„Einst zur Sommerszeit kehrte ich in mein Heimatsthal zurück. Der alte Hirt – mein Vater – war begraben, seine Hütte verfallen. Aber ich wohnte ja im Schlosse und der Gutsherr ging mit mir Arm in Arm. Ich empfand stets, ich hatte durch das Studium meinen Beruf glücklich getroffen, aber ich fühlte gegen meinen Wohlthäter nicht die begeisterte Dankbarkeit, die ich wohl schuldig gewesen sein mochte. Mehrmals wollte ich den Herrn Arm in Arm auf den Kirchhof führen und zu einem Mauerwinkel hin, wo Nesseln wuchsen – unter denen meine Mutter lag. Er folgte mir nicht. – Zerstreuung, oder was man so nennt, gab es genug; der Gutsherr war ein Meister des Vergnügens. Würfeln und Schwelgen wußte er hoch zu betreiben; auch die Prügelbänke und den Galgen zählte er zu den Gegenständen seines Ergötzens. Einst ließ er zu Ehren eines erlauchten Gastes drei eingefangene Korndiebe ohne gesetzliche Aburtheilung an den Platanen des Lustgartens hängen. – Wohl, mein Sohn, es ist schade um Deine rothen Wangen, die ich jetzt verblassen sehe; aber sei ein Mann und höre mich weiter. – Eines Tages während meiner Anwesenheit im Thale war große Hirschjagd. Die Treiber waren schon zwei Tage und Nächte ununterbrochen bei Sturm und Regen in ihrem über Berg und Thal gezogenen Kreise gestanden, um das zusammengedrängte Hochwild einzuschließen. Die Jagd begann, wir durchbrachen auf unseren Rossen den Kreis; die Hörner schrillten, die Schüsse knallten von allen Seiten und das Johlen der leidenschaftlichen Jägerrotte gellte fast unheimlich durch die Waldung. Ich hielt mich abseits, mir war nicht um Schuß und Wild zu thun; ich band das Roß an eine Eiche und lagerte mich auf einen stillen, schattigen Anger und lauschte einer Quelle. Einen unsäglichen Ekel hatte ich vor dem Treiben dieser rohen, der crassen Willkür ergebenen Gesellen, die sich die Großen des Landes nannten. Unter den Schatten jener Eichen beschloß ich, keinen Tag länger in der Gegend zu verbleiben, sondern wieder dem geistigen Leben der Hauptstadt zuzueilen. Da hastete keuchend ein Mädchen durch das Dickicht heran, wild aufgeregt, mit zerfetzten Kleidern, blutenden Gliedern und angstglühenden Augen. Ein junges, kaum erwachsenes, schönes, merkwürdiges Mädchen, Aladar! – Vor meinen Füßen ist es zu Boden gestürzt, hat mich angefleht um meinen Schutz. Es war seiner Schönheit willen verfolgt von Jägern, eingeschlossen von dem Kreise der Treiber. – Das Kind hat seine Noth noch kaum in Worte gefaßt, so durchbrechen Pferde das Gestrüppe, zwei Reiter sprengen lachend auf das Mädchen zu; einer davon ist mein Gutsherr. Ich erraffe mein Doppelgewehr: „Hat solches Wild Vater Nimrod gejagt? Ihr Buben, wollt Ihr’s wagen, das Kind ist in meiner Hut!“ – Lachend ritten sie davon, aber ich sah es wohl, wie mein Gutsherr in stiller Wuth erblaßt war. Das Mädchen geleitete ich in sein Haus; es war sehr armer Leute Kind, das jeden Tag in den Wald ging, um wilde Früchte zu sammeln. Ich sah die Gefahren, die von diesem Tage ab doppelt über dem schönen Wesen schweben würden, und ich beschloß, es zu schützen. Allein noch an demselben Abend ließ mich mein edler Gönner und Gastherr in ein Gemach führen, das nur von außen zu schließen ist. Es war gar fest und sicher eingewölbt und das Fensterchen kräftigst vergittert; aber der Blick meiner Augen flog doch hinaus, und über der Hofmauer dämmerte der Bergwald herein – der Bergwald, in dem die Klause der armen Leute stand. Ich bin aber nicht lange in dieser Kammer gesessen. Die Zeit, mein Junge, war das Jahr des Heiles. Der Aufruhr wogte auch in das Bergthal hinein und da hat sich gewaltig viel Zündstoff gefunden. Die Vasallen, sonst feig und blöde wie eine Heerde von Mauleseln, wurden wach und verstanden die Stunde. Menschenmassen versammelten sich um das Schloß und ein langer hagerer Mann rief: „Mach’ uns auf, Du übermüthiger Schloßherr, in Deinem Hause ist unser gutes Recht vergraben, das wollen wir uns holen!“ Da flog ein Schuß aus des Magnaten Fenster und streckte den drohenden Waldmenschen nieder. Dieser Schuß hat dem Gutsherrn Schloß und Schlag gekostet. Das Gebäude wird gestürmt, bald brennt es an allen Enden, und der Gutsherr, für sein Leben zitternd, sucht ein sicheres Gewahrsam, stürzt in mein Kerkergewölbe und schutzflehend mir zu Füßen. – „Was steigst Du in den Kerker, in den Du mich geworfen hast!“ rufe ich bebend; „weißt Du es wohl, warum Du mich gefangen hältst, und weißt Du, Tyrann, vor wem Du liegst? Vor dem Sohne des Mannes, den Du mißhandelt! Heute giebt das Volk den Streich zurück!“ – „Erbarmen!“ stöhnte er, „Emanuel, vielleicht fleht in diesem Augenblicke Dein leiblicher Vater Dich an um sein Leben –“

