Der kleine Bub, der als Treiber ging, war gewiß noch nicht zehn Jahre alt, aber er hatte einen so großen Filzhut auf dem Haupte, daß er das kleine Gesicht sehr hoch empor halten mußte, wollte er aus der ungeheueren Krempe hervor den schwarzen Stier und den blauen Knecht mit der Zipfelmütze noch sehen.
So zogen sie die Höhe hinan, über die Steinhalden und Grasblößen dahin, die schönen Matten des Hochboden entlang bis gegen die Hütten der Hinteralm. Der Kleine war Wegweiser. Sie hatten unterwegs manchen Strauß zu bestehen.
Dort und da waren in einem Schocke Rinder beisammen, die sich sehr für den vorüberziehenden Blutsfreund interessirten. Der Schwarze selbst wollte mit den Standesgenossen anbinden, und besonders, wo er Kühe und Kalben wahrnahm, da wollte er zu ihnen, oder er war kaum vom Flecke zu bringen. Die kräftige Hand Melchior’s gehörte dazu, um ihn zu bändigen, und der kleine Junge schlug stets einen solchen Lärm sowohl mit seiner Riemenpeitsche als auch mit seiner hellen Stimme, daß das Rindvieh ordentlich Respect davor bekam.
Endlich sahen sie die Hütte, aus welcher dünner Rauch in die Abendluft aufstieg und in welcher Melchior bei dem Sennermägdle übernachten sollte.
Es wurde dem Burschen ganz seltsam auf dieser Höhe; da war’s so still, so weit, so frei. Seine Glieder waren munter, sein Herz war andächtig und übermüthig zugleich.
Vor der Hütte weideten einige Schweinchen; am Brunnen trank eine betagte Kuh, im Hollerstrauch daneben schäkerten ein paar Ziegen. Die Hüttenthür war offen, aber die untere Hälfte derselben war durch einen Gadern gesperrt, auf daß die vorerwähnten Thiere nicht freien Eintritt hatten in die menschliche Behausung, in welcher das Sennermägdle wirthete.
Der Melchior lugte schon von weitem auf die Thür. Er sah innerhalb derselben in der Dunkelheit und dem Rauch des Herdfeuers eine Gestalt stehen, die gemächlich den Stab eines Butterrührkübels auf- und niederzog und dabei ein Pfeifchen schmauchte. Das Gesicht war runzelig und gar verdorrt, die kurzgeschorenen Haare waren dünn und grau. Die Dreie nun bemerkend, ließ diese Gestalt den Rührstab ruhen und machte einen langen Hals, der rechtschaffen gebräunt und an dem die Adern wie ein Knäuel rauher Stricke ineinandergingen.
„Gelt, Nickerl, es wohnen mehr Leute in der Hütten als Einer?“ fragte Melchior den Knaben.
„Nein,“ antwortete dieser.