den Gutsherrn gewagt hatte, die indeß stets armselig zu Schanden geworden sind – oder war es ein anderer Grund, kurz, ich wurde entfernt und bestraft, wie so großmüthig noch kein Thunichtgut bestraft worden ist. Der Gutsbesitzer ließ mich in die Hauptstadt Pest bringen und dort in eine Lehranstalt stecken. Anfangs war ich hier wie vom Himmel gefallen, wußte gar nicht, was das Alles zu bedeuten. Bald aber sah ich die gute Wendung ein.

„Ich habe lange und mit Liebe studirt. Nach wenigen Jahren schon war ich aus mir herausgewachsen. Ich sog den Geist der Alten ein und auch die Ideen der Neuen; das entzweite mich anfangs, ich empfand die Nothwendigkeit, daß hier eine Brücke gebaut werden müsse, und ich fand, daß nach den Gräueln zweier finsterer Jahrtausende sich die Welt wieder anschickt, in die Fußstapfen der Alten einzulenken. In dieser Zuversicht atzte ich mein Herz an dem ewigen Schönheitsidole des alten Hellas und seiner heiteren Weisen, und in diesem Bewußtsein habe ich mich mit jauchzender Seele der bildenden Kunst ergeben. Nach zwölf Jahren arbeitete ich in klingendem Marmor. Meine Bilder wurden aufgestellt in Palästen.

„Jetzt wäre ich glücklich gewesen, aber das Wort der sterbenden Mutter hat mir im Herzen gebrannt. Und wehe dem Kinde, vom Verhängnisse berufen, seine Mutter etwa an seinem Vater rächen zu müssen!“

Der Greis schwieg. Sie gingen durch jungen, duftenden Anwuchs hinab, der dichter und höher wurde und endlich die Wandelnden in seine Schatten hüllte. Der Boden war steinig und von Wurzelarmen durchzogen. Da sagte der Vater zu seinem Sohne: „Habe Acht, daß Du nicht strauchelst!“

Endlich fuhr er in seiner Erzählung fort: