Der Hof auf der hohen Weid ist eine Almerei im Großen. Die silberweißen Schindeldächer des vielfältigen Gebäudes leuchten weit hinaus in die Gegend, sie sind von keinem Schutzbaume beschattet, sie liegen frei in einer sonnseitigen Mulde des Rochusberges. Im Hofe giebt es Schellengeklingel, Rindergebrüll und Ziegengeblök zu allen Tageszeiten. Wenn auch im Sommer große Heerden auf dem Hochboden und den Hinteralmen weiden, in Gegenden, die noch ein gut Stück höher liegen, als der Hof, so sind auch in diesem immer noch Kühe, Ochsen, Ziegen, Schafe und Schweine zur Genüge vorhanden, und ein prickelnder Duft, wie er zum Entsetzen der Recensenten häufig in Dorfgeschichten zu spüren sein soll, verleiht der großen Almwirthschaft erst den rechten Nimbus. Ein zahlreiches Gesinde, theils schläfrig, theils lustig, ist dem Viehstande beigemengt. Hinkende und bekropfte Schafhirten, alte, träge Ochsenwarte, aber auch flinke und ewig jodelnde Käserinnen, Buttermädchen, stets barfuß und hochgeschürzt und stets mit ihren Kühen und Kalben plaudernd, weil ihnen das Mannsvolk zu langweilig. Schuhe und Strümpfe tragen zur Sommerszeit nur die Großbäuerin und der Bauer und ihre zwei Söhne. Diese zwei Söhne sind junges, lustiges Blut; aber der Aeltere war so hoffärtig, daß er in die Stadt studiren ging; und der Jüngere ist seiner Schulzeit noch so nahe, daß er kaum erst den Katechismus wieder vergessen hat. Er beschäftigt sich viel mit Forellenfischen und Spatzenfangen, reitet den Ziegenbock, neckt die alten Kühe, bis sie ausschlagen, und ist somit dem Weibervolke auf der hohen Weid ein Gräuel.

Kein Wunder, die Langweile auf so einem Almhof, an dem keine Straße vorüberführt, auf dem man des Jahres außer den Viehhändlern kaum drei Fremde sieht. Gar kein Wunder, daß an diesem Tage, von dem wir erzählen, eine gewisse Stimmung des Hangens und Erwartens auf den Gemüthern lag. Der Stier kommt! Gestern ist der Bauer in das Untergäu gegangen, heute, längstens bis zum Nachmittagsbrot kommt der neue „Jodel“.

Die Stalldirnen fegten alle Spinnweben von den Winkeln, den Kehricht vor den Thüren weg, striegelten die Rinder glatt und sauber, und die Oberkäserin ging mit dem Gedanken um, zu Ehren des Ankömmlings einen Schottenkuchen zu beizen, der so groß wäre, wie ein Melkzuber.

Endlich, zur Stunde, als die Giebel des Gehöftes schon lange Schatten legten über die frischgemähte Wiese hinab, erhob sich eine lebhafte Bewegung, und Alles rief oder flüsterte: „Er kommt!“

Dröhnend und mit heftig hin- und herschlagender Halsfahne trottete der Stier raschen Schrittes in den Hof. Daß der Bauer mit dabei war, verstand sich von selber, aber daß auch noch ein Anderer – – ein junger, hübscher Bursche, manierlich über und über! – Mit der Zunge hat er geschnalzt, als sie zum Thore hereinkamen. Jetzt hält er den Stier an den Hörnern, während der Bauer Anordnungen trifft. Will sich’s aber nicht recht gefallen lassen, der Schwarze, schnaubt und pustert und plötzlich macht er einen Sprung. „Laß aus, laß aus!“ rief man dem Burschen zu, aber dieser läßt nicht ab von den Hörnern, wird mit fortgeschleift. Das Weibervolk kreischt auf, ruft den Namen Jesu an; da läßt der Bursche mit der Rechten los, ballt sie zur Faust und versetzt dem wilden Rinde einen Schlag hinter dem Auge. Der Schlag war weit zu hören, der Stier stand still, wendete langsam das Haupt; es war ihm nicht wohlgemuth. Sie standen wieder ruhig beisammen. Das Heer der Knechte nahte. Die Butter-Toni war gar ein weichherzig Mägdlein, die wäre für ihr Leben gern dem jungen Menschen zugesprungen, um ihn zu fragen, ob er sich wohl nirgends weh gethan; aber ihre Scheu vor dem Schwarzen war doch zu groß. Erst als der Stier in seinem Stalle war, kam sie mit Nadel und Zwirn herbeigerannt, um dem Fremdling das Beinkleid zu schlichten, das am Knie einen großen Riß bekommen hatte. Der so freundlich erwartete Stier aus dem untern Gäu hatte die Zuneigung der Bewohnerschaft von der hohen Weid verscherzt; hingegen war dieselbe im vollen Maße dem tapfern Fremden zugefallen, der nun in die Gesindestube geführt wurde, wo ihm der Hausvater reichlich zu essen auftragen ließ.

Durch die Thürfugen, durch die Fenster guckten die Mägde in die Stube, um den jungen Mann sitzen und essen zu sehen, bis der Bauer plötzlich den Ruf that: „Sakra! heißt das arbeiten?“ Da zogen sich die Augen zurück.

Jetzt ging die Thür auf, ein langer, hagerer Mann trat ein und sagte mit heiserer Stimme: „Glück herein, Unglück hinaus, der Herrgott beschütze dieses Haus!“

„Dank’ schön, dank’ schön,“ versetzte der Hochweidhofer und wendete seinen Kopf zum Fenster hinaus. Den alten Hirtengruß hörte er gern, aber den Mann, der ihn jetzt gesprochen hatte, mochte er nicht recht leiden.

Der Eintretende sah aber auch nicht just danach aus. Er hatte mattgraue Tuchkleider am Leibe, die aber schon recht abgetragen und an allen Enden zu kurz und schlottrig waren. Der obere Theil der Gestalt war stark nach links geneigt, so daß der dünne, schlanke Mann aussah wie ein geknickter Zaunpfahl. Die rechte Achsel war emporgezogen und auf derselben lehnte der kleine Kopf, der mit seiner niedern, breiten Stirn und dem scharfspitzigen Kinn eine dreieckige Form hatte. In diesem Dreiecke waren für’s Erste zwei wassergraue schielende Aeuglein, eine scharfe, aber zu kurz gerathene Nase mit weiten Nüstern, und ein erklecklich breiter Mund, an dem die Oberzähne so weit hervorstanden, daß sich die Unterlippe bequem hinter denselben bergen konnte. Zuckend hob der Mann den Arm, um seine braune Pelzmütze abzuziehen, denn artig war der Remini Dreihand immer, und die braune Pelzmütze trug er auch immer; diese war so zu formen, daß sie entweder ein Sonnendächelchen für das Auge, oder zur Winterszeit ein paar Schutzlappen für die Ohren gab.