Als sie vor der Statue standen, ergriff der Greis des Jünglings Hand und sagte: „Hier, Aladar, habe ich Deine Mutter begraben.“

Und nach einer Weile banger, schmerzlicher Stille brach der Bildner in den Ruf aus: „O, du göttliches Volk der Hellenen! Du hast deine Todten der heiligen Flamme gegeben und ihr Aschenschnee hat deine Wohnungen zu Tempeln geweiht. Uns Heilverlassene fesselt die Liebe an eine Erdscholle und unsere Herzen müssen zu des Gedächtnisses Feier niedersteigen in die Grauen der Gräberfäulniß. – – Vielleicht, mein Junge, habe ich an Dir gefehlt, daß ich Dich einer städtischen Bildung entzogen; aber es ist mir unmöglich gewesen, dieses Grab zu verlassen. Ich war noch nicht an die vierzig Jahre, und dennoch, mein Schicksal ist erfüllt gewesen. Meine ganze Welt lag in diesem umwaldeten Thale. Dort oben auf der Bergeshöhe kaufte ich ein Stück Erde und baute das Haus. Das Waldland ist Deine Wiege geworden, mein Kind, der Frieden der Berge hat Dich gehütet, Dein einsamer Vater hat das wenige Gute, das in ihm selber zu finden, in Dich gelegt. Ich hoffe, Du hast nichts verloren dadurch, daß Dir die Welt, oder was sie so heißen, bisher fremd geblieben. An der Kunst erfreut sich Deine junge Seele, so wie die meine noch; und können wir unsere Ideen hier auch nicht in Marmor gießen, so hauen wir unseren Olymp aus den Stämmen des Tanns und meißeln unsere Götter aus dem weißen Holze der Linde. – Ueber ein Kurzes, und meine Zeit wird ja erfüllt sein. Und ist sie erfüllt, dann mein Kind bette mich hier an die Seite Deiner Mutter. Vergiß es nicht, Aladar, und lasse mir das zum Troste sein. Das Menschengemüth siegt über die Schrecken des Todes und in dem Gedanken der Vereinigung läßt sich’s freudig sterben. Und hast Du mich begraben, so verkaufe das Haus auf der Bergeshöhe und ziehe mit Deiner jungen frischen Kraft in die Welt. Ziehe nicht gegen Mitternacht, dort herrscht die kalte herztödtende Vernünftelei; ziehe nicht gegen Abend, dort waltet die schale Phrase und die stolze Ichsucht. – Ziehe gegen den sonnigen Mittag hin und küsse mir den Boden der Hellenen.“ – –

Diese feierliche Stunde ist aber auf eine recht widerliche Weise unterbrochen worden.

Es lag schon das Abendroth auf dem Marmorbilde, welches das Grab unter dem Ginster hütete. Der alte Mann wendete sich zum Gehen.

Eine Magd trieb drei meckernde Ziegen heran und gerade dem Kirchhofsthore zu. Als Aladar sah, daß die Thiere Miene machten, in den heiligen Garten zu trippeln, stellte er sich sofort vor den Eingang.

„Weg davor!“ rief die Magd, „wirst aber gleich weggehen, Du vertrackter Bub’, Du!“

„Was wollt Ihr denn?“ sagte Aladar, „die Ziegen gehören nicht auf den Gottesacker.“

Da hub die Magd gewaltig an zu keifen, und bald eilte aus dem nahen Pfarrhause ein junges kugelrundes Frauchen herbei; das stemmte seine Arme in die Seiten und konnte gar possirlich schwatzen. – „Du Lotterbub!“ rief sie hell, „die Gaisen laß durch, hörst Du?“

„Nein,“ sagte Aladar gelassen, „die Gaisen laß’ ich nicht durch, und sollte ich bis zum jüngsten Tag da stehen müssen. Ich habe ein Grab in diesem Garten und habe das Recht, dasselbe vor Entweihung zu schützen.“