Der zweite Geselle war ein schwarzer, etwa vierjähriger Stier mit massigen Gliedern, einem ungeheueren Haupte, an dessen beiden Ecken zwei kurze Hörnchen hervorstanden. Um diese Hörner war ein Strick geschlungen, den der Mann mehrfach um seine rechte Hand gewunden hatte, während die Linke einen tüchtigen Haselstock hielt.
So standen sie da und sahen einander an. Die großen pechschwarzen Augen des Stieres glotzten voll Trotz, die ungeheueren Nüstern pusteten stoßweise. Der Mann streichelte dem Rinde den steifen Nacken und die mächtige Fahne, die von dem Unterkinn bis zum Brustblatt zurückging; „sei gescheidt, Schwarzer, sei gescheidt und geh,“ sagte er gelassen, während er bei sich murmelte: „Hätte ich dich nur erst daheim in meinem Hof, du stetiges Rindvieh, ich wollt’ dich schon lehren, wer dein Herr ist!“
Aber als er nun den Strick anzog und mit dem Stock sachte an des Thieres Hinterbeine klopfte, um doch endlich durch die Wegschranke zu kommen, da zog der Stier sein Haupt ein und stieß ein dumpfes Gebrüll aus.
Auf diese Aeußerung verhielt sich der Mann wieder eine Weile ruhig, knirschte aber vor Zorn mit den Zähnen; eine solche Widerspenstigkeit war er nicht gewohnt. Er sah aber auch die Gefahr ein, die ein wildgewordener Stier bringen kann. So blickte er rathlos in die Runde.
Nichts als Heidekraut, Erlsträuche und Föhrenbäume.
Als jedoch die Beiden eine lange Weile vor der Wegschranke so gestanden waren, da kam die Richtung aus dem Untergäu ein Bursche des Weges. Die Kleidung desselben war ärmlich, aus blaugefärbter Grobleinwand; über den rothbraunen Locken trug er eine bunt gestreifte Zipfelmütze. Das runde Gesicht war noch bartlos, aber stark geröthet. Das Haupt tief nach vorn gesenkt, so daß die Zipfelmütze gerade emporstand, die beiden Hände in den Hosentaschen, so schlenderte der Bursche heran.
„He, Du!“ rief ihm der Mann im grünen Rocke zu, „geh’ her, hilf’ mir den Stier treiben!“
Der Zipfelmützenkopf hob sich empor.
Wer ist denn Der, daß er einem Fremden auf der Straße so mir nichts dir nichts Befehle giebt? Ich habe meines Wissens keinen Herrn, nunmehr gar keinen. – Na, der Bauer von der hohen Weid! Ei, das ist was Anderes, der ist der reichste und angesehenste Mann im ganzen Gäu, und der höchste obendrein, denn der Hochweidhof steht auf dem Rochusberg und blickt hoch über alle Dachgiebel und über Berg und Thal hin in’s Land. So ein Mann kann freilich auf allen Wegen und Stegen sein herrisch „Geh’ her! pack’ an!“ sagen.