„Ich habe den Mann vor der wüthenden Rotte beschützt; es gelang mir, ihn auf kurze Zeit in Sicherheit zu bringen. Bald aber ist er dem Zorne seiner sich selbst befreienden Unterthanen erlegen. – Ich habe in jenen Tagen nicht geruht, habe mitgerungen den wilden Befreiungskampf, der empörenden Unthaten gedenkend, die meinem Volke waren angethan worden. Das erste Opfer dieses Kampfes, der durch des Gutsherrn Kugel hingestreckte Mann war Nella’s Vater gewesen. Nella, freilich, so hat sie geheißen, die ich im Walde ihren Verfolgern entrissen. Nella – mein Sohn, Du kennst ihr Bild, es steht in unserem Hause und ist jene Büste, die ich Dir bisher Eos genannt habe. Nella ist mein Weib geworden.“

„Fast zur selben Zeit aber wird der Aufstand durch Schwert und Strick gebändigt und den Aufrührern werden lichte Pfähle zum Denkmal gesetzt. Mir hat es mein Gewissen laut genug gesagt, was ich gethan, ich habe für mein Volk gestritten. Wäre ich los und ledig gewesen, ich hätte mich ja hingestellt meinen Blutrichtern: „Da habt Ihr mich, Ihr Menschenschänder, mordet mich hin, wie Ihr Tausende gewürgt habt; ich bin ein redlicher Kämpfer meines guten Rechtes!“ – Aber ein geliebtes Weib an der Seite, bin ich geflohen. Ueber die Landesgrenze konnten wir nicht; wir wären verloren gewesen. Doch es hat auch brave Magnaten im Ungarlande gegeben. Ich sage das von dem Manne an der Theiß nicht, weil er uns in seine Burg nahm und beschützte, das that er vielleicht dem Künstler zuliebe, den er in mir verehrte. Ich sage das von jenem Manne, weil er den Geist der Zeit verstanden und ihm Rechnung getragen hat. Dieser Magnat hat seine Leibeigenen freigelassen vor den Tagen der Gewalt; so haben die Leute freiwillig sein Haus und sein Leben beschützt vor den wilden Stürmen der Revolution. – Ein Jahr lang haben wir unter fremden Namen in seinem Hause gewohnt. Hier hatte Nella Gelegenheit, ihren eigenen Geist zu bilden, auf daß er ihrem großen Frauenherzen ebenbürtig wurde. Ich habe in dieser Zeit unserem Schirmer aus Dankbarkeit ein Marmorbildniß gestaltet, von dem der gute Mann so entzückt war, daß er mich bittend zwang, eine Summe anzunehmen, die mir die Sorge für die Zukunft meiner Familie mit einemmale löste. Freilich kam rasch eine andere größere Sorge auf mich angestürmt. Unser Schützer starb an einem Herzleiden, und wir waren obdachlos. Und wir waren mitten im Lande, das mich in Acht und Bann gelegt hatte. – O, mein geliebtes Kind! der heißeste Vatersegen vermag es nicht, des Lebens allumfassendes Ungemach von Deinem Haupte zu scheuchen, aber niemals möge ein Tag Dir kommen, an dem Du heimatlos mit einer jungen Gattin die Menschen meiden mußt und friedlos Nächten und Wüsten entgegenfliehest, um für die zermarterten Glieder eine kurze Ruhestatt zu finden!“

Der alte Mann beugte tief sein Haupt und die schneeweißen Brauen seiner Augen wogten auf und nieder.

Der Wald war gar hoch und finster geworden. Die beiden Menschen schritten rasch. Auf Aladar’s Antlitz hatten während der Erzählung Gluthröthe und Marmorblässe gewechselt. Jetzt preßte er die Lippen fest aneinander. Plötzlich aber stand er still und rief in erregtem Tone: „Vater, laß meine Eltern nicht so lange in der Noth!“

„In Bettlerlappen gehüllt, sind wir gegen den Untergang der Sonne gezogen,“ fuhr der Greis fort, „sind endlich in das grüne Bergland gekommen, dessen Alpenkronen den Satzungen der Menschen nicht unterthan sind, in dessen sangeslebendigen Wäldern blutdürstige Bannflüche spurlos verhallen. – Wir sind frei gewesen. Im Kreise des ewigen Menschenrechtes sind wir leichten und frohen Gemüthes langsam weiter gezogen, um in den deutschen Landen eine bleibende Stätte zu suchen. – Siehe, mein Sohn, nun lichtet sich der Wald; wir sind im Thale und vor uns liegt das Dorf mit den friedlich rauchenden Schornsteinen.“

„So ist es auch an jenem Abende gelegen, als ich und meine Gattin – das liebe treue Weib – des steinigen Weges gegangen kamen. Vor Freuden haben ihre schönen süßen Augen geweint, als sie zu dieser Stunde die traulich umfriedeten Menschenwohnungen gesehen. Allein, als wir durch die Dorfgasse schritten, da sind an den Häusern alle Thüren zugegangen. Ja, ich glaube es, die Bettlerlappen! Aber ich habe mein Schärflein wohl gewahrt gehabt an der linken Brust, unter einem häßlichen Filzpflaster. Und auf meinen Ruf, daß wir getreulich Alles bezahlen wollten, hat uns das Wirthshaus des Ortes aufgenommen. Und nun war es in derselbigen Nacht –“

Die Stimme des Alten wurde tonlos, wollte versagen. Tüchtig räuspern mußte er sich, dann schlug er mit beiden Armen in die Luft hinein und rief: „Ei, geh, das ist albern; hätt’s längst schon verwunden gehabt! – In derselbigen Nacht, da – ja, Freuden, Freuden hat’s gegeben! – Ein Kind hat mir mein Weib geboren. – – O, Du armer, armer Knabe, daß Du das Mutterherz nicht hast empfunden in Deinen Kindestagen! All’ die Liebe und Freude und Sorge und Sehnsucht und Treue des Vaters ist nimmer im Stande, das Mutterherz zu ersetzen. Am Tage Deiner Geburt ist Deine Mutter gestorben. – Komm, Junge, wir wollen an dem Kirchhofe nicht vorübergehen; Du weißt ja den Hügel unter dem Ginster.“

Sie traten in den kleinen Friedhof, schritten still zwischen den armen Holzkreuzen hin, einer grauen Statue zu, die im Dunkel eines Strauches ragte. Diese Marmorstatue stach ganz wundersam ab von den stümperhaften und abgeschmackten Darstellungen des Gekreuzigten, der „Schmerzhaften“, und Insonderheit von den bildlichen Menschengerippen mit Stundenglas und Hippe, wie sie auf dem Kirchhofe zu sehen waren.

Die Marmorstatue stellte eine Frauengestalt dar, die in ernstem Sinnen an einer Urne stand, die linke Hand leicht an die Stirn legte und mit der rechten eine gesenkte Fackel hielt. Ein schönes Ebenmaß lag in dem Bilde, man fühlte Beruhigung und Frieden, wenn man es betrachtete